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StartseiteKommentare und Themen der WocheGlücksfall in Zeiten des Umbruchs31.03.2019

Entscheidung in der SlowakeiGlücksfall in Zeiten des Umbruchs

„Politische Umbruch-Situationen suchen sich ihr Führungspersonal selbst“, kommentiert Peter Lange die Präsidentschaftswahl in der Slowakei. In vielen Fällen sei das nicht zum Besten eines Landes. Ganz anders in der Slowakei. Mit Zuzana Caputova hätten sich die Wähler für den demokratischen Wandel entschieden.

Von Peter Lange

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Die neu gewählte slowakische Präsidentin Zuzana Caputova bereitet sich auf einen Fernsehauftritt vor. (AFP / Vladimir Simicek)
"Authentisch und integer": Zuzana Caputova, die Neue Präsidentin der Slowakei (AFP / Vladimir Simicek)
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Als ihr Wahlsieg feststand, hat Zuzana Caputova als erstes eine Kerze entzündet an dem improvisierten Mahnmal für Jan Kuciak und Martina Kusnirova in Bratislava. Ein starkes Signal, denn es zeigt, weshalb die Rechtsanwältin in die Position gekommen ist, die sie Mitte Juni offiziell übernehmen wird.

Authentisch, integer, glaubwürdig

Der Mord an dem Journalisten und seiner Verlobten  hat viele Menschen nicht ruhen lassen. Sie sind immer wieder für eine anständige Slowakei auf die Straßen gegangen und haben einen grundlegenden politischen  Wandel verlangt. Historische politische Umbruch-Situationen suchen sich ihr Führungspersonal selbst. Wie es aussieht, wenn es schlecht läuft, lässt sich zurzeit an vielen Ländern ablesen: USA, Brasilien, Philippinen, Italien, Großbritannien. Die Liste ist beliebig erweiterbar. Wenn es gut läuft, sind Leute wie Vaclav Havel zur Stelle, damals vor 30 Jahren in der Tschechoslowakei oder jetzt Zuzana Caputova: auch authentisch, aber eben auch integer, glaubwürdig, klar und demokratisch. Es ist eben kein Naturgesetz, dass die Unzufriedenheit der kleinen Leute mit denen da oben immer ins nationalistische oder rechtsextremistische Fahrwasser münden muss.

Für die Slowakei ist es ein Glücksfall, dass in dieser Phase des beginnenden Umbruchs diese Frau bereitstand, um der weit verbreiteten Frustration und der Enttäuschung über den politischen Zustand des Landes Gesicht und Stimme zu geben. Wenn es gut läuft, dann kann sie nun allein durch ihren eigenen Stil die politische Kultur in der Slowakei verbessern. Das wäre nicht wenig in diesem affärengeplagten Land, in dem es häufig recht ruppig zugeht zwischen Regierung, Opposition und Medien.

Reifeprüfung bestanden

Aber trotzdem ist es zunächst nicht mehr als eine Chance, die auch das Potential zum Scheitern hat. Zuzana Caputova ist nicht die Chefin der Exekutive, sie übernimmt ein Amt mit überwiegend repräsentativen Funktionen. Und sie steht einer Regierung gegenüber, die ihr nicht übertrieben freundlich gesonnen sein wird. Es ist davon auszugehen, dass sie auch Erwartungen enttäuschen muss. Allerdings hat die Opposition besonders außerhalb des Parlaments viel Geduld und einen langen Atem bewiesen. Auch wenn die Wahlbeteiligung unter 50 Prozent lag, was die Skepsis vieler mit dem politischen System überhaupt zum Ausdruck bringt: Die demokratische Slowakei ist seit dem Mord an Jan Kuciak vor gut einem Jahr an sich selbst gewachsen und hat gestern eine Reifeprüfung bestanden.

Unbelastetes Vorbild

Mit der 45jährigen Anwältin kommt eine Person ins höchste Staatsamt, die nicht einmal mehr von kommunistischen Jugendsünden belastet ist. Auch insofern ist das eine Zäsur, denn es ist die heutige Generation 50 plus, die nach 1989 oftmals clever und rücksichtslos und vor allem mit dem Insiderwissen ihrer Eltern aus der kommunistischen Nomenklatura jene oligarchischen Strukturen aufgebaut hat, die sich dann der Wirtschaft und der Politik bemächtigt haben.

Deshalb werden nun auch viele Menschen in Tschechien mit etwas Sehnsucht und Neid zu den slowakischen Brüdern und Schwestern schauen. Die  bekommen jetzt eine Präsidentin auf der Höhe der Zeit, die das Amt angemessen ausfüllen kann. Dagegen sieht Milos Zeman, der alte Provokateur und Zyniker auf der Prager Burg, gefangen in den Vorstellungen der 1970er und 80er Jahren, noch mal um einiges älter aus.

Zu sehen ist Peter Lange, der Chefredakteur von Deutschlandradio Kultur (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Peter Lange (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Peter Lange, Jahrgang 1958, studierte an der Freien Universität in Berlin Publizistik, Politologie und Neuere Geschichte. Schon vor seinem Abschluss begann er 1983 als Nachrichtenredakteur bei RIAS Berlin. Ab 1995 arbeitete er beim Deutschlandfunk, zunächst als Dienstleiter in den Nachrichten, ab 1999 als Zeitfunk-Redakteur und Moderator. 2005 übernahm er die Leitung der Abteilung "Aktuelles" beim DLF. 2007 kehrte er als Chefredakteur von Deutschlandradio Kultur ins Berliner Funkhaus zurück. Seit August 2016 ist er Korrespondent von ARD und Deutschlandradio in Prag.

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