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Entsetzen in Frankreich

Die brutale Folterung und Ermordung eines Pariser Juden vergangene Woche durch junge Kriminelle aus dem afrikanischen Einwanderer-Milieu hat in Frankreich Entsetzen und Angst vor einer neuen Qualität des Antisemitismus ausgelöst. Schon seit Jahren beklagen Vertreter der jüdischen Gemeinde, dass Antisemitismus in Frankreich nicht wirksam bekämpft wird - auch wenn noch unklar ist, ob dies bei der Ermordung des 23-jährigen Ilan Halimi wirklich eine Rolle spielte. Doch viele Religionsangehörige fühlen sich in Frankreich nicht mehr sicher, in einem Land, wo inzwischen zehn Mal so viele Moslems leben wie Juden. Christoph Heinemann berichtet.

23.02.2006

Marie-Hélène Amiable ist zur Zeit von morgens bis abends in der Hochhaussiedlung Pierre plate unterwegs. "Diese Siedlung ist nicht die Hölle", sagt die Bürgermeisterin der Gemeinde Bagneux im Süden von Paris.

" Dies ist ein Stadtviertel, in dem einfache Leute wohnen. Bagneux ist eine tolerante Stadt, in der alle Religionsgemeinschaften zusammenleben. Dies ist ein multikultureller Ort und wir arbeiten daran, dass der gegenseitige Respekt die Grundlage der städtischen Gemeinschaft bildet. "

Bagneux und die Siedlung Pierre plate sind durch den Fall Ilan in die Schlagzeilen geraten. Der 23 Jahre alte Franzose jüdischen Glaubens war in der vergangenen Woche am Bahngelände der Kleinstadt aufgefunden worden, unbekleidet und mit Spuren schwerer Misshandlungen, an denen er kurz darauf starb. Ilan Halimi war vor drei Wochen von einer Bande junger Erwachsener entführt worden, die sich "die Barbaren" nannte. Die Täter, die zum Teil aus afrikanischen und maghrebinischen Einwandererfamilien stammen, hatten sich offenbar gezielt einen Juden ausgesucht, weil sie davon ausgingen, dass sie von seiner Familie Lösegeld erpressen könnten. Mehr als zehn Verdächtige wurden bisher festgenommen, darunter auch ein Hausmeister der Siedlung, der den Entführern möglicherweise Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hatte, in denen Ilan Halimi gefangen gehalten und misshandelt wurde. Youssouf Fofana, der 25 Jahre alte Anführer der Bande, der sich selbst als das "Gehirn der Barbaren" bezeichnet hatte, hat sich in sein Heimatland Elfenbeinküste abgesetzt. Fahnder der französischen Polizei ermitteln in dem westafrikanischen Land. In Frankreich herrscht Entsetzen über die Tat und den vermutlich antisemitischen Hintergrund des Verbrechens.

"Ich habe den Innen- und den Justizminister angewiesen, dafür zu sorgen, dass dieser Fall restlos aufgeklärt wird, vor allem was die Motive dieser widerlichen Tat betrifft," erklärte Dominique de Villepin. Der Premierminister und auch Staatspräsident Jacques Chirac werden am Abend an einer Gedenkzeremonie in der Großen Synagoge von Paris teilnehmen. Der ehemalige Erziehungsminister Francois Fillon, der Abgeordnete der Regierungspartei UMP ist, sagte:

" Das ist ein Akt beispielloser Gewalt und Rohheit. Es handelt sich hier nicht um einen Einzelfall, sondern dies entspricht einer Stimmungslage, wie sie vor allem in unseren Vorstädten anzutreffen ist. Diese Personen sind keine Gehirne und keine Barbaren, es sind Leute, die unsere Verachtung und das Gefängnis verdienen. "

Die Entführung, die Misshandlung und der Tod von Ilan Halimi hat die viele jüdische Bürger zutiefst erschüttert. Gleichzeitig wirft das Verbrechen ein Schlaglicht auf das Zusammenleben von Juden und arabischstämmigen Moslems in Frankreich, das seit rund 15 Jahren durch die Lage im Nahen und Mittleren Osten sowie durch die Verbreitung des islamischen Fundamentalismus von Spannungen gekennzeichnet ist. Der Inhaber einer koscheren Metzgerei im 19. Pariser Stadtbezirk berichtet:

" Unsere Kinder gehen auf jüdische Schulen. Ich habe noch die laizistische Schule besucht. Wir waren mit den Arabern befreundet. Inzwischen ist das nicht mehr möglich. In den öffentlichen Schulen respektieren die Jugendlichen nicht einmal mehr die Lehrer und schon gar keine andere Religionsgemeinschaft. Wer eine kleine Kopfbedeckung trägt, wird sofort angegriffen: mit Worten, mit Händen und dann mit Schlägen. "

Frankreich verfügt über die größten moslemischen und jüdischen Minderheiten in Europa. Rund fünf Millionen Moslems und 600.000 Juden leben im Land. Viele sind Einwanderer aus Nordafrika und leben in den ärmlichen Vierteln der Großstädte nahe beieinander.

Der UMP-Politiker Francois Fillon warnt:

" Der Rassismus und der Hass zwischen den Religionsgemeinschaften grassiert nicht nur in unserem Land. Wir müssen mit aller Kraft das bekämpfen, was unseren republikanischen Pakt gefährdet. "