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StartseiteForschung aktuellEntwaffnende Bilder22.12.2009

Entwaffnende Bilder

Zeichentests zeigen, wie unterschiedlich Schimpansen und Menschen denken

Neurowissenschaft.- Dass einige Tiere malen können, wenn man ihnen nur Pinsel und Farbe gibt, ist bekannt. Doch welchen Regeln sie dabei folgen, war bisher weitgehend unklar. Nun hat ein japanischer Forscher das Malverhalten von Schimpansen und Menschenkindern verglichen.

Von Michael Stang

Malende Tiere sorgten schon Anfang des 20. Jahrhunderts in Zoos auf der ganzen Welt für Aufsehen. Elefanten, Gorillas und Schimpansen bekamen Pinsel und Farben in Rüssel und Hand gedrückt und malten wild drauf los. Einige Bilder von Menschenaffen erzielten auf Auktionen sogar Höchstpreise, weil ihnen gewisse künstlerische Fähigkeiten zugesprochen wurden. Tetsuro Matsuzawa wollte es nun genauer wissen. Haben Affen beim Malen tatsächlich eine konkrete Vorstellung von dem, was sie aufs Papier bringen?

"Wenn man Schimpansen einen roten Apfel zeigt, werden sie ihn versuchen nachzumalen und wählen sie rote Farbe? Nein. Sie malen nichts Konkretes und das war die erste wichtige Erkenntnis."

Der Direktor des Primatenforschungszentrums der Kyoto-Universität konnte bei keinem seiner Schimpansen erkennen, dass sie in der Lage waren, Dinge abzuzeichnen. Um zu sehen, was unsere nächsten lebenden Verwandten beim Malen erkennen und was nicht, gab er seinen Schimpansen im nächsten Versuch deshalb nicht mehr nur Stift und weißes Papier.

"Danach habe ich den Test variiert und den Schimpansen ein Malbuch für Kinder gegeben, mit lustigen Geschichten von Tieren und Menschen. Sie haben jedes Mal nur die für sie wichtigen Informationen markiert, also etwa die einzelnen Personen. Damit konnten wir erstmals sehen, wie die Schimpansen die Welt wahrnehmen und was wichtig für sie ist. Ich war so fasziniert."

Auch auf weiteren Bildern im Malbuch markierten die Schimpansen stets nur die für sie wichtigen Informationen, etwa bei einer Bauernhofszene. Während eine Katze völlig außer Acht gelassen wurde, kennzeichneten alle deutlich den Hofhund als möglichen Feind, zudem die Haustür samt Türklinke als mögliche Fluchtoption, auch potentielles Futter wurde deutlich eingekreist. Um herauszubekommen, wie es um die Vorstellungskraft der Schimpansen bestellt ist, erschwerte Tetsuro Matsuzawa die Aufgabenstellung. Er legte nicht nur seinen Affen, sondern zum direkten Vergleich auch Kleinkindern verschiedener Altersgruppen daraufhin skizzierte Gesichter vor. Diese waren jedoch nicht vollständig. Entweder fehlte ein Auge, die Nase oder der Mund.

"Wir haben sieben Schimpansen diese Gesichter vorgelegt und alle haben immer nur die Sachen markiert, die vorhanden waren, also Nase oder Ohr. Keiner hat sich für die fehlenden Augen interessiert. Das ist bei menschlichen Kindern bis zu drei Jahren ähnlich. Ältere Kinder jedoch ergänzten allesamt die Augen - einfach weil sie fehlten."

Damit konnten Masuzawa und seine Kollegen erstmals zeigen, was die Schimpansen beim Malen sehen und denken. Sie hatten zwar die Gesichter zum Teil erkannt, ihnen war aber – im Gegenteil zu den Menschenkindern – nicht bewusst, dass sie unvollständig waren.

"Schimpansen sehen nur das, was vorhanden ist. Sie bemerken nicht, wenn etwas fehlt. Menschen haben diese einzigartige Fähigkeit entwickelt, eine Art Idealbild – in diesem Fall war es das Gesicht – vor Augen zu haben, was sie dann abgleichen können. Dadurch bemerken wir sofort, wenn etwas fehlt. Das können Schimpansen nicht, nur der menschliche Geist ist dazu in der Lage."

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