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StartseiteEine WeltZwischen Flüchtlingselend und Unabhängigkeit 18.10.2014

ErbilZwischen Flüchtlingselend und Unabhängigkeit

Den Kampf gegen den Islamischen Staat macht die Öffentlichkeit derzeit vor allem an einem Namen fest: Kobane. Die syrische Stadt ist zu einem Symbol geworden. Aber der starre Blick auf die belagerte Stadt lenkt davon ab, wie fundamental gerade an anderen Orten die politische Landkarte in der Region verändert wird - zum Beispiel im irakischen Erbil.

Von Ulrich Leidholdt

Eine Luftaufnahme der Stadt Arbil, auch Erbil genannt, im Nordosten des Irak. Hier sitzt die Regierung der Autonomen Region Kurdistan. (AFP)
Eine Luftaufnahme der Stadt Arbil, auch Erbil genannt, im Nordosten des Irak. Hier sitzt die Regierung der Autonomen Region Kurdistan. (AFP)
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Anflug auf Erbil, Hauptstadt des kurdischen Autonomiegebiets. Äußerlich verrät nichts, dass Terroristen des Islamischen Staats im August nur 30 Kilometer vor der Millionenstadt standen. Jetzt stauen sich auf ihren Straßen wieder PS-starke Limousinen, Läden bieten Obst und Gemüse satt, Shopping Malls neueste Luxuselektronik, Restaurants sind gut besucht, jede Menge neue Hotels haben eröffnet.

"Ich kann Ihnen versichern, dass die Sicherheitslage enorm gut ist. Wir sind wachsam geworden. Es gibt keinen Grund mehr, Leute an der Einreise nach Irakisch-Kurdistan zu hindern."

Vor zwei Monaten habe Angst im Kurdengebiet geherrscht räumt Nihad Qocha ein, Erbils Bürgermeister mit deutscher Migrationsgeschichte. Die kurdische Peshmerga-Armee und westliche Hilfe hätten der Region aber wieder Sicherheit gegeben -Kurdistan ist IS-frei.

Dennoch ist der Flieger aus Berlin schwach besetzt, fast ausschließlich von Kurden. Westliche Ausländer, sonst scharenweise in der kurdischen Boomtown unterwegs, machen sich rar. Sicherheitsdenken ließ Experten und Wirtschaftsleute, auch Lehrer der bei Kurden beliebten Deutschen Schule nicht nach Erbil zurückkehren.
Depressiv nennt ein erfahrener Diplomat die Stimmung. Die Fahrt nach Norden zeigt, warum. An Straßen, unter Brücken und in Rohbauten campieren Flüchtlinge, die keinen Platz in Lagern finden. 500 Schulen sind belegt, für 100.000 kurdische Schüler fällt der Unterricht aus.

"Ich bin vertrieben", klagt Dilschar, ein jesidischer Familienvater. "Das Leben in Dohuk ist hart, unsere Lage mies."

Im nächsten provisorischen Camp erzählen Suliman und Tamabrahim, beide Jesiden aus Sindjar, ihre dramatischen Fluchtgeschichten. IS-Leute hätten Frauen und Kinder getötet, als sie ihr Dorf stürmten. Tamabrahim sagt, er habe seinen Vater verloren, die Mutter nur gegen Lösegeld bei ihrer Flucht zu Fuß mitnehmen dürfen. IS verfolge Jesiden wie sie als Ungläubige. Suliman und Tamabrahim hoffen auf eine UN-Sicherheitszone für ihre Minderheit. Sonst könnten sie nicht wieder heim. Sie wollten doch einfach nur leben sagt Tamabrahim - wenn nicht hier, dann eben im Ausland, vielleicht in Europa.

1,5 Millionen Flüchtlinge

Jesiden, Christen, Sunniten, Turkmenen und weitere Minderheiten leben im Kurdengebiet oder finden hier Zuflucht. Zudem syrische Kurden. 1,5 Millionen Flüchtlinge gegenüber fünf Millionen einheimischer Kurden. So als ob Deutschland mal eben 25 Millionen aufnehmen würde. Der IS bedroht die Menschen, ihre wirklich hingebungsvolle Hilfe für Flüchtlinge ist gleichwohl eine unglaubliche Belastung.

"Die Kurden haben in den letzten 100 Jahren selbst solche Situationen erlebt. Wir kennen Solidarität. Aber Solidarität dauert nicht ein bis vier Jahre. Dafür sind Zahlen einfach zu hoch. Die Städte sind voll. Was geschehen muss: Dass die Menschen Arbeit kriegen, die Kinder zur Schule gehen, in anderer Region integriert werden. Das ist was anderes als humanitäre Hilfe",

weiß Ton van Zutphen, der für die Welthungerhilfe die Unterstützung für Flüchtlinge im Nordirak organisiert. Erbils Bürgermeister sieht es ähnlich.

"Das hat schon wirtschaftliche Folgen vor der IS-Krise gehabt: Die Zentralregierung hat seit Februar die Gehälter und das Budget gestoppt. Die IS-Krise hat die Lage noch mal verschlechtert."

Das Verhältnis zwischen Erbil und Iraks Zentralregierung ist gespannt. Seit die UNO 1991 eine Flugverbotszone zum Schutz vor Saddam Hussein durchsetzte, treiben die Kurden ihre Autonomie voran. Mit eigenem Parlament, ihrer Regierung, Armee und eigener Außenpolitik. Mit Bagdad streitet man sich um Geld und Verteilung der Öl-Einnahmen. Ausgerechnet der Vormarsch des IS verleiht dem kurdischen Wunsch nach dem eigenen Staat zusätzlich Schub.

"Die Kurden haben ein Selbstbestimmungsrecht. Aber wir sollten Geduld haben mit der Unabhängigkeit, denn wir müssen erst mal innere Sicherheit gewährleisten und eine stabile und starke Infrastruktur bauen."

Keine Gedanken mehr an den Irak in den jetzigen Grenzen 

Für die Masse der Kurden ist Irak in seinen bestehenden Grenzen kein Thema mehr. Daran glaube nur noch der Westen. Auch Diplomaten räumen das ein. Erbils Bürgermeister denkt ebenso.

"Wenn die neue Regierung in Bagdad die gleichen Fehler macht wie Maliki, ist das für mich das Ende Iraks. Er wird sich automatisch auflösen und es wird vielleicht drei Staaten geben statt Irak."

Nihad Qocha gibt Malikis Nachfolger sechs Monate, um es besser zu machen. Doch Regierungschef Haidar al-Abadi sorgt für Ärger, lässt wissen, er billige den Kurden ja ihr Budget zu. Aber leider habe Maliki ihm leere Kassen hinterlassen.

So wird es auf Sicht wohl einen schiitischen Irak im Süden geben mit Iran als Schutzmacht, einen sunnitischen im Zentrum und den ersten unabhängigen Kurdenstaat im Norden. Allerdings misstrauisch beäugt von Nachbarn mit eigener kurdischer Bevölkerung, also Türkei und Iran. Minderheiten in Kurdistan fühlen sich da zerrieben. Von 1,6 Millionen irakischen Christen beim Sturz Saddams sind gerade noch 200.000 geblieben, meist im Nordirak. Doch auch sie resignieren wie Gandi aus Karakosh, geflohen vor dem IS aus der christlichen Hochburg bei Mosul.

"Wir haben der Zentralregierung vertraut, ebenso der kurdischen Autonomiebehörde. Bagdad hat uns fallen lassen. Auch hier in Kurdistan haben sie versprochen, wir stehen hinter euch. Aber dann haben auch sie uns vergessen. Keinem kannst du mehr trauen. Für mich heißt die Konsequenz, dass Christen hier nicht mehr leben können. Alle wollen doch nur deine Stimme bei Wahlen und dein Vermögen. Sie suchen nur den eigenen Vorteil. Da mache ich nicht mehr mit."

Gandi hält bereits ein Visum für die USA in Händen. Zwar liebe er Irak als Land, aber die Iraker und ihre Mentalität, die könne er nicht mehr ab.

 

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