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StartseiteEssay und DiskursDie Verweigerung des Dialogs01.05.2015

EntwicklungenDie Verweigerung des Dialogs

Ein Dialog kommt nur zur Entfaltung, wenn er von dem Wunsch geleitet ist, den anderen auch zu verstehen. Doch der Begriff des Verstehens wird seit einiger Zeit als Schimpfwort benutzt, zum Beispiel in der Abwertung der sogenannten "Putin-" und "Griechenland-Versteher". Wie konnte es zu einem solchen Misstrauen dem Dialog gegenüber nur kommen?

Von Hans-Jürgen Heinrichs

Russlands Präsident Putin und Bundeskanzlerin Merkel bei einer Pressekonferenz anlässlich des Petersburger Dialogs im Jahr 2007. Merkel schaut auf ihr Handy, Putin auf einen Zettel. (imago)
Petersburger Dialog: Russlands Präsident Putin und Bundeskanzlerin Merkel bei einer Pressekonferenz (15.10.2007) (imago)
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Es gibt unfreiwillige Dialoge, die sich in uns abspielen, ja abspulen: die Zwiesprache mit einem geliebten oder gehassten Menschen in der Vergangenheit (zum Beispiel einem liebevollen oder peinigenden Onkel, Bruder oder Lehrer in der Kindheit und Jugend) oder in der Gegenwart (zum Beispiel mit einem treuen oder aber untreuen Partner).

Der Dialog begleitet uns - auch in Extremsituationen, auf der Flucht, im Exil, während eines tage- oder wochen- oder gar monatelangen Ausgesetztseins nach einem schweren Unglück oder einer Naturkatastrophe. Da wird der innere Dialog zu einem vielleicht lebenswichtigen Ersatz-Partner.

Oder in einem Land wie dem Iran, wo die Regierung Dialoge zu beschneiden versucht, wo immer es möglich ist. Der iranische Film "Taxi" zeigt auf faszinierende Weise, wie sich selbst unter extremen Bedingungen Nischen für den Dialog auftun. Die diesjährige Berlinale, auf der dieser unter abenteuerlichen Umständen gedrehte und nach Berlin gebrachte Film lief, zeigte mit fast allen ihren Filmen den tiefen Wunsch nach Gespräch, Dialog, Austausch. Nur wer sich den Blick für das einzelne Schicksal bewahrt hat, kann den Dialog wollen.

Der iranische Regisseur Jafar Panahi macht in seinem Film "Taxi" den öffentlichen Raum zu einem privaten Raum. Was in diesem privaten Raum dialogisch ausgehandelt wird, wirkt wieder, mit aufgeladener Energie, mit Mut, Geist und Witz zurück auf den gesellschaftlichen Raum. Das ist die Macht des Dialogs.

1972 hat der Schriftsteller und Essayist Helmut Heißenbüttel in dem Aufsatz "Gespräche mit d’Alembert und anderes. Dialog als literarische Gattung" an die reiche Tradition des Dialogs erinnert und auch mit eigenen Arbeiten diese Kunstform wieder mit Leben erfüllt. Heißenbüttel rekonstruiert die unauflösbare Verknüpfung von Philosophie, Dialog, Wahrheitsfindung und Assoziationsfülle seit Plato, die Wiederbelebung des Dialogs bei Christoph Martin Wieland, bei Diderot und vielen anderen Schriftstellern und erinnert daran, wie schwer sich die Literaturkritik damit getan hat, den Dialog als literarische Gattung anzuerkennen.

Dem hehren Ziel gegenseitiger Annäherung gewidmet

Er ist eine dem literarischen und dem wissenschaftlichen Text ebenbürtige Form, die Erfahrungs- und Erkenntnismöglichkeiten auf eine nur ihr mögliche dialogische Weise vermittelt. Es versteht sich von selbst, dass dabei die Grenzen zwischen Forschung, Wissenschaft und Literatur wenn nicht aufgelöst, so doch aber auf eine produktive Weise überschritten werden können.

Kindern fällt es leicht, den Erwachsenen zuzuhören, wenn sie von ihnen eine beglückende Überraschung erwarten. Spüren sie jedoch, dass sie belehrt oder ermahnt werden sollen, erlahmt ihr Interesse am Zuhören augenblicklich. Den Erwachsenen, und den Politikern im Besonderen, geht es nicht anders. Das Zuhören, auf dem jeder Dialog aufbaut, ist also grundsätzlich von sehr labiler Natur und gebunden an eigene Interessen. Ohne Zuhören, Respektieren und Vertrauen und ohne die Anstrengung, die eigene Position zu artikulieren, kommt kein Dialog zustande.

Ein Dialog ist anspruchsvoller und thematisch festgelegter als ein meist sprunghaftes Gespräch. Ein Dialog versteht sich als eine Unterredung, als ein sich vertiefender Austausch von Argumenten mit dem hehren Ziel gegenseitiger Annäherung.

Der Dialog ist eine Kunst, die nur zur Entfaltung kommt, wenn sie von dem Wunsch geleitet ist, den anderen auch in seinen Gefühlen und kulturellen Voraussetzungen zu verstehen.

Seit einiger Zeit ist nun gerade der Begriff des Verstehens in Misskredit geraten, wird gar als Schimpfwort benutzt, zum Beispiel in der Abwertung der sogenannten Putin-Versteher, der Pegida- und Griechenland-Versteher.

Russlands Präsident Wladimir Putin im Kreml. (picture alliance / dpa - Sergey Guneev)Ist ein Dialog noch möglich? Russlands Präsident Wladimir Putin im Kreml. (picture alliance / dpa - Sergey Guneev)Verbirgt sich dahinter die Vorstellung, dass es da sowieso nichts zu verstehen gibt? Wie ist es zu einem so weit gestreuten Misstrauen dem Dialog gegenüber und zur Infragestellung des Dialogs als Mittel der Politik und des sozialen Umgangs miteinander gekommen? Wenn man so fragt, ist man in der Gefahr zu vergessen, dass der Dialog immer schon von Grund auf gefährdet war. Wohin man auch schaut. Ob auf der privaten Ebene oder natürlich auf der politischen Ebene. Zwischen Israel und den Palästinensern, zwischen dem Westen und dem Iran oder, seit Putins Annexion der Krim, zwischen dem Westen und Russland. Durch die Annexion der Krim und den Krieg in der Ukraine hat das Missverstehen zwischen dem Westen und Russland allerdings eine hochexplosive geopolitische Stufe erreicht, die von ganz anderer Art ist als ein generelles gesellschaftlich tief verwurzeltes Gefühl des Misstrauens und Nichtverstehens dem Nachbarn gegenüber.

Dialogangebote als Taktieren mit fragwürdiger Substanz

Jedem einzelnen der globalen Themen scheint die nationale und internationale Politik kaum noch gewachsen zu sein. Alle Schritte zur Lösung weltpolitischer Konflikte haben sich immer wieder als nicht haltbar erwiesen, und oft genug sind die aggressiven und kriegerischen Auseinandersetzungen nach einem Schritt der Annäherung - zum Beispiel nach den Abkommen „Minsk I” und „Minsk II” - erst einmal nur noch umso heftiger ausgebrochen. Dass wir dennoch lange Zeit die Hoffnung auf Konfliktlösungen nicht aufgegeben hatten, hing damit zusammen, dass die Bereitschaft zum Dialog noch nicht grundsätzlich erloschen schien.

Inzwischen sind wir grundsätzlich misstrauischer geworden und durchschauen sehr schnell Dialogangebote, wenn sich hinter ihnen nur ein Taktieren und Falschspielen, mit fragwürdiger politischer und moralischer Substanz, verbirgt. Politiker bewegen sich auf einem mit Tricksereien und Missverständnissen verminten Gelände. Zugleich sind Missverständnisse fruchtbar. Oder noch grundsätzlicher formuliert: Wir verstehen einander nicht. Und darauf, gerade darauf und nur darauf, lässt sich aufbauen.

Die Differenz, vielleicht sogar die Anerkennung abgrundtiefer, unüberwindbarer Differenz zwischen Menschen, Kulturen und Religionen ist Grundlage des Dialogs.

Können wir überhaupt verstehen, was uns und was die Anderen zu einem bestimmten Denken und Handeln getrieben hat? Die Tatsache, dass wir uns unterscheiden und uns wechselseitig als merkwürdig, ja als absonderlich vorkommen, ist im Grunde das viel Elementarere, wenn man so will: das Natürlichere als das Gemeinsame.

Es ist sinnvoll, von der Erfahrung der Differenzin unserem persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Leben auszugehen und zu versuchen, ihr etwas von ihrem Makel zu nehmen.

Was uns nicht entspricht, ist das Fremde, sehr schnell auch das Unheimliche. Der Fremde ist der Inbegriff all dessen, was Angst macht. Der Fremde - das kann wie im Ukraine-Konflikt Präsident Putin oder im Schuldenstreit eine Gesellschaft wie die griechische sein. Bei den Demonstrationen von Pegida sind es die Muslime und bei den mörderischen Aktionen von Islamisten sind es zum Beispiel die französische Gesellschaft oder Karikaturisten.

Wir brauchen den Fremden, um uns als normal zu empfinden

Auf Personen, Gruppen und Gesellschaften lenken wir das um, was wir als Schattenseiten in uns selbst nicht wahrnehmen möchten, vor allem die der menschlichen Natur eigene Unberechenbarkeit. An sie heften wir alles in uns latent vorhandene Misstrauen, das wir auch gegen uns selbst hegen.

Verstärker und Beschleuniger dieser Verzerrungen und projektiven Umlenkungen sind die extremen sozialen Unterschiede in den Gesellschaften. Konkret sind das zum Beispiel fundamentale Existenz- und Kriegsängste und das Gefühl, vom Fortschritt ausgeschlossen zu werden. In solch einer Situation breitet sich wahnhaft die Vorstellung aus: Die Griechen stehlen uns stetig anwachsende Milliarden von Euro, die Ausländer nehmen uns die Arbeit, die Muslime besetzen unser Land und überfremden unsere Kultur, die Russen überziehen ganz Europa mit Krieg.

Wir brauchen den Fremden, um uns selbst als normal, richtig und verlässlich zu empfinden.

Gilt dies für alle - ohne Ausnahme?

Ein Saxophonspieler (imago / Tillmann )Kunst als Form des Dialogs. Ein Saxophonspieler (imago / Tillmann )Nein, es gibt einen Gegentypus: den Künstler. Er erfährt sich als kreativ nicht im Abwehren, sondern in der Vergegenwärtigung des als fremd Erscheinenden. Kunst entfaltet einen Großteil ihrer formenbildenden Kraft gerade in der Durchdringung dessen, was uns als eigen und was uns als fremd erscheint.

Während der Künstler in dieser Selbst- und Fremdbegegnung offen mit Brüchen und Zerreißproben umgeht - gerade hier in seinem Element ist -, leben wir außerhalb der künstlerischen Praxis zumeist in der Vorstellung, wir sollten in allem Homogenität anstreben.

In Wahrheit aber sind das Uneinheitliche, die Verschiedenartigkeit und Heterogenität unser Element, in dem wir uns immer schon vorfinden. Als Europäer, als Angehörige geografischer und gesellschaftlicher Formationen mit extrem vielen Ethnien und Religionen, sind wir eigentlich bestens historisch und in unserem kollektiven Gedächtnis auf den Umgang mit der Vielgestaltigkeit und Multikulturalität vorbereitet.

Als Gesprächspartner anerkannt werden

Auf dem Boden unserer Verschiedenartigkeiten wächst uns die Aufgabe zu, die verschütteten Schätze, die Zeugnisse unserer Zivilisation, zu der die Dialogbereitschaft in ihrer ganzen Bedrohtheit gehört, auszugraben. Gerade jetzt, wo die im Namen der Religion geführten Kriege alles zu zerstören drohen.

Wir müssen nach tieferen Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen suchen, nach den konstruktiven und kreativen, menschenverbindenden Fähigkeiten, um darauf die Kraft zum Dialog aufzubauen.

Man soll das nicht als idealistisch und romantisch abtun. Denn der Dialog musste immer schon erkämpft werden. Gegen Hass und Aggression. Im Kampf miteinander. Im Streben nach Macht und Vorherrschaft. Den Dialog zu verweigern, ist im Alltag ebenso wie in der Politik Ausdruck einer Notlage oder ein strategisches Mittel.

Jeder grundsätzlichen Verweigerung des Dialogs geht eine Folge von erfahrenen Verweigerungen voraus. Die Menschen, die sich unter der Pegida-Bewegung zusammengefunden hatten, verweigerten den Medien und Politikern die Dialogbereitschaft und machten damit auf das Defizit aufmerksam, das sie bei ihren Wünschen, als Gesprächspartner anerkannt zu werden, erfahren hatten.

Vieles muss schon geschehen sein, bevor ein Dialog verweigert wird. Im Dialog miteinander zu sein, ist die dem Menschen eigene, selbstverständliche Lebensform, aber nicht jenseits, sondern inmitten der Konflikte.

Beispiel Russland. Vieles spricht dafür, dass Putins Weg nach Europa führte und er sich gegen seinen Willen abgewendet hat, dass er, wenn man so will, zugemacht hat. Dass er ursprünglich ein modernes Russland wollte.

Ein Land, das so stark wie Russland an Symbole und an nationalen Stolz gebunden ist, fühlt sich zutiefst verletzt, wenn es weltpolitisch zurückgestuft und als "Regionalmacht" beleidigt wird. Es lässt sich nicht einfach wieder zurück in einen Dialog holen. Zuerst müsste Russland anerkannt werden als gleichwertiger Teilhaber an weltpolitischen und europäischen Lösungen. Das aber scheint aussichtslos, seit Russland seine prowestliche Haltung aufgegeben und die dialogische Haltung in eine aggressive, neo-imperiale Politik umgewandelt hat.

Wir wollen nicht ständig belehrt werden 

Oder nehmen wir Griechenland. Das Land wurde von der EU lange Zeit nicht wirklich als Gesprächspartner auf Augenhöhe akzeptiert.

Die am häufigsten gehörten Klagen in all diesen Konflikten sind: Wir werden nicht beachtet und nicht geachtet. Wir wollen auf Augenhöhe und mit Respekt behandelt und nicht ständig belehrt und in unserer Ehre verletzt werden.

Aber taugt der Begriff „Dialog” überhaupt noch, um die verfahrene und in vielen Fällen fundamental bedrohliche Situation zu benennen? Vernebelt vielleicht sogar der Begriff „Dialog” mehr, als dass er erhellt? Ist der Begriff für kulturelle, philosophische, künstlerische, literarische Austauschprozesse weiterhin sinnvoll, nicht aber als gemeinsamer Nenner für dramatische politische und gesellschaftliche Situationen? Die Ankündigung der Dialogbereitschaft ist inzwischen nicht mehr als die Suche nach pragmatischen Kooperationsmöglichkeiten, ohne jeden individuellen Anspruch.

Der Aufruf zum Dialog hat immer stärker den Charakter einer Notoperation, einer Notfallchirurgie, angenommen:

-       den Krieg in letzter Minute doch noch zu verhindern beziehungsweise den Umschlag eines kalten in einen heißen und totalen Krieg abzuwenden

-       gewalttätige Konfrontationen zu mindern, zumindest nicht weiter eskalieren zu lassen

-       soziale Zerwürfnisse und Spaltungen notdürftig zu kitten

-       katastrophale wirtschaftliche Zusammenbrüche aufzuhalten und Auffangnetze aufzuspannen

Das Ziel eines jeden politischen Dialogs ist es, einen Kompromiss zu finden, bei dem beide Seiten ihr Gesicht nicht verlieren. Das ist den verhandelnden Parteien am allerwichtigsten: möglichst als Sieger, aber auf keinen Fall als Verlierer aus den Verhandlungen hervorzugehen. Ihnen im Nacken sitzt immer das Gespenst der Stärke.

Alles, was sie tun und sagen, inszenieren sie. Nicht nur der Krieg, auch Politik im Normalzustand ist längst zu einem Krieg der Worte, Bilder und Szenen geworden. Die Politiker inszenieren vor den Kameras ihre Bereitschaft zum Dialog oder aber ihre Verweigerung des Dialogs.

Je nachdem, wie es ihnen gerade am wirksamsten erscheint.

Gewalt jenseits jeder Vorstellung von Dialogik

Gespräche können jederzeit zu Propaganda-Zwecken instrumentalisiert werden. Die Bereitschaft zum Dialog und die Verweigerung des Dialogs sind längst Teil einer Verlautbarungspolitik geworden: Die Politiker lassen verlautbaren, wozu sie bereit sind oder nicht bereit sind, warten die Reaktionen ab und reagieren darauf mit einer erneuten Verlautbarung. Auf diese Weise entfernen sich die Bereitschaft und die Verweigerung immer mehr von einem direkten Handeln.

Vom direkten Handeln halten auch Vorentscheidungen ab, die in der Sprache getroffen werden: Nennt man Mitglieder einer Gruppierung Nazis, wird bereits eine Vorentscheidung gegen den Dialog getroffen. Eine noch stärkere Ausschließungsmacht hat der Begriff des Terroristen.

Ein junger Mann hebt seine geballte Faust (Foto vom 11.01.2008) (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)Bei Gewalt erscheint der Dialog manchmal lächerlich. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Es gibt Ausformungen von Gewalt, denen gegenüber ein Aufruf zum Dialog nur als lächerlich wirken würde. In Gewaltformen wie instrumentalisiertem Selbstmord, Tötung durch Verbrennen, Enthauptungen und anderen barbarischen Handlungen wird eine archaische Ebene beschritten, die jenseits jeder Vorstellung von Dialogik, Zivilisation und Humanismus liegt. Sprachliche Unterscheidungen zwischen einem absoluten IS-Terror, Terror-Milizen oder Aufständischen und Separatisten wirken nur wie ein Notbehelf, um einen Rest von Gesprächsbereitschaft noch nicht ganz auszuschließen.

Dies sind außerhalb der Zivilisation angesiedelte Extremformen, bei denen das Individuum in den Hintergrund tritt. Und damit auch die psychologische Seite seines Tuns. Im diplomatischen Alltag dagegen sehen wir immer auch Einzelne vor uns, die ihre Motivation des Handelns selbst offenlegen oder aber verbergen. Dabei erkennen wir: Die beiden schwerwiegendsten Hindernisse für das dialogische Aufeinander-Zugehen sind dem Anderen zugefügte Kränkungen und erlittene traumatische Erfahrungen.

Das Gift eines jeden Dialogs sind die Kränkungen, die sich die Gesprächspartner willentlich und unwillentlich zufügen. Vergiften Kränkungen schon die private Atmosphäre, dann haben gegenseitige Missachtungen ein noch ungleich stärkeres Gewicht, wenn sich gar die Seele eines ganzen Volkes betroffen fühlt. Selbst die als hartgesotten und als hundertprozentig realistisch geltenden Politiker kommen nicht ohne die Einbeziehung der von ihnen doch scheinbar verachteten Gefühle und wenig rationalen Argumente aus: Die "Stimmung" bei den Verhandlungen, sagen sie, sei gut gewesen und das gebe Anlass, "hoffnungsvoll" der Zukunft entgegenzublicken; ein „Hoffnungsschimmer” sei erkennbar; man sähe der weiteren Entwicklung mit gemischten, aber eben auch guten Gefühlen entgegen; jetzt käme es darauf an, wieder Vertrauen zu entwickeln ...

Die tatsächliche Macht der Ängste

Politiker glauben (oder tun so, als glaubten sie), ihr Handeln würde objektiver, wenn sie die subjektiven Bedingungen ausblenden oder auf bloße Stimmungen reduzieren. Versuche der Bewusstmachung werden allzu oft von ihnen und den hörigen Kommentatoren als „psychologisierend” abgetan, so, als führe der Hinweis auf zugefügte und erlittene Kränkungen weg von der Politik und ihrer Realität.

In Wahrheit aber sind die agierenden Personen mit konstruktiven und destruktiven Potenzialen ausgestattete Wesen, die ebenso von gestaltenden wie von zerstörerischen Energien politisch geleitet werden. Die Lebensgeschichte Putins ist der beste Beweis für die tatsächliche Macht der Ängste, Traumatisierungen und Kränkungen, die hinter seinen Entscheidungen steht und diese in jedem Augenblick begleitet.

Die massive Abwehr gegen psychologische Erklärungen entsteht aus der Befürchtung der Menschen, man wolle auf diese Weise sogar einen dreisten Aggressor wie Putin, der jedem Leid gegenüber unempfindlich zu sein scheint, in seinem Tun entschuldigen.

Dabei geht es doch nur darum, ein Tun, das sich am Rande zivilisatorischer Übereinkünfte bewegt, zu verstehen und dies mit in politische Überlegungen einzubeziehen.

Ohne die Einbeziehung des psychologischen Verstehens bleiben die Bemühungen um einen Dialog schwach, wenn nicht sogar chancenlos. Jeder dialogische Austausch findet mit den Mitteln der Sprache statt. Bewusst eingesetzt werden, je nach Temperament und Strategie, Körperhaltung, Gestik und Mimik. Mit diesen vorsprachlichen Äußerungsformen beginnt im Leben eines jeden Menschen die Interaktion mit dem Gegenüber. Diese Ebene des Interagierens, der Zu- und Abwendung, der gemeinsamen Gestaltung oder aber Verweigerung, bleibt im Dialog erhalten. Sehr früh schon wird vom Kind die Möglichkeit ergriffen, das von den Eltern herbeigeführte Ende einer dialogischen Interaktion allein fortzusetzen, einen Dialog mit sich selbst zu führen, Situationen zu erfinden, in Szene zu setzen und somit dem Gefühl des unglücklichen Alleinseins zu entgehen. So gesehen kann man davon ausgehen, dass jeder unter dem Abbrechen eines Dialogs zumindest vorübergehend leidet (selbst wenn er dies unter einer eisernen Maske verbirgt) und ersatzweise das Selbstgespräch als Übergang zu anderen Dialogen sucht.

In ihrem Wesen könnten sich alle Menschen - gleich welcher Profession und Konfession - als Mit-Gestalter einer Welt fühlen, die durch ihre bis zum Platzen angespannten Destruktionspotenziale an Abgründe führt. Dies ist aber unsere Welt. Und inmitten dieser Welt gestalten wir unablässig.

In der Kunst fühlen wir uns wohl im Diversen

Auch wenn die Politik mit einer Vielfalt von destruktiven Systemen, Sprachen und Ausdrucksformen beschäftigt ist, so ist doch auch die Politik in ihrem Kern und ihrem Potenzial ein kreativer Akt. Sie ist eine in Handeln übersetzte Vielstimmigkeit und Vielgestaltigkeit, eine handlungsbezogene Erforschung von Fremdheit.

Indem wir mit anderen Menschen (vor allem fremder Kulturen) in einen politischen Austausch treten, erfahren wir immer auch etwas über uns, etwas, das uns noch verschlossen war und darauf wartete, entdeckt und ins Leben gerufen zu werden. Und so schließt sich der zu Anfang angedeutete Kreis zum Künstler und zur Kunst. Jede künstlerische Ausdrucksform - vor allem dann, wenn in ihr viel Geschichte und viele Geschichten gespeichert sind - bringt uns in Kontakt mit dem noch nicht Verwirklichten, dem Unbewussten und Imaginären in uns.

Als Liebhaber der Kunst und Literatur sind wir immer im Dialog mit den Malern, Musikern und Dichtern aller Epochen; auch Jahre, ja Jahrzehnte, nachdem wir die Werke zum letzten Mal sahen, hörten oder lasen. Der religiöse Mensch hält Zwiesprache mit einem Gott und mit Heiligen, mit Versuchungen, Zweifeln und Gefühlen der Sünde, der Schuld, der Scham.

In der Kunst fühlen wir uns wohl im Diversen und sich Überlagernden.

Im Hören, Sehen und Lesen von Kunst und Literatur fühlen wir uns so, wie wir uns selbst ständig erfahren: als uns vertraut und uns fremd.

Der Mensch ist, auch wenn er den Dialog vehement verweigert, im Gespräch mit sich, mit seinen Ängsten, Wünschen und Fantasien, mit einer höheren Instanz (wenn er gläubig ist) oder mit einem abwesenden Gott, der Leere (wenn er ungläubig ist). Er ist, wenn er am Ukraine-Krieg als Soldat oder Separatist teilnimmt, im Gespräch mit seinen Ängsten und Tötungsfantasien. Auch die sich dem Dialog verweigernden Pegida-Vertreter tragen den Wunsch nach einem Gespräch in sich, was immer wieder aufblitzt, wenn sie im Gegenüber jemanden zu erkennen glauben, der sie achtet und versteht.

Keine Scheu, Abgründe auszuloten

In jedem Dialog ist beständig die Differenz zum anderen, zu seinem Leben, seinen Empfindungen, Glaubensvorstellungen und Weltanschauungen gegenwärtig. Kein Dialog geschieht jenseits unüberwindbarer Unterschiede und jenseits überhöhter und enttäuschter Erwartungen, jenseits von Ressentiments und stattgefundenen oder auf der Lauer liegenden Kränkungen.

In diesem Sinn wäre es die Aufgabe von politischen Intellektuellen und Philosophen, von Künstlern und Literaten dem Dialog eine andere Klangfarbe zu verleihen: das Heterogene statt das Homogene in den Vordergrund zu stellen; das Scheitern als festen Bestandteil des Dialogs zu beschreiben und in ihm nicht in erster Linie einen Mangel zu sehen. Der Dialog lebt von den Zerreißproben des Scheiterns, den Abgründen der Differenz.

Darin verbündet sich der Dialog mit dem Diskurs, der auch keine Scheu davor hat, das Abgründige, Unvereinbare und Unmögliche zu benennen und auszuloten.

Es stellt sich die Frage:

Könnten Journalisten, Schriftsteller und Wissenschaftler nicht eine stärkere Rolle bei einer Neubewertung und Aktivierung des Dialogs unter den aktuellen denkbar schlechten Bedingungen spielen?

Von den Journalisten kann man den Mut lernen, vor Ort zu sein, dort, wo Leben elementar bedroht wird, wo Grundrechte mit Füßen getreten werden, wo gefoltert und gemordet wird; dort, inmitten des zerbrochenen Dialogs, auszuharren und dafür eine Sprache der Unmittelbarkeit zu finden.

Von den Schriftstellern kann man die Skepsis gegenüber dieser Unmittelbarkeit lernen, wenn sie den Anschein erwecken will, als könne sie an der Sprache und deren Gesetzmäßigkeiten vorbei dargestellt werden.

Beide aber stellen sich dem Situativen und Szenischen, in dem Konflikte ausagiert werden, in dem ein Krieg geführt, eine Revolution geboren oder eine Demokratie zerstört wird.

Mehr Raum dem Leid

Davon müssen Theoretiker sich beeindrucken lassen und lernen, nicht zu schnell auf Distanz zu gehen. Nicht zu schnell von den Einzelschicksalen zur allgemeinen Lage übergehen. Ausharren bei der einen Frau, die, inmitten von Trümmern, plötzlich jede Kontrolle über sich verliert. Bei der Frau, die Leute der massenhaften und gebilligten, ja sogar geforderten Vergewaltigung anklagt, die niedergerissen und als "Verwirrte" verschleppt wird; oder bei dem Mann, der im Nirgendwo ziellos umherirrt.

Wir neigen dazu, in der Euphorie über Erfolge zu vergessen, wie viele Schicksale und Tragödien darin eingeschlossen sind. Die Informationen über die Geschehnisse, die sogenannten Fakten - das ist das eine. Das andere aber wäre, viel mehr Raum dem Leid zu geben, das in diesen Informationen gespeichert ist, in den Informationen, die vom teuer erkauften Fortschritt handeln. Für den Fortschritt teuer bezahlt haben von je her vor allem die Vorreiter eines Umsturzes, bevor dieser für alle sichtbar wurde.

Die Vorreiter waren in vielen Fällen Schriftsteller, Männer und Frauen, die mit dem Wort kämpften. Ihr Aufbegehren mithilfe des dichterischen Worts ging oft dem praktischen Aufbegehren voraus.

"Wenn deine Liebe nicht mehr deine Liebe ist
Und die Heimat
Nur noch eine Landkarte aus Blut und Klagen.
Wenn die Farbe blass geworden
Und der Wein ohne Wirkung
- Sohn langer Trauergedichte -
Und in den Dattelpalmen keine Palmen mehr sind.
Wenn der Ort nichts vermag
Und die Zeit nichts vermag
Wenn du nicht mehr du bist
Und die Sonne sich nur noch nach ihrem Untergang sehnt
Versuche nicht weniger ... als das Unmögliche."

Dem Unmöglichen, von dem in diesem Gedicht des syrischen Journalisten Faraj Bayrakdar die Rede ist, wird zuerst von den Schriftstellern eine Sprache verliehen, bevor sich die Aktion, die Revolte, die Rebellion dem Unmöglichen stellt und es zu überwinden versucht.

Ein provisorisches gemeinsames Herantasten

Das Gedicht und die Rebellion, die literarische Darstellung, die Reportage, der journalistische Beitrag, die Kolumne der Kommentatoren und die Einschätzungen der Wissenschaftler gehören aufs engste zusammen und werden nur künstlich voneinander getrennt. Es ginge darum, an ihrer Allianz und Kooperation zu arbeiten und sie für die Bewahrung eines komplexen, den radikalen Differenzen gegenüber offenen Dialogs nutzbar zu machen.

Wie Papst Franziskus bei seinem Besuch in der Türkei Präsident Erdoğan gegenüber auftrat, war eines der eindrücklichsten Beispiele für ein Dialogangebot auf der Grundlage radikaler Differenz. Auf der einen Seite der Protzer, der Unterdrücker und Verweigerer eines offenen Austauschs von Positionen; auf der anderen Seite ein bescheidener Mann, der die Hand ausstreckt und die Welt umarmen möchte, der aufbricht, um das verkümmerte Herz eines Dialog-Hassers neu zu beleben; und dies durch die bloße Anwesenheit des tiefen Wunsches nach Frieden und eine sich verströmende Sanftmut und Barmherzigkeit. Man kann sicher nur ein kontinuierlicher, unermüdlicher Wegbereiter der Begegnung und des Dialogs sein, wenn der Wille zur äußeren Begegnung auf einem stetig geführten inneren intellektuellen, geistigen und emotionalen, möglichst auch künstlerischen Dialog vorgeprägt ist.

Der Dialog ist ein provisorisches gemeinsames Herantasten an das unlösbare Rätsel des Schreibens, der Erschaffung von Musik und Kunst und an das Rätsel der menschlichen Existenz, ja, allen Lebens.

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