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StartseiteEuropa heute"Er ruiniert Griechenland und auch Europa"04.11.2011

"Er ruiniert Griechenland und auch Europa"

Griechen kommentieren die Politik ihres Ministerpräsidenten

Der griechische Ministerpräsident Papandreou hält Europa in diesen Tagen in Atem: Die Ankündigung eines Referendums hat zu einer Talfahrt der Aktienkurse gesorgt und in Athen herrscht politisches Chaos. Die griechische Bevölkerung ist fassungslos.

Von Rodothea Seralidou

Die Griechen haben kein Vertrauen mehr in ihren Ministerpräsidenten.  (picture alliance / dpa / Orestis Panagiotou)
Die Griechen haben kein Vertrauen mehr in ihren Ministerpräsidenten. (picture alliance / dpa / Orestis Panagiotou)

Das Kafeneion "Hellas" ist ein kleines traditionelles Café im Süden Athens. Holzstühle und einfache viereckige Tische füllen den Raum. Die Leute, die hierher kommen, sind alles Stammgäste. Sie spielen Karten oder Backgammon und unterhalten sich über die politischen Ereignisse des Tages. An einem der Tische sitzen Thodoris Ntallas und sein Kumpel Petros. Sie trinken einen Ouzo und verfolgen gespannt die Abendnachrichten im Fernsehen. Dass Papandreou ein Referendum ankündigt, das Land damit in einen politischen Ausnahmezustand stürzt und seine Ankündigung dann wieder zurücknimmt, findet Thodoris Ntallas peinlich:

"Es war - um es harmlos zu formulieren - ein total unglücklicher Moment des Ministerpräsidenten. Er hat damit das Land international lächerlich gemacht. Es ist doch nicht möglich, dass die Griechen über etwas so Kompliziertes abstimmen sollen, wovon sie keine Ahnung haben."

Der 43 Jahre alte Physiklehrer versteht nicht, warum Papandreou noch an der Macht ist. Er findet, der griechische Premier hätte sich schon längst von seinem Amt verabschieden sollen.

"Mit so einem Empfang auf dem Krisengipfel in Cannes hätte er zurücktreten sollen. Sarkozy und Merkel haben über das griechische Referendum entschieden, ohne den griechischen Premierminister zu fragen. Es gibt nichts Peinlicheres für einen Premierminister, als das andere über innere Angelegenheiten seines Landes entscheiden."

Anders als Thodoris, glaubt sein Freund Petros nicht, dass die Idee eines Referendums von vornherein falsch war. Er sei doch nur legitim, das Volk an großen Entscheidungen teilhaben zu lassen. Er sieht die heftigen Reaktionen auf ein mögliches Referendum als einen Beweis mangelnder Demokratie in Europa:

"Ich verstehe einfach nicht, warum ganz Europa Angst vor einer Volksabstimmung hat: Haben sie Angst vor der Demokratie? Ich denke die Märkte herrschen über Europa. Es fehlen heute Politiker wie Jacques Delors und Helmut Schmidt. Seit gestern fühle ich mich nicht mehr so sehr als Europäer."

Mit seiner Haltung und diesem Hin und Her blamiere Papandreou das Land und die Griechen, sagt Petros. Wäre er nicht der Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten und Gründers der Pasok-Partei Andreas Papandreou, würde er - seiner Meinung nach - bestimmt nicht regieren:

"Hätte Papandreou nicht diesen Namen, hätte er bestimmt keine politische Karriere gemacht. Ich würde ihn nicht einmal mit der Nebenkostenabrechnung meiner Wohnung beauftragen. Ich kenne ihn seit er ein kleiner Junge war, und seine Taten wundern mich nicht."

sagt Petros. Und sein Freund Thodoris fügt sarkastisch hinzu:

"Das einzige was Papandreou mit diesem Hin und Her erreicht hat ist, dass ganz Europa heute gespannt seine Rede im Parlament verfolgt hat. Ganz Europa wollte sehen, ob er seinen Rücktritt ankündigt. Er redet und ich verstehe nicht, was er meint: Will er zurücktreten oder nicht? Er ruiniert Griechenland und auch Europa!"

Die Regierung habe seit langem die Unterstützung des Volkes verloren, sagt Thodoris Ntallas. Deshalb hofft er jetzt, dass so schnell wie möglich eine Übergangsregierung gebildet wird, an der mehrere Parteien und Experten beteiligt sind und das Land bis zu den Neuwahlen regieren. Er findet, dass Griechenland derzeit so komplizierte finanzielle Probleme zu lösen hat, dass eine vorübergehende Expertenregierung dem Land gut tun würde. Sein Freund Petros hingegen glaubt, dass sich auch mit einer Übergangsregierung nicht viel ändern wird:

"Ich erwarte nicht viel von einem Machtsystem, das das Land 40 Jahre lang dominiert. Mit den Kürzungen der Gehälter haben sie gezeigt, dass sie nicht das Geld von denen nehmen wollen, die es haben. Deshalb hat auch das Volk sein Vertrauen ins politische System verloren."

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