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StartseiteKommentare und Themen der WocheKontaktbeschränkungen für Geimpfte sind nicht mehr haltbar 26.04.2021

Enttäuschender Impfgipfel Kontaktbeschränkungen für Geimpfte sind nicht mehr haltbar

Die Ergebnisse des Impfgipfels sind halbherzig, kommentiert Frank Capellan. Für Geimpfte soll immerhin Einkaufen ohne Test und Urlaub ohne Quarantäne schnell wieder möglich sein. Vieles andere wurde aber vertagt. Warum nicht mutiger?

Ein Kommentar von Frank Capellan

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Passanten in der Innenstadt in Frankfurt am Main (picture alliance / Daniel Kubirski )
„Es wäre überfällig gewesen, mehr zu wagen – für die Geimpften“ (picture alliance / Daniel Kubirski )
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Es wurde höchste Zeit. Seit Wochen erklärt die Wissenschaft: Geimpfte geben das Virus kaum noch weiter. Ihnen darf die Rückgabe ihrer Freiheitsrechte nicht vorenthalten werden. Heute erst reagiert die Politik, halbherzig! Immerhin Einkaufen ohne Test, Urlaub ohne Quarantäne, das soll schnell wieder möglich sein. Bund und Länder wollen nach quälenden, ergebnislosen Nachtsitzungen beweisen, dass sie auch in rekordverdächtigen zweieinhalb Stunden etwas entscheiden können. Hört sich gut an, täuscht aber darüber hinweg, dass vieles vertagt wird.

Eine Frau wartet im Impfzentrum in der Frankfurter Festhalle bei einem Sondertermin auf die Impfung mit dem Impfstoff von Astrazeneca geimpft. In Frankfurt und weiteren Impfzentren in Hessen können sich Personen über 60 Jahre am Wochenende für Sondertermine mit dem Impfstoff von Astrazeneca anmelden. (dpa) (dpa)Coronavirus - Impfpriorisierung soll ab Juni aufgehoben werden 
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Denn was über Friseur- oder Baumarktbesuch hinaus für Geimpfte gilt, muss noch geklärt werden. Warum nicht mutiger? Vor allem die, bei denen der Staat ohnehin in der Schuld steht, die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen hätten heute Abend die deutliche Botschaft verdient gehabt, wieder alles zu dürfen. Denn warum um alles in der Welt sollen die endlich geimpften Bewohner nicht gemeinsam essen dürfen? Mit welchem Recht wird geimpften Angehörigen der uneingeschränkte Besuch untersagt? Was alle anderen angeht, sollten sie nicht mit Verordnungen vertröstet werden, die es noch auszuarbeiten gilt.

Eine mögliche Visualisierung des geplanten digitalen Impfpass liegt neben einem analogen Impfpass. Die EU-Staats- und Regierungschefs hatten am Donnerstag eine europäische Lösung beim Corona-Impfpass beschlossen. Themenbild, Symbolbild *** A possible visualisation of the planned digital vaccination card lies next to an analogue vaccination card The EU heads of state and government had decided on Thursday on a European solution for the Corona vaccination card Topic image, symbol image Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage (imago / Future Image / C. Hardt) (imago / Future Image / C. Hardt)Mehr Freiheiten für Geimpfte und Genesene? 
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Das Mittel gegen Ungerechtigkeit: schneller impfen

Kontaktbeschränkungen für Geimpfte sind nicht mehr haltbar. Vielleicht schon morgen könnte das Bundesverfassungsgericht die Ausgangssperren für nichtig erklären, auch weil der Gesetzgeber die Geimpften davon nicht ausnehmen wollte. Noch zögert die Politik. Allzu viele Freiheiten könnten Dämme brechen lassen. Vor allem aber treibt die Verantwortlichen um, dass es noch Monate dauern wird, ehe alle das berühmte Impfangebot erhalten haben. Eine Rückgabe von Rechten ist unfair für die, die warten müssen, das könnte die Gesellschaft spalten. Dagegen hilft nur eines: Schneller impfen, auch durch das sofortige Beenden einer Priorisierung, die nicht mehr funktioniert. Denn immer noch warten alte Menschen und solche mit Vorerkrankungen auf eine Einladung ins Impfzentrum, während Gesunde und Jüngere zu ihnen eigentlich fremden Ärzten pilgern – mit Erfolg. Auch das spaltet. Wer brav auf die Post des Staates wartet, ist der Dumme. Wer sich aktiv kümmert, ist längst geimpft. Leider sind Bund und Länder auch da viel zu zögerlich.

Erst im Juni soll die anfangs gut gemeinte Aufteilung in Impfgruppen fallen. Viel besser wäre es, schon jetzt die Devise an alle auszugeben: Termin machen, am besten beim Hausarzt. Der nämlich geht seine Patientenlisten durch und weiß genau, wer den Stoff am nötigsten hat. "Gute Gespräche, es läuft!"  – war nach dem Impfgipfel zu hören. Schönrederei nach dem Kommunikationsdesaster der letzten Wochen. Es wäre überfällig gewesen, mehr zu wagen – für die Geimpften.

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

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