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StartseiteKommentare und Themen der WocheDeutschland muss Klimaziele verschärfen12.08.2018

ErderwärmungDeutschland muss Klimaziele verschärfen

Angesichts drohender Heißzeiten müsse sich der vermeintliche Musterschüler Deutschland in Sachen Klimaschutz mehr anstrengen, kommentiert Stefan Römermann. Das sei teuer, anstrengend, ungemütlich - aber unbedingt nötig, um den nächsten Generationen nicht nur "verbrannte Erde" zu hinterlassen.

Von Stefan Römermann

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Kühe leiden am 06.08.2018 in der Eifel unter der Hitze und Trockenheit.  (picture alliance / dpa / R4200)
Der Klimawandel sei nicht mehr zu stoppen, sagt Stefan Römermann (picture alliance / dpa / R4200)
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Ein, zwei Grad mehr oder weniger – das macht bei dieser langen Hitze Welle für die meisten Menschen wohl keinen großen Unterschied: Ob das Thermometer 28 oder 30 Grad zeigt – es ist letztlich egal. Mit der gleichen Einstellung schauen offenbar viele deutsche Politiker auch auf die globale Erwärmung.

Ob der Temperaturanstieg nun auf anderthalb oder wenigstens deutlich unter zwei Grad begrenzt wird, wie im Pariser Weltklimavertrag vereinbart – oder ob es doch am Ende zweieinhalb oder auch 3 Grad werden. Das wird doch wohl keinen so großen Unterschied machen.

Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, warum die Bundesregierung die selbst gesteckten Klimaziele für 2020 aufgegeben hat - und auch die Umsetzung der langfristigen Klimaschutzziele für 2030 und 2050 eher lässig entspannt angeht. Ist ja auch noch viel Zeit bis dahin.

Zeit drängt mehr denn je

Doch die Zeit drängt heute mehr denn je. Denn die Frage, ob wir den Klimawandel und die Erderwärmung noch stoppen können ist längst beantwortet: die Chance ist längst vertan! Dafür hätten die großen Industrienationen gemeinsam schon in den 1980er beginnen müssen, den Ausstoß von Treibhausgasen massiv herunterzufahren und rechtzeitig auf erneuerbare Energien, auf ein nachhaltiges Verkehrssystem und eine nachhaltige Landwirtschaft umschwenken müssen. Doch die Warnungen der Klimaforscher wurden damals wie heute ignoriert – und so werden weiter Jahr für Jahr Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre gepustet.

Dabei wird die Zeit extrem knapp, wenn wir unseren Kindern und Enkelkindern nicht eine im wahrsten Wortsinn verbrannte Erde hinterlassen wollen. Das ist die Botschaft einer internationalen Klimastudie zu möglicherweise drohenden Heißzeiten, die in dieser Woche für Schlagzeilen gesorgt hat. Der Text enthält zwar wissenschaftlich betrachtet wenig Neues. Doch die Forscher malen ein sehr eindrückliches Szenario einer außer Kontrolle geratenen Erderwärmung, bei der sich verschiedene Effekte gegenseitig verstärken.

Domino-Effekt kommt in Gang

Denn wenn erst einmal bestimmte Temperaturen überschritten werden, heizen nicht mehr nur die menschengemachten CO2-Emmissionen den Klimawandel an. Die steigenden Temperaturen tauen dann auch beispielsweise, langsam aber sicher, das Eis der Permafrostböden in Sibirien auf – und setzen dort seit Jahrtausenden festgefrorene Klimagase wie Methan frei. Und dann wird es richtig ungemütlich. Denn dieses Methan heizt den Klimawandel weiter an und sorgt dafür, dass eben noch mehr Eis auftaut und noch mehr Klimagase frei werden.

Und als würde das nicht reichen, würden schließlich in einem Domino-Effekt weitere ähnliche Mechanismen in anderen Erdteilen in Gang gesetzt , die die Erderwärmung noch stärker und stärker antreiben. Selbst wenn die Menschheit das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas komplett einstellt, wäre die globale Katastrophe dann nicht mehr zu stoppen – eine unerträgliche Perspektive, selbst wenn diese Entwicklung Jahrhunderte dauern würde.

Leider wissen wir nicht genau, wo diese Schwellenwerte oder "Kipppunkte" eigentlich liegen. Doch es deutet einiges darauf hin – dass zumindest einzelne Effekte schon bei einer Erderwärmung von zwei Grad einsetzen. Ein halbes Grad mehr oder weniger Erderwärmung führt deshalb langfristig womöglich zu noch viel stärker steigenden Temperaturen, die viele Regionen der Erde praktisch unbewohnbar machen.

Teuer, anstrengend, ungemütlich

Deshalb wird es Zeit, dass der vermeintliche Musterschüler Deutschland beim Klimaschutz nicht nur seine bisherigen Verpflichtungen und eigenen Klimaziele endlich ernst nimmt – sondern diese Ziele eher noch verschärft. Das wird teuer, anstrengend und ungemütlich. Ein schneller Ausstieg aus der Kohleverstromung kostet eine Menge Geld. Ein nahezu emissionsfreier, klimaneutraler Verkehrssektor wird allein mit einer Kaufprämie für Elektroautos nicht zu machen sein. Und auch Flugreisen müssen endlich teurer werden, wenn sie die realen Umweltkosten im Ticketpreis abdecken sollen.

Leider lassen sich mit solchen Forderungen keine Wahlen gewinnen. Denn auf Komfort und Wohlstand mag in reichen Industrieländern wie Deutschland  kaum jemand verzichten. Aber unseren Wohlstand werden wir auf Dauer wohl trotzdem verlieren, wenn wir nicht bald umsteuern. Statt weiter munter ins Verderben zu reiten, nach dem Motto: Die Heißzeit trifft ja nicht uns - sondern, wenn überhaupt, - nur unsere Kinder und Kindeskinder.

Stefan RömermannStefan RömermannStefan Römermann, geboren 1977, hat an der Universität Leipzig Theaterwissenschaft und Anglistik studiert. Seit 2003 arbeitet er beim Hörfunk, vor allem für die ARD und den Deutschlandfunk. Seine Themenschwerpunkte sind Computer, Medien und Technik. Seit November 2013 ist er Mitglied der Wirtschaftsredaktion und dort Redakteur und Moderator der Sendung "Umwelt und Verbraucher".

  

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