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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie aus der Höhlenmalerei abstrakte Zeichen wurden08.01.2015

Entstehung der SchriftWie aus der Höhlenmalerei abstrakte Zeichen wurden

Auerochsen, Gazellen, Menschen mit Pfeil und Bogen: Das sind typische Motive der Höhlenmalerei, die Menschen der Altsteinzeit hinterlassen haben. Durch zunehmende Abstraktion haben sich daraus über Jahrtausende die Schriftzeichen entwickelt.

Von Matthias Hennies

Die Entdeckung in den 90er-Jahren war eine Sensation. Im kahlen Bergland der Südost-Türkei, nahe der alten Stadt Sanliurfa, kam damals das Steinzeit-Heiligtum auf dem Göbekli Tepe ans Licht, auf dem "gebauchten Berg": Der ringförmige Bau aus Mauern und hohen, menschen-ähnlich gestalteten Pfeilern gilt als älteste Tempelanlage der Welt. Er wurde zwischen 10.000 und 9.000 vor Christus errichtet – von einer Kultur von Jägern und Sammlern, also noch vor der "Neolithischen Revolution".

"Gerade noch vor der Ausbildung von Ackerbau, Viehzucht, also diesem neolithischen Paket, wo auch noch die Sesshaftigkeit dazukommt, und es funktioniert anscheinend als eine Art großes Heiligtum, in dem verschiedene Gruppen zusammengekommen sind, die dort Feste gefeiert haben und eben gewaltige Bauwerke errichtet haben: Diese bis zu fünf Meter hohen steinernen Figuren, die wir gern als Pfeiler bezeichnen, aber bei denen es sich durch Darstellung von Menschenarmen und teilweise Gesichtern um sehr stark stilisierte, wahrscheinlich dann übernatürliche Wesen handelt."

Ludwig Morenz, Professor für Ägyptologie an der Universität Bonn und Spezialist für Zeichentheorie, hat sich intensiv mit den stilisierten Figuren befasst. Es wären die ältesten benennbaren Götter - wenn man sagen könnte, wen sie darstellen.

"Um das dann genauer bestimmen zu können, finden wir auf einigen dieser Pfeiler-Wesen ganz kleine Zeichen, die sind so im Brustbereich wie eine Art Namenstäfelchen umgehängt und da finden wir dann bei dem einen eben mal einen Stierkopf, bei dem anderen eine Kombination aus Mondscheibe und Mondsichel und da können wir dann schon eben mit größerer Wahrscheinlichkeit sagen, wenn diese Bestimmung als Götter plausibel ist, dann dürften ihnen diese Zeichen eine bestimmte Identität zuschreiben."

Der eine wäre demnach ein Mondgott, der andere ein Stiergott –aus späteren Kulturen des Vorderen Orients wohl bekannte Gottheiten.

Für Morenz ist aber nicht die Benennung entscheidend, sondern die Symbolik auf den "Namensschildern": Diese Symbole, erklärt der Wissenschaftler, waren die Vor-Form der Schrift. Hier hat zum Beispiel der Stierkopf eine andere Funktion als auf den Stierbildern der altsteinzeitlichen Höhlenmalerei.

"Der große Unterschied ist eben der, dass dort ganze Stiere dargestellt werden und hier eben nur ein kleiner Teil davon, nämlich der Stierkopf. Und der Stierkopf ist eben nicht einfach nur ein Abbild eines Stierkopfes, etwa als Delikatesse, sondern ist im Gegenteil etwas - und das ist das Neue – das eben für etwas Anderes steht."

Er steht offenbar für eine Eigenschaft des Stiers, die man der Gottheit zuspricht, vielleicht Kraft oder Männlichkeit. Aus dem Bild ist damit etwas Abstrakteres geworden: ein Bild-Zeichen. Diese neue Kategorie war der Durchbruch zu einem neuen Symbolsystem – an der Schnittstelle zwischen konkreten Abbildungen und abstrakten Schriftzeichen.

Die selbe Kategorie von Symbolen findet sich nicht nur in dem Heiligtum am Göbekli Tepe, sondern auch in seiner weiteren Umgebung. Zum Beispiel auf gerillten Steinen, mit denen man den Schaft von Pfeilen glättete.

"Oben ist ein Adler oder Geier, wie wir ihn auch auf den Pfeilern von Göbekli Tepe finden, dann noch ein Fuchs, es sind Schlangen drauf - und alle Zeichen hängen mit dem zusammen, was man vom Pfeil sich wünscht: Dass er wie der Adler fliegt, wie der Fuchs rennt und eventuell sogar giftig wie die Schlange ist. Man könnte sogar sagen, fast so eine Art bildlich ausgedrückter Poesie, die da drin steckt: Pfeil, mögest du fliegen wie der Adler, mögest du zupacken wie der Fuchs, mögest du stechen wie die Schlange. "

Zwei Symbole stechen hervor: Sie sind der Inbegriff eines Zeichens. Erstens das der Schlange, denn die Schlange hinterlässt eine geschlängelte Spur im Sand, auch wenn sie selbst nicht mehr da ist. Und zweitens, ganz ähnlich, das Symbol der Hand, denn mit der Hand kann man viele Zeichen geben. So in der Kombination von beiden, die Forscher in einer Ausgrabung weiter südlich am Tell Qaramel fanden, jenseits der Grenze nach Syrien. Mehrere Schlangen und Reihen von Händen: Vielleicht Ausdruck der Warnung "Stopp, Schlangen"?

Das gleiche Zeichen-Repertoire lässt sich in einem Umkreis von etwa 120 Kilometern um den Göbekli Tepe nachweisen. Die Symbolde waren also normiert, waren für viele Menschen verständlich: die entscheidende Qualität, um von einer medialen Evolution zu sprechen, erklärt Ludwig Morenz.

Als nächster Schritt nach der Entwicklung des Bild-Zeichens folgten dann, viele Jahrtausende später, die Hieroglyphen der Ägypter: die Schriftzeichen.

"Bei den ägyptischen Hieroglyphen ist es ja so, dass man denen ihren bildhaften Ursprung meist noch sehr stark ansehen kann. Das ist das Überraschende gewesen, was auch die Entzifferung über Jahrhunderte behindert hat, dass die Forscher in früherer Zeit gedacht haben, was so bildhaft aussieht, muss auch eine Bilder-Schrift sein. Eine ganz detailliert ausgearbeitete Eule, die aus einem Vogelkundebuch stammen könnte, steht eben in den meisten Fällen schlichtweg für den Konsonanten M. Der hat gar keine Assoziation zur Eule mehr."

Eine weitere Eigenschaft zeichnet Schriftzeichen aus: Sie haben auch eine lautliche Dimension, sie können gesprochen werden. Die Hieroglyphen entstanden um 3300 vor Christus. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte sich in Mesopotamien die Keilschrift. Sie hat ihre bildhafte Qualität sehr schnell verloren: Abstrakte Keile, die fast aussehen wie Striche, waren einfach praktischer, wenn man Schriftzeichen mit einem Griffel in Tontafeln drücken wollte.

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