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StartseiteForschung aktuell"Großes Potenzial bei der Bewältigung der Pandemie"12.11.2020

Epidemiologe Krause zu Schnelltests"Großes Potenzial bei der Bewältigung der Pandemie"

Schnelltests gegen Sars-CoV-2 sind deutlich günstiger als PCR-Tests. Sie liefern innerhalb von Minuten ein Ergebnis. Das Potential bei der Bewältigung der Pandemie sei groß, sagte der Epidemiologe Gérard Krause im Dlf. Ob systematische Massentests der richtige Weg sind, müsse man sehen.

Gérard Krause im Gespräch mit Michael Böddecker

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Corona-Test bzw. Cleartest für Corona der Firma servoprax für den qualitativen Nachweis von IgG- und IgM-Antikörpern gegen 2019-nCov in menschlichen Vollblutproben aus der Fingerbeere. *** Corona Test or Cleartest for Corona from servoprax for the qualitative detection of IgG and IgM antibodies against 2019 nCov in human whole blood samples from the fingertip Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage (www.imago-images.de)
Die neuen Antigen-Schnelltests sind auf dem Markt. In Altenheimen und Krankenhäusern sollen sie zum Einsatz kommen. (www.imago-images.de)
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Schnelltests werden langsam einsatzbereit gemacht, es stellen sich neue Fragen: Wo sollten sie sinnvollerweise eingesetzt werden? Mit welchem Ziel? Und wo sind sie weniger sinnvoll? Die Slowakei hat mit Massentests der Bevölkerung angefangen. Millionen Menschen wurden getestet, ein großer Teil der Bevölkerung des Landes, sogar zwei Mal. Dabei wurden sehr viele Infektionen aufgespürt.

Sind solche Massentests sinnvoll? Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, sagte dazu im Dlf, er sehe mit der Verfügbarkeit von Vor-Ort-Tests und damit verbundener Maßnahmen ein großes Potential bei der Bewältigung der Pandemie. Allerdings dürfe man sich nicht der Illusion hingeben, dass dann - in einer so mobilen Gesellschaft - das Virus ein für allemal ausgerottet sei.

Ein Mitglied des medizinischen Personals steckt ein Wattestäbchen nach einem PCR-Abstrich zum Test auf COVID-19 in ein Röhrchen. (picture alliance/dpa/Michael Kappeler) (picture alliance/dpa/Michael Kappeler)Was können die neuen Schnelltests?
Antigentests können innerhalb einer Viertelstunde anzeigen, ob jemand stark infektiös ist oder nicht. Das könnte helfen, sicheren Kontakt zu ermöglichen. Doch die Tests sind auch weniger präzise. 


Gérard Krause: Ob so eine systematische Massentestung sinnvoll ist, da bin ich auch nicht wirklich sicher, und das wird man dann sehen müssen – das ist ein gutes Beispiel, um das auszuwerten. Ich glaube aber, dass die Verfügbarkeit dieser Vor-Ort-Tests, also die Tests, die praktisch vor Ort sofort ein Ergebnis liefern, dass die wirklich ein großes Potenzial bei der Bewältigung der Pandemie haben werden.

Michael Böddeker: In der Slowakei ist es tatsächlich so, dass die Kurve jetzt wieder nach unten zeigt, das Infektionsgeschehen ist gebremst worden, allerdings gab es auch gleichzeitig Kontaktbeschränkungen. Kann man also wirklich sagen, dass mit Tests so etwas runterreguliert wird, oder müsste man das neu bewerten?

Der Mediziner Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. (Picture alliance/ Holger Hollemann)Der Mediziner Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. (Picture alliance/ Holger Hollemann)

Krause: Nein, der Test allein sowieso nicht, sondern der Test immer nur dann in Verbindung mit den Maßnahmen, die aus dem Ergebnis folgen. Das haben wir ja ganz oft jetzt in der Pandemie und im Infektionsschutz grundsätzlich und in Hygiene, dass wir immer mit einem Bündel von Maßnahmen operieren und im Zweifelsfall nicht so richtig gut wissen, welches Teil dieses Bündels hat welchen Beitrag geleistet.

Was zählt, sind die Konsequenzen nach einem Test

Böddeker: Also man kann eine Pandemie nicht einfach wegtesten, aber wenn man theoretisch alle Menschen einmal durchtestet und die positiv Getesteten gehen dann für sagen wir zwei Wochen in Selbstisolation, würde das nicht auch helfen?

Krause: Es würde helfen, aber man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass dann ein für allemal das eradiziert, also ausgerottet ist. Wir leben ja hier in einer sehr mobilen Gesellschaft, also gerade hier in Deutschland in der Mitte von Europa als Transitland, das ist ja eine Binsenweisheit eigentlich inzwischen, dass auch bei dollsten Grenzbeschränkungen es eben nicht möglich ist, Infektionskrankheiten … gerade so respiratorisch übertragene, lassen sich schlecht komplett eindämmen, insbesondere dann nicht, wenn sie schon so weit fortgeschritten sind. Aber das Ziel muss sein, diese Tools, die wir haben, diese Systeme, die wir haben, dazu zu nutzen, die Belastung zu senken, und das geht und das kann sehr viel bewirken.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Massentests in der Slowakei und in Großbritannien

Böddeker: Ich möchte noch einmal kurz zurückkommen zu diesen Massentests: Abgesehen von der Slowakei versucht auch gerade Großbritannien so etwas Ähnliches – "Operation Moonshot" nennt sich das. In Liverpool ging es los, und am Ende könnten viele Millionen Menschen pro Tag getestet werden mit Schnelltests. Jetzt berichtet aber die Zeitung "The Guardian", dass dann doch ein großer Teil dieser Ergebnisse falsch sei, ungefähr die Hälfte der Infizierten werde nicht erkannt, das heißt, jeder Zweite bekommt eine Entwarnung, obwohl er oder sie eigentlich infiziert ist. Wenn am Ende grob die Hälfte der Ergebnisse falsch ist, ist das dann sinnvoll?

Krause: Na ja, ich kenne jetzt den Bericht nicht, deswegen fällt es mir schwer, da im Detail drauf einzugehen, die Frage ist, was wird als Goldstandard genommen. Wenn als Goldstandard die PCR genommen wird, dann ist ja klar, dass da eine große Diskrepanz ist. Und falsch ist immer die Frage in Bezug auf welche Einschätzung. Wir haben ja gerade ausgeführt, dass dieser sogenannte Schnelltests vor allem dazu geeignet ist, nachzuweisen, ob man eine ausreichende Menge oder eine hinreichende Menge an Viren ausscheidet, das heißt, das sagt damit nicht, dass man keine Viren hat. Und wenn man so weiterinterpretiert, dann ist es ja trotzdem nützlich, wenn man dann diejenigen, die eine hinreichende Menge oder eine größere Mengen an Viren ausscheiden, die kann man besonders behandeln.

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Böddeker: Das heißt, man fischt gezielt die besonders infektiösen Personen heraus.

Krause: Richtig. Man hätte dann also die Leute, die eine ausreichend große Menge an Virus haben, um positiv auszuschlagen im Test, die hätte man dadurch identifiziert. Es ist also nicht geeignet, um eine Diagnose zu stellen, aber durchaus geeignet, um die besonders starken Ausscheider von den weniger starken Ausscheidern zu unterscheiden.

Man fischt die besonders infektiösen Menschen heraus

Böddeker: Ein Thema beschäftigt auch den Gesundheitsausschuss im Bundestag, und zwar das Infektionsschutzgesetz und eine mögliche Überarbeitung. Herr Krause, Sie fordern, dass wichtige Informationen über die Infektionen weitergegeben werden sollten. Welche Daten fehlen Ihnen als Epidemiologe da denn bisher?

Krause: Also mir nicht, ich werde diese Daten ja nicht bekommen, aber die Landesbehörden und das Robert Koch-Institut bekommen bestimmte Informationen, die die Gesundheitsämter zwar erheben, aufgrund dieser rechtlichen Beschränkungen nicht weiter übermitteln. Und das ist schade, weil das ganz wichtige Informationen sind, um die Strategien und die Maßnahmen mit Evidenz zu unterfüttern und entsprechend zu belegen.

Nachbesserungsbedarf beim Infektionsschutzgesetz

Böddeker: Was für Informationen sind das?

Krause: Das sind zum Beispiel Informationen darüber, welche Orten oder welche Berufsgruppen besonders betroffen sind bei den Übertragungen. Das sind Informationen über die Länge, die zeitliche, und die räumliche Ausbreitung von Infektionsketten. Das sind sehr wichtige Informationen, aufgrund derer man die Einschätzung viel besser machen kann, wie sich die Epidemie ausbreitet, welche Orte diejenigen sind, wo Maßnahmen besonders wirkungsvoll zu sein versprechen.

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Böddeker: An der Stelle würden Sie sich also eine Änderung wünschen beim Infektionsschutzgesetz. Wenn es nach Ihnen ginge, was müsste sonst noch geändert werden?

Krause: Es gibt jetzt einen neuen Paragrafen, der heißt 28a, wo geregelt wird, was alles zu den Maßnahmen gehört, die ein Gesundheitsamt oder eine Gesundheitsbehörde umsetzen darf. Das ist erst mal sinnvoll, dass die definiert werden. Was problematisch ist, dass diese Maßnahmen gekoppelt werden allein an die Zahl der Infektionen, die in einer Gemeinde auftreten, und dass da noch sogar bestimmte Schwellenwerte genannt werden, wie 35 bei 100.000 oder 50 bei 100.000. Weder sind diese Schwellenwerte irgendwie durch Evidenz belegt, noch ist dieser Indikator selbst, nämlich die Zahl der Infektionen ein hinreichender Indikator, um bestimmte Maßnahmen zu entscheiden. Es macht einen großen Unterschied, ob ich hundert Fälle in einem Altersheim habe oder hundert Fälle in einer Schulklasse, und dieser Indikator macht diesen Unterschied nicht. Deswegen ist es aus meiner Sicht nicht sinnvoll, grundsätzlich nicht sinnvoll, solche Zahlen, Schwellenwerte in einen Gesetzestext zu packen, weil ein Gesetz sich gar nicht so schnell an die Situation anpassen kann, wie die Epidemie das jetzt gerade von uns fordert, und zweitens sind es dazu noch die falschen Indikatoren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

  (HZI / Janos Krüger) (HZI / Janos Krüger)Gérard Krause
Nach Studium und Promotion der Humanmedizin arbeitete Gérard Krause u.a. am Universitätsklinikum Heidelberg im Bereich Tropenmedizin und später als "Epidemic Intelligence Service Officer" an den Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta. Im Jahr 2000 wechselte Krause ans Robert Koch-Institut (RKI), wo er von 2005 bis 2013 die Abteilung für Infektionsepidemiologie leitete. Krause habilitierte sich an der Charité Universitätsmedizin in Berlin im Fach Epidemiologie und Hygiene und gründete dort den Masterstudiengang für Angewandte Epidemiologie. Seit 2011 ist der Wissenschaftler Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Quellen: helmholtz-hzi.de, fz-juelich.de

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