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StartseiteKommentare und Themen der WocheVerlieren heißt Veränderung30.06.2018

Entthronte WeltmeisterVerlieren heißt Veränderung

Joachim Löw sollte Bundestrainer bleiben, kommentiert Matthias Friebe. Der DFB hingegen sollte raus aus seinem Kosmos: weniger Kommerzialisierung der Nationalelf, dafür mehr Begeisterung für das Spiel und Nähe zum Publikum. Dann könnte sich die Nationalelf wieder zu einem mitreißendem Team entwickeln.

Von Matthias Friebe

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Der schwarz gekleidete Löw, von größerer Entfernung von oben fotografiert, geht mit gesenktem Haupt über den Rasen. (Christian Charisius / dpa)
Der schwarz gekleidete Löw, von größerer Entfernung von oben fotografiert, geht mit gesenktem Haupt über den Rasen (Christian Charisius / dpa)
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Die Kleidung schwarz, die Schritte bedächtig, die Mienen ernst. Es hatte etwas von einer Beerdigung. Für Joachim Löw und die Nationalmannschaft war der stille und wortlose Gang zum Flughafen auch eine Art Abschied - die Beerdigung des Traums von der Titelverteidigung. Vielleicht kam bei dem einen oder anderen jetzt konkret an, was am Abend zuvor in Kasan passiert war: Das historische Aus bei einer WM in der Vorrunde.

Bei der Analyse rückt natürlich, wie könnte es anders sein, die Person des Bundestrainers in den Mittelpunkt. Kann es mit Joachim Löw weitergehen? Klar zu sein scheint, dass der DFB ihn nicht entlassen wird, im Präsidium um Reinhard Grindel steht man zum kürzlich erst verlängerten Vertrag. Aus Solidarität, aber nicht zuletzt auch mangels Alternativen. Wenn, dann kann wohl nur Joachim Löw selbst seine Zeit auf der DFB-Trainerbank beenden.

Unter Löw anderer Fußball als zuvor

Natürlich muss auch er sich hinterfragen, warum es in Russland nie gelungen ist, mit der Mannschaft eine Einheit zu bilden, warum sein Team seit einem Jahr kein gutes Länderspiel mehr abgeliefert hat. Joachim Löw wird nachdenken, auch über seine Fehler, beispielsweise sein zu spätes Eingreifen nach Rückständen in den WM-Spielen.

Dennoch: Joachim Löw sollte Bundestrainer bleiben. Sechsmal in Folge führte er seine Mannschaft in ein Halbfinale bei einer EM oder WM, gekrönt mit dem Weltmeistertitel vor vier Jahren in Brasilien. Als er 2004 noch als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann begann, lag der deutsche Fußball am Boden. Doch damals gelang trotz äußerst trüber Perspektiven Bemerkenswertes. Mit dem Mut, auch jungen Spielern zu vertrauen, und eine neue Art Fußball zu wagen, begann eine Phase großer Erfolge. Sogar der eine oder andere Titel mehr wäre noch möglich gewesen. Spätestens seit Löws erster WM als Chef, 2010 in Südafrika, sah die Fußball-Welt die deutsche Mannschaft anders als zuvor. Vorbei die Zeiten der abwehrstarken Taktiker, der kämpfenden Maschine. Auf einmal wirkte der deutsche Fußball leicht, er war geprägt von Offensivdrang und technischer Stärke.

Ein "Weiter so" reicht nicht

Mit dieser Spielweise einer Mannschaft, die zugleich dank scheinbar problemlos gelingender Integration als gesellschaftliches Vorbild diente, begeisterte man die Fans in Deutschland und auf der ganzen Welt. Ein so nicht gekanntes Gemeinschaftsgefühl war man von der Mannschaft mit dem Adler auf dem Trikot nicht gewohnt. Diese Verdienste dürfen nicht vergessen, müssen aber dringend wiederbelebt werden. Und das geht mit Löw, dem Architekten dieser Erfolgsgeschichte.

Ändern muss sich trotzdem eine Menge. Dass ein "Weiter so" nicht reicht, das hat diese WM eindrücklich gezeigt. "Wir schaffen das schon, wir sind der Weltmeister". Mit dieser schnell mit Selbstbewusstsein verwechselten arroganten Attitüde ist man sang- und klanglos ausgeschieden.

Deshalb muss Teil der DFB-Analyse sein, dass man sich diese Hybris nicht mehr leisten kann und will. Heißt im Klartext: Raus aus der Wagenburg! Ein Beispiel: Vor zwei Jahren wurde auf dem frisch gebackenen Weltmeister das Kunstprodukt "Die Mannschaft", der sichtbarste und zugleich unnötigste, weil alberne Schritt einer Marketingstrategie. Dabei entsteht eine Marke im Sport wohl eher über Identifikation mit einer Spielweise oder über Begeisterung des Publikums. Der am Schreibtisch entworfene Slogan "Die Mannschaft" ist dagegen künstlich und darf jetzt sofort entsorgt werden.

Mikro-Kosmos DFB

Stattdessen könnte man sich auf eine weniger abgehobene und desaströse Kommunikation besinnen. Das Aussitzen der Affäre Özil und Gündogan nach deren Foto mit Türkeis Präsidenten Erdogan hat diese erst so richtig groß gemacht. Aber beim DFB war man wohl davon überzeugt, dass sich das Thema im Laufe der WM durch die fest eingeplanten Erfolge einfach von selbst erübrigt. Das zeigt: Der DFB lebt inzwischen in seinem eigenen Kosmos - entfremdet von Fans, Medien und Öffentlichkeit.

Statt zusammen mit den Anhängern war man in Russland nur in den Sozialen Netzwerken #zsmmn unterwegs - das lächerliche WM-Motto des Teams, "zusammen" geschrieben ohne Vokale. Dass man nur noch im eigenen Universum um sich selbst kreiste, hat dem Team nachweislich geschadet. Kurz nach seinem erlösenden Siegtor gegen Schweden beschwerte sich Toni Kroos darüber, dass man sich in Deutschland wohl das Ausscheiden wünschen würde. Einen deutlicheren Beweis dafür, wie weit man sich entfremdet hat, gibt es wohl nicht mehr.

Deshalb sollte man raus aus einer Parallel-Welt, in der sogar Kinder aus Südtiroler Wäldern verjagt werden, die lediglich einen Blick auf ihre Helden beim Training werfen wollen. Passt der DFB nicht auf, werden sich diese Szenen sonst bald nicht mehr wiederholen. Denn dann taugt keiner mehr zum Vorbild, dass angehimmelt werden kann. Man wäre sich einfach zu fremd geworden.

Wenn es jetzt also gelingt, die kalte, durchgestylte Marke "Die Mannschaft" zu beerdigen und sich wieder zu einem mitreißenden Team zu entwickeln, dann hätte das Aus bei der WM in Russland mehr Gutes gebracht, als es sich jetzt so kurz danach anfühlt.

Matthias Friebe (Deutschlandfunk – Aktuelles, freier Mitarbeiter)  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Matthias Friebe (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Matthias Friebe, Jahrgang 1987, Journalist, studierte Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Münster und Duisburg-Essen. Volontariat bei domradio.de und Ausbildung an der Journalistenschule ifp in München. Danach arbeitete er als Moderator und Redakteur für WDR, Deutschlandfunk und domradio.de. Heute ist er Redakteur in der Sportredaktion des Deutschlandfunks.

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