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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenEin kosmopolitische Vordenker11.08.2016

Erasmus von RotterdamEin kosmopolitische Vordenker

Vor 480 Jahren starb Erasmus von Rotterdam. Er war einer der größten Gelehrten seiner Zeit, lebte und arbeitete als Kosmopolit der Renaissance in England, Italien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Er setzte sich zwar für Reformen in der Kirche ein, lehnte die radikalen Ideen Martin Luthers aber ab.

Von Alfried Schmitz

Ein Porträt von Desiderius Erasmus von Rotterdam von Hans Holbein d.J. (1530).  (picture alliance / dpa)
Ein Porträt von Desiderius Erasmus von Rotterdam von Hans Holbein d.J. (1530). (picture alliance / dpa)
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Martin Kluge, Historiker Universität Basel: "Erasmus von Rotterdam war damals schon ein unheimliches Zugpferd. Heute würde man wahrscheinlich sagen, ein intellektueller Superstar."

Prof. Susanna Burghartz, Historikerin Universität Basel: "Die allgemeine Vorstellung, was ist Erasmus, ist zunächst einmal ein europäisches Studentenaustauschprogramm."

Prof. Edward Fröhling, katholischer Theologe, Philosophisch-Theologische Hochschule, Vallendar: "Erasmus hatte die große Hoffnung, dass man die Kirche erneuern kann, ohne sie zu spalten."

Dr. Stefania Salvadori, Philosophin und Historikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: "Ich Erasmus, sagt er, habe das Ei gelegt und Luther hat es geöffnet."

Nikolaus Schneider, evangelischer Theologe und ehemaliger Ratsvorsitzender der EKD: "Er war ein ausgesprochen toleranter Mensch und hat immer wieder zum Frieden gemahnt. Es gibt diesen schönen Aphorismus von Erasmus, in dem er sagt, dass der elendste Friede dem glorreichsten Krieg vorzuziehen sei."

Geboren als nichtehelicher Sohn eines niederländischen Priesters

In welchem Jahr und wo Erasmus geboren wurde, weiß man nicht genau. Es muss zwischen 1464 und 1469 in Gouda oder Rotterdam gewesen sein. Was man weiß, ist, dass er als nichtehelicher Sohn eines niederländischen Priesters und dessen Haushälterin geboren wurde und dass er kein Einzelkind war. "Er hatte wohl aber mehrere Geschwister. Es schien damals auch nicht die Ausnahme zu sein, schreibt er auch oft in seinen Briefen, dass Priester ja auch keine Eunuchen sind. Dass es als normal gilt, dass Priester eben auch Kinder haben können." Edward Fröhling, Professor für katholische Theologie, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar.

Erasmus ist ein gelehriger Junge, der alles Wissen gierig in sich aufsaugt. Von seinem Onkel Pieter bekommt er Latein beigebracht, erhält in Utrecht Musikunterricht und besucht später die Lateinschule der Klosterbrüder in Deventer.

Dort lernt er auch die Schriften des frühhumanistischen niederländischen Gelehrten Rudolf Agricola kennen, der zu seinem großen Vorbild wird. Als junger Mann geht Erasmus dann zu den Augustiner-Chorherren in Steyn bei Gouda, wo er 1492 die Priesterweihe empfängt. "Aber er hat das Kloster ziemlich schnell verlassen und dann nie wieder ins Kloster zurückgekehrt, sondern auf europäischem Parkett als Fürstenlehrer, als Gelehrter, Übersetzer, Schriftsteller an verschiedenen Universitäten in Deutschland, in der Schweiz, Frankreich, England tätig geworden. Er hatte eine Zeit lang auch eine Stelle in der Pfarrei in Cambridge. Aber Pfarrklerus, das war nie seine Sache."

Mit Thomas Morus einen wichtigen Freund in England

Räumliche und geistige Enge mag er nicht. Eine geistige Begrenzung spürte er auch während seines Theologie-Studiums an der Sorbonne, denn an der Pariser Universität pflegte man die strenge Dogmatik der Scholastik. Doch immerhin bietet ihm das Studium eine wichtige Grundlage für seine weiteren Wege und Ziele. Als intellektueller Freidenker wird er zu einem der wichtigsten Protagonisten eines elitären europäischen Humanisten-Zirkels, dem damals viele kluge Köpfe angehören, auch Thomas Morus. Diesen charismatischen katholischen Gelehrten und Staatsmann lernt Erasmus in England kennen.

"Der Erasmus hat den Thomas Morus nicht nur sehr geschätzt, sondern ihn als einen seiner wichtigsten Freunde in England betrachtet." Thomas Morus verfügte als Parlamentsmitglied über gute Kontakte zum englischen Königshaus. Davon profitierte auch Erasmus, der durch Morus die Bekanntschaft des jungen Prinzen Heinrich machte und zu einem der Erzieher und Lehrer des späteren Heinrich VIII. wurde. Als sich der englische König von der römischen Kirche lossagte, um eine neue Ehe eingehen zu können und es zur Bildung der vom Papst unabhängigen Anglikanischen Kirche kam, versucht Erasmus mäßigend und beratend auf den König einzuwirken.

Nikolaus Schneider, evangelischer Theologe und ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender: "Heinrich der VIII. hat den Bruch mit Rom aus durchaus fragwürdigen Gründen gewagt, aber die anglikanische Kirche ist der Tradition des römischen Katholizismus sehr nahe. Man kann sie vergleichen mit den Alt-Katholiken. Und da ist klar, dass Erasmus einen großen Einfluss hatte auf die Bildung der Anglikanischen Kirche."   

Professor an der Universität von Löwen

Erasmus ist ein Gelehrter, auf dessen Meinung und Rat man in den europäischen Herrscherhäusern großen Wert legt. "Er ist ein politischer Intellektueller, vergleichbar mit Figuren wie Habermas Ende des 20. Jahrhunderts. Er ist nicht einer, der Politik machen will. Er versucht, als Intellektueller politisch Einfluss zu nehmen." Susanna Burghartz, Professorin für Geschichte der Renaissance und Frühe Neuzeit, Universität Basel.

Auf den Straßen von Basel erinnern Erasmus-Zitate an den Humanisten der Renaissance, der in der Stadt am Rhein 1536 verstorben ist. (Deutschlandradio / Alfried Schmitz)Auf den Straßen von Basel erinnern Erasmus-Zitate an den Humanisten der Renaissance, der in der Stadt am Rhein 1536 verstorben ist. (Deutschlandradio / Alfried Schmitz)

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts ist Erasmus Professor an der Universität von Löwen, im heutigen Belgien. Durch den Einfluss von Erasmus entwickelt sich die Universität zu einem wichtigen Zentrum des Humanismus. Erasmus gründet an der Hochschule das "Drei-Sprachen-Kolleg" für lateinische, griechische und hebräische Philologie. Es ist die damals einzige universitäre Einrichtung dieser Art in ganz Europa. Mit dem "Drei-Sprachen-Kolleg" verfolgt Erasmus ein Ziel, das bestimmend für seine wissenschaftliche Arbeit ist. "Vor allem muss man zu den Quellen selbst eilen, das heißt zu den Griechen und den Alten überhaupt". Der Wahlspruch der Humanisten "Ad fontes" wird zum Forschungs-Ideal von Erasmus. Die humanistischen Gelehrten der frühen Neuzeit wollen unbedingt  "zurück zu den Quellen", um das Wissen der Welt im Original lesen, verstehen und deuten zu können.

Erasmus war ein Vielschreiber, der seine über 150 Bücher ausschließlich in Latein und Griechisch verfasst. In seinen unzähligen Briefen und im Gespräch benutzt er die lateinische Sprache. "Und da kommt hinzu, dass Erasmus wirklich ein begnadeter Rhetoriker im Lateinischen war. Also das war wirklich seine Sprache. Dort konnte er alles machen, was er wollte. Er konnte jede Finesse ausdrücken, er konnte jeden Wortwitz machen. Er konnte eindeutig, mehrdeutig sein. Das ist auch eine der großen Faszinationen heute noch von Erasmus-Texten, das sie wirklich eine Sprachkompetenz haben, die unglaublich ist."

"Adagia", eine Sammlung antiker lateinischer und griechischer Sprichworte

Im Jahr 1500 veröffentlicht der sprachgewaltige Philologe einen wahren Bestseller. Die "Adagia" ist eine kommentierte Sammlung antiker lateinischer und griechischer Sprichworte und Weisheiten, die Erasmus laufend ergänzt und neu bearbeitet. Ein bedeutendes Werk, wie der Basler Historiker Martin Kluge meint. "Und diese Adagien die waren über Jahrhunderte das Werk, was man lernte, für Rhetorik für gepflegten Sprachstil. Viele Begrifflichkeiten kennen wir heute noch. Das war der Stoff für Bildung."

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Berühmt sind auch die satirischen Werke von Erasmus von Rotterdam, in denen er unverhohlen Kritik am Kirchensystem, am scholastisch geprägten Dogmatismus und an der Gier nach weltlicher Macht und Reichtum des Klerus übt. Eine seiner bekanntesten Satiren "Lob der Torheit", verfasst er 1509.

"Die christliche Religion steht einer gewissen Torheit recht nahe; hingegen mit der Weisheit verträgt sie sich schlecht!"

Aber bei all der Kritik, die er an der Kirche übt, ist Erasmus kein Revolutionär, sondern ein Reformer im wahrsten Sinne des Wortes. Edward Fröhling, Professor für katholische Theologie, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar. "Erasmus hatte die große Hoffnung, dass man die Kirche erneuern kann, ohne sie zu spalten in einzelne Parteiungen. Das mochte der Erasmus als Mensch grundsätzlich nicht, diese kriegerische Auseinandersetzung in die Kirche einzuschleppen."

Einheit von spiritualer und gebildeter Kirche

Die italienische Philosophin und Historikerin Stefania Salvadori hat in ihrer wissenschaftlichen Erasmus-Analyse herausgefunden, dass auch  Erasmus in seiner intensiven Beschäftigung mit Gott und Glaube an bestimmte Erklärungs-Grenzen stößt und von Fragen und Zweifeln geplagt ist, aber: "Es ist viel wichtiger, die Einheit der Kirche zu schützen, als neue Erkenntnisse zu gewinnen. Wenn man zum Beispiel ein Geheimnis Gottes enthüllen möchte, aber dafür stiftet man Krieg und Spaltungen, dann ist Erasmus der Meinung, man sollte lieber nicht forschen und nicht viele Fragen stellen. Das ist auch eine paradoxe Natur in Erasmus."

Nikolaus Schneider, evangelischer Theologe und ehemaliger Ratsvorsitzende der EKD. "Sein Ziel war so etwas wie Einheit von spiritualer und einer gebildeten Kirche, die im Rahmen des apostolischen Symbols durchaus weiter lebt und darin auch weiter verankert ist. Er war ja auch von der Devotio Moderna beeinflusst und von der Form und der Kraft der Aufklärung, die mit dem Humanismus verbunden war."

Nicht nur Erasmus war von den Ideen der Devotio Moderna, der modernen Frömmigkeit, die ihren Ursprung in den Niederlanden des 14. Jahrhunderts hatte, wesentlich beeinflusst worden. Auch für Luther, Calvin und Zwingli dienen die modernen Gedanken dieser Strömung als wichtige Grundlage für ihre Reform-Ideen, die sie zu Beginn des 16. Jahrhunderts umsetzen. Wie sie ist auch Erasmus von Rotterdam strikt gegen den Ablasshandel. Menschen, die gegen kirchliche Verordnungen verstoßen hatten, versucht er beruhigen.

"Gott straft nicht sofort, das sind äußerliche Formeln und Verordnungen, die im Grunde genommen die Gläubigen vom Wesentlichen abhalten. Aber er hat schlussendlich die Amtskirche und die Sakramente immer verteidigt und für eine grundlegende Form gehalten, die man kritisieren kann in ihrer historischen Gestalt, die man aber als Fundament von Kirche und Religion nicht infrage stellen soll." Susanna Burgholtz, Historikerin, Universität Basel.

Großes Interesse an Basler Druckwerkstätten

1460 wird in Basel eine Universität gegründet, die sich zu einem Zentrum humanistischen Denkens entwickelt. Durch den hohen Bedarf an Druckwerken entwickelt sich die Stadt auch zu einer Metropole des Buchdrucks. Auch die Drucker werden vom Geist des Humanismus inspiriert. Einer von ihnen ist Johannes Amerbach. Er legt großen Wert auf die grammatikalische und inhaltliche Genauigkeit seiner Druckerzeugnisse und arbeitet deswegen eng mit den Gelehrten der Universität zusammen. Seinem Vorbild folgt auch Johannes Froben. Seine Buchdruckerwerkstatt liegt im Basler Totengässlein. Das Haus mit kleinem Innenhof und Brunnen ist noch heute erhalten. In einer Sonderausstellung kann man eine Zeitreise ins Jahr 1516 unternehmen.

"Also hier an diesem Ort standen die Druckpressen von Johannes Froben. Und genau dort, wo früher diese Druckpressen standen, stehen jetzt wieder welche, an denen wir mit den Besuchern drucken können, und zwar die Titelseite des 'Novum Instrumentum' von Erasmus."

1514 kommt auch Erasmus nach Basel. Er hat von dem guten Ruf der Basler Druckwerkstätten gehört und will als Autor davon profitieren. Die Werkstatt von Johannes Froben gilt damals als beste nördlich der Alpen. "Er hat angefangen als ein normaler Drucker der damaligen Zeit, hat aber in dem Augenblick wo er mit Erasmus zusammenkam, auf eine ganz neue Art von Buch umgestellt, die humanistischen Werke, die jetzt in einer neuen Art der Buchgestaltung, klein, handlich, das Medium Buch total auf den Kopf gestellt haben."

Neue Ausgabe des Neuen Testaments

Es war vor allem ein Buch von Erasmus, das damals für Aufsehen sorgte und das vor genau fünfhundert Jahren von Johannes Froben gedruckt wurde. Eine von Erasmus neu bearbeitete Ausgabe des Neuen Testaments, in der er dem lateinischen Text auch eine griechische Übersetzung gegenüberstellte und damit dem humanistischen Gedanken, "Ad Fontes" – "Zu den Quellen" gerecht werden wollte.

"Eine bereinigte Fassung des Neuen Testaments in der Ursprache Griechisch, die für sich in Anspruch nehmen konnte, die originalste Version des Testaments und damit des Heiligen Buches des Christentums zu sein, die er quellenkritisch erarbeitet hatte." Und weil es für die Gelehrtenwelt wie ein wissenschaftliches Werkzeug genutzt werden sollte, gab ihm Erasmus den programmatischen Titel "Novum Instrumentum".

"Der humanistisch gebildete Leser kann nun erstmals den griechischen Text des Neuen Testaments lesen. Andererseits war der Text auch mit Anmerkungsapparaten versehen." Stefania Salvadori, Philosophin und Historikerin, Wolfenbüttel.

Großes Interesse in den reformatorischen Kreisen 

In seinen Anmerkungen weist Erasmus auf Änderungen, Manipulationen und Übersetzungsfehler hin, durch die das Neue Testament über die Jahrhunderte verfälscht wurde. Zum ersten Mal zeigt Erasmus, dass man die Heilige Schrift nach humanistischen Kriterien lesen, deuten und verbessern kann. Die Wirkung, die das Werk in der freidenkenden Wissenschaftswelt erzielt, ist enorm. In Kirchen-Kreisen ist man allerdings wenig erbaut vom "Novum Instrumentum". "Das war selbstverständlich auch eine Art und Weise, die Kirche, die Theologen infrage zu stellen. Eine ganze Tradition, die scholastische Tradition infrage zu stellen. Und das zeigt auch die innovative Kraft des Erasmus."

Das Novum Instrumentum wird auch in den reformatorischen Kreisen mit großem Interesse gelesen. Martin Luther dient es als wichtige Inspiration, ebenfalls an einer Bibelübersetzung zu arbeiten. Anders als Erasmus entscheidet sich Luther für die Sprache des Volkes, für Deutsch. Er möchte eine Massenwirkung erzielen, nicht nur einen elitären Kreis von Gebildeten und Gelehrten erreichen. Doch nicht nur bei der Bibelübersetzung dient Erasmus dem Wittenberger Reformator als Ideenlieferant. Auch andere von Erasmus Kritikpunkten greift Luther dankbar auf.

1524 grübelt Erasmus darüber nach, ob er nicht ungewollt zum Mit-Initiator der Kirchenspaltung geworden ist. In einem Brief an seinen Kölner Humanisten-Freund Johannes Caesarius schreibt er: "Ich Erasmus, habe das Ei gelegt und Luther hat es geöffnet."

Luther nutzte das Gedankengut von Erasmus

Für Valentina Sebastiani ist es klar erwiesen, dass Luther das Gedankengut von Erasmus für seine Reform genutzt hat. "Von der Wissenschaft sagt man immer mehr und mehr, dass ohne Erasmus kein Luther. Es ist klar geworden, dass Luther die Übersetzung des Neuen Testaments von Erasmus benutzte."

Als es für Erasmus immer deutlicher klar wird, dass er ungewollt zum Wegbereiter des Reformators aus Wittenberg geworden ist, versucht er beschwörend auf Luther einzuwirken.

Edmund Fröhling, Professor für katholische Theologie, Philosophisch-Theologische Hochschule, Vallendar: "Man solle eben auch Geduld mit der Kirche als Institution haben und darauf vertrauen, dass sie erneuerbar ist. Darauf warten, schreibt Erasmus, dass sich etwas ändert, dafür arbeiten, sich dafür einsetzen, der Kirche als Institution gegenüber, diesen freundlichen Blick zu bewahren und ihr Umkehr, Bereitschaft und Fähigkeit zuzutrauen."

Doch es ist zu spät. 1529 erreicht die Reformation auch Basel. Am neunten Februar übernehmen die Bilderstürmer das Kommando. Besonders das Basler Münster wird in Mitleidenschaft gezogen. Kruzifixe, hölzerne Heiligenfiguren und sakrale Ölgemälde werden von den Wänden gerissen und auf dem Platz vor dem Münster verbrannt. Erasmus von Rotterdam sucht Zuflucht in Freiburg.

Beigesetzt im Basler Münster

Am 12. Juli 1536, ein Jahr, nachdem er nach Basel zurückgekehrt ist, stirbt Erasmus von Rotterdam. Beigesetzt wird er im Basler Münster. Eine große Grabplatte mit eingravierten goldenen Buchstaben erinnert an den Gelehrten. Eine reformierte Kirche wird zur letzten Ruhestätte für einen Katholiken.

Blick in die ehemalige Druckerwerkstatt von Johannes Froben. Im Basler Totengässlein wurde 1516 Erasmus von Rotterdams "Novum Instrumentum" gedruckt.  (Deutschlandradio / Alfried Schmitz)Blick in die ehemalige Druckerwerkstatt von Johannes Froben. Im Basler Totengässlein wurde 1516 Erasmus von Rotterdams "Novum Instrumentum" gedruckt. (Deutschlandradio / Alfried Schmitz)

Armgard Sasse führt Baselbesucher auf den Spuren von Erasmus und Reformation durch die Stadt am Rhein. "Dieses Epitaph hat mehrere Standorte gehabt. Der letzte ist jetzt hier. Witzigerweise an einer Stelle, wo Touristen ihn gar nicht finden können. Sie irren dann hier herum und man muss ihnen sagen, dass es eigentlich im Seitenflügel ist. Und es ist natürlich auch nicht so ganz klar, warum ist es nicht an prominenterer Stelle? Ich habe so den leisen Verdacht, er ist ja doch nicht evangelisch gewesen."

Dass Erasmus von Rotterdam überhaupt eine Grabstelle im Basler Münster erhalten hat, ist dem Einfluss seiner drei engsten Freunde zu verdanken. Allesamt Mitglieder des Basler Humanisten-Zirkels. Nikolaus Bischoff, Hieronymus Froben, Sohn des 1527 verstorbenen Druckers Johann Froben und Bonifacius Amerbach. Der Jurist war angesehener Professor und Rektor an der Basler Universität.

Lateinische Inschrift auf seinem Grabmal

Wie nahe die Drei ihrem verstorbenen Freund standen und wie hoch sie ihn schätzten, verrät die lateinische Inschrift auf seinem Grabmal im Basler Münster.

"Desiderius Erasmo Roterodamo, viro omnibus modis maximo, cuius incomparabilem in omni disciplinarum genere eruditionem pari coniunctam prudentia posteri et admirabuntur et praedicabunt, Bonifacius Amerbachius, Hieronymus Frobenius…"

"Dem Desiderius Erasmus von Rotterdam, dem in jeder Beziehung großartigen Mann, dessen unvergleichliche Bildung in jeder Art der Wissenschaften - verbunden mit gleichwertiger Klugheit - die Nachwelt bewundern und preisen wird, haben Bonifacius Amerbach, Hieronymus Froben und Nicolaus Bischoff(…)dem ausgezeichneten Patron, nicht für sein Andenken, das er selbst durch die Herausgabe seiner geistigen Arbeiten unsterblich gemacht hat, durch die es solange, als der Erdkreis stehen wird, weiterleben und mit den Gebildeten aller Völker sprechen wird, sondern für seinen sterblichen Körper(…)diesen Stein gesetzt(…)".

Was vor 480 Jahren noch sehr prophetisch klang, ist heute Realität. Erasmus von Rotterdam hat der Nachwelt ein reiches Erbe hinterlassen. Darin sich die Wissenschaftler einig.

Impulse gegeben für den Ökumenismus

Prof. Edward Fröhling, katholischer Theologe, Philosophisch-Theologische Hochschule, Vallendar: "Er wirkt fort als Reformator der Kirche. Viele seiner Themen, das müssen wir vor allem als Katholiken eingestehen, sind bis heute nicht eingelöst. Und in dem Sinne sind die Schriften von Erasmus für uns heute immer noch herausfordernde Reformationsschriften."

Nikolaus Schneider, evangelischer Theologe und ehemaliger Ratsvorsitzender der EKD: "Es hat durch die Jahre immer wieder Versuche gegeben, die Kirchenspaltung zu überwinden, und das war meistens auf der Basis von Texten oder von Ideen und Vorstellungen, die Erasmus geliefert hat. Also kann man sagen, er hat auch schon Impulse gegeben für den Ökumenismus."

Prof. Edward Fröhling, katholischer Theologe, Philosophisch-Theologische Hochschule, Vallendar: "Und er wirkt natürlich fort als großer Europäer. Bis heute kennen wir das Erasmus-Austausch-Studienprogramm, wo europaweit Studierende in seinem Namen und unter seiner Flagge studieren sollen, nicht nur um irgendwo exzellentere Wissenschaft zu lernen, sondern weil sie im Bereich der Völkerbegegnung und des Austauschs, friedenstiftende Menschen sein sollen."

Nikolaus Schneider, evangelischer Theologe und ehemaliger Ratsvorsitzender der EKD: "Es ist ja ein ganz aktuelles Thema, was Bildung für unsere Gesellschaft bedeutet und wie wir sie in unserer Gesellschaft weiter entwickeln. Und Erasmus war der Meinung, dass die christliche Gesellschaft durch Bildung zu einer wirklich humanen, humanistischen Gesellschaft überformt werden kann und überformt werden muss."

Prof. Susanna Burghartz, Historikerin Universität Basel: "Es wäre sehr schön, wenn dieses stupende, dieses enorme Sprachbewusstsein, das Erasmus hat, in der modernen Ausbildung von Schülern und Studierenden mit mehr Lust wieder genutzt werden könnte."

Vor 500 Jahren hat Erasmus von Rotterdam in Basel sein "Novum Instrumentum" drucken lassen. In der reformierten Stadt ist der große Renaissance-Gelehrte auch vor 480 Jahren gestorben und beerdigt worden. In Basel erinnern verschiedene Ausstellungen an den großen Humanisten der Renaissance.

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