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StartseiteDeutschland heute"Am allermeisten leiden die Deutschtürken"01.10.2018

Erdogan-Besuch"Am allermeisten leiden die Deutschtürken"

Fatih Zingal von der Union Internationaler Demokraten bedauert die Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei rund um die Eröffnung der Ditib-Moschee in Köln. "Wenn es Knatsch zwischen beiden Ländern gibt, dann kann nicht die volle Leistung von den Deutschtürken abgerufen werden", sagte Zingal im Dlf.

Fatih Zingal im Gespräch mit Peter Sawicki

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Erdogan-Anhänger schenken vor der Moschee in Köln-Ehrenfeld türkische Fahnen (dpa/ Christoph Hardt)
"Unglücklich gelaufen, dass vor der Moschee eine Versammlung der Menschen nicht stattfinden konnte", sagt Fatih Zingal, Ex-Sprecher der UETD. (dpa/ Christoph Hardt)
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Peter Sawicki: Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident ist mittlerweile zurück in der Türkei. Doch sowohl seine Gespräche in Berlin als auch die Eröffnung der Ditib-Moschee in Köln werden auch nach dem Staatsbesuch kontrovers und heftig diskutiert. In Köln wird besonders der Islam-Verband Ditib kritisiert – unter anderem, weil deutsche Politiker bei der Eröffnung außen vor gelassen wurden, so der Vorwurf. Manch einer fordert jetzt sogar die Überwachung von Ditib durch den Verfassungsschutz.

Über all das können wir jetzt sprechen mit Fatih Zingal. Er ist ehemaliger stellvertretender Sprecher der Union Internationaler Demokraten. Sie versteht sich als Interessenvertretung türkischer Migranten in Europa. Sie wird allerdings auch vom Verfassungsschutz beobachtet, der ihr eine zu große Nähe zur Partei von Recep Tayyip Erdogan, der AKP vorwirft. Guten Tag, Herr Zingal.

Fatih Zingal: Schönen guten Tag.

Sawicki: Die Türkische Gemeinde in Deutschland hat jetzt gesagt, die Moschee-Eröffnung am Samstag hat "einen Scherbenhaufen in den deutsch-türkischen Beziehungen hinterlassen." War es notwendig, es so weit kommen zu lassen?

Fatih Zingal, ehemals stellvertretender Vorsitzender der Union Europäisch-Türkischer Demokraten, aufgenommen am 17.07.2016 während der ARD-Talksendung "Anne Will" zum Thema "Putschversuch in der Türkei - Was macht Erdogan jetzt?" in den Studios Berlin-Adlershof. (picture alliance/dpa - Karlheinz Schindler)Fatih Zingal - "Plötzlich wird von Integrationsproblemen geredet." (picture alliance/dpa - Karlheinz Schindler)

Zingal: Was im Vorfeld passiert ist, was die Einladungspraxis des Dachverbandes Ditib anbelangt, da habe ich keine Kenntnisse. Ich selber war auf der Eröffnungsfeier dabei, ich war eingeladen und habe die Rede des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan verfolgen können, die voller positiver Signale war und versöhnliche Töne angeschlagen hat. Ich finde es sehr bedauerlich, dass es offenkundig im Vorfeld zu verschiedensten Irritationen gekommen ist, und jetzt gilt es, auch nach vorne zu blicken und diese Irritationen aus dem Weg zu räumen, damit man den Dachverband Ditib wieder zu einem Partner innerhalb der deutsch-türkischen Community und innerhalb der muslimischen Community etablieren kann.

"Positiveres Signal wäre wünschenswert gewesen"

Sawicki: Aber wenn Sie sagen, Irritationen, dann sehen Sie auch einen Scherbenhaufen, um dieses Wort mal aufzugreifen?

Zingal: Einen Scherbenhaufen – nein. Dieses Wort würde ich nicht verwenden, weil mir das ein bisschen zu sehr ins Superlative abgleitet. Ich persönlich hätte mir tatsächlich gewünscht, dass die Oberbürgermeisterin der Stadt Köln oder verschiedenste Vertreter wie der Ministerpräsident Armin Laschet anwesend gewesen wären. Das hat im Übrigen auch der türkische Staatspräsident Erdogan in seiner Rede noch mal betont, und dass es offenkundig zu Kommunikationsproblemen gekommen ist. Von daher ist es unglücklich gelaufen. Auch unglücklich gelaufen ist, dass vor der Moschee eine Versammlung der Menschen nicht stattfinden konnte. Sie sind gekommen, allerdings verteilt hinter den Straßenabsperrungen. Das war alles kein positives Signal. Immerhin sprechen wir hier von der größten Moschee Europas, die jetzt offiziell eröffnet worden ist. Und hier ein positiveres Signal zu senden, das wäre wünschenswert gewesen.

Sawicki: Aber gut, die Menschen standen ja vor diesen Absperrungen, die waren draußen, weil das Sicherheitskonzept ja abgelehnt wurde, das Ditib erarbeitet hatte. Frau Reker, die Oberbürgermeisterin hat ja abgelehnt zu kommen, weil ihr kein Rederecht eingeräumt wurde. Können Sie die Kritik an Ditib nicht nachvollziehen?

Zingal: Ich kann die Kritik an Ditib teilweise nachvollziehen. Allerdings tue ich mich jetzt schwer, hier ein öffentliches Statement abzugeben, weil ich nicht genau weiß, was Ditib im Vorfeld gemacht hat. Ich habe auch auf der Veranstaltung, als Präsident Erdogan anwesend war, mitbekommen, dass tatsächlich Einladungen ausgesprochen worden sind – zugegebenermaßen kurzfristig -, aber das dann abgelehnt worden ist. Von daher möchte ich jetzt nicht die Schuld auf eine Seite schieben und es ist, denke ich, so wie in den meisten Lebenslagen, dass nicht nur eine Seite schuld ist, sondern irgendwo die Mitte wohl richtig ist und die Wahrheit da irgendwo liegt.

Deutsche Delegation vermisst

Sawicki: Was werfen Sie denn der anderen Seite vor?

Zingal: Ich persönlich werfe überhaupt gar nichts vor. Aber ich denke, es wäre sehr schön gewesen, wenn trotz der im Vorfeld entstandenen Irritationen die Würdigung der Moschee stattgefunden hätte und irgendeine Delegation von offizieller deutscher Seite gekommen wäre, weil dann doch die Symbolwirkung viel stärker gewesen wäre.

Sie müssen das auch vor dem Hintergrund folgender Tatsache sehen: Dass die Ditib jetzt in den letzten Jahren in der Kritik steht, das kennen wir. Allerdings gibt es die Ditib seit 1984 und die Ditib war immer ein verlässlicher Partner, auch für den deutschen Staat. Und man darf nicht vergessen: Die Ditib hat Aufgaben wahrgenommen, was die Religionsdaseinsfürsorge anbelangt, und die Kosten dafür hat weitestgehend der türkische Staat beziehungsweise die Träger der Vereine und die Mitglieder der Vereine getragen.

Sawicki: Aber genau diese Nähe von Ditib zur türkischen Regierung wird ja von vielen kritisiert und es stellt sich auch die Frage – die wurde ja auch jetzt immer wieder aufgeworfen -, ob es legitim sei, wenn ein ausländischer Politiker wie Recep Tayyip Erdogan in Deutschland so eine Veranstaltung quasi für sich vereinnahmt. Sehen Sie das nicht kritisch?

Zingal: Ich kann Ihre Einschätzung nicht teilen, dass die Veranstaltung von ihm vereinnahmt worden ist. Im Gegenteil!

"Das macht uns alle traurig"

Sawicki: Ich zitiere die Kritik, die geübt wurde. Das sind ja auch deutsche Politiker, auch türkischstämmige, die das kritisiert haben.

Zingal: Ich habe es ja eben erwähnt, dass ich dann teilweise die Kritik nachvollziehen kann. Aber ich glaube nicht, dass man hier jetzt eine einseitige Schuldzuweisung betreiben sollte, weil das, denke ich, auch kontraproduktiv ist. Sehen Sie, diese Anspannung, die es tatsächlich in der Vergangenheit zwischen der Türkei und Deutschland gegeben hat, und auch die Anspannung um die Kommunikation hinsichtlich der Eröffnung der Ditib-Zentralmoschee, das führt ja dazu, dass am allermeisten die Deutschtürken, also wir darunter leiden, und das macht uns alle traurig. Es ist ein bisschen so ähnlich wie bei der deutschen Nationalmannschaft, wenn man das im Zusammenhang mit der Özil-Kritik sehen möchte. Wenn es Knatsch gibt innerhalb der Mannschaft, dann kann nicht die volle Leistung abgerufen werden, und so ähnlich sehe ich das auch für Deutschland. Wenn es Knatsch zwischen beiden Ländern gibt, dann kann nicht die volle Leistung von den Deutschtürken abgerufen würden. Und wir würden gerne volle Leistung erbringen, weil wir nämlich beide Länder, sowohl die Türkei als auch Deutschland, lieben.

Sawicki: Worin kann die bestehen, diese Leistung?

Zingal: Diese Leistung kann im Prinzip darin bestehen, was wir jahrelang hatten. Die Integrationsdebatten der vergangenen zwei, drei Jahre, die spiegeln nach meinem Dafürhalten ja nicht das wider, was jahrzehntelang gelungen ist. Plötzlich wird von Integrationsproblemen geredet, mangelnde Sprachkenntnisse und keine Anpassung an die Gesellschaft. Das kann ich so nicht teilen. Und ich glaube, es wird nicht der Tatsache gerecht, dass Integration in vielen Teilen gelungen ist. Jeder in seiner Biographie, auch ich in meiner Biographie habe deutsche Nachbarn, deutsche Omis, wenn Sie so wollen, die in irgendeiner Form bei den Hausaufgaben, beim Erlernen der deutschen Sprache geholfen haben. Und ich glaube, es ist nicht fair, wenn man jetzt auf einmal alles über einen Kamm schert und sagt, das ist grundlegend nicht gelungen. Das würde ich nicht so sehen.

"Erdogans-Rede war sehr diplomatisch, sehr sachlich"

Sawicki: Trotzdem gab es ja auch im Rahmen der Eröffnung am Samstag Menschen, die beispielsweise den Islamistengruß gezeigt haben, so wurde berichtet, oder die Zeichen der sogenannten Grauen Wölfe, einer faschistischen Vereinigung. Sind das Merkmale einer gelungenen Integration?

Zingal: Merkmale einer gelungenen Integration – darüber lässt sich natürlich trefflich streiten. Aber wenn Sie über Merkmale gelungener Integration reden, dann fände ich es zum Beispiel wünschenswert, wenn das Thema Integration medial berichtet wird, dass man nicht O-Töne einfängt in türkischen Basars oder in arabischen Geschäften, sondern einfach mal in eine Universität geht und da die türkeistämmigen beziehungsweise arabischstämmigen Menschen interviewt. Da wird man nämlich ein ganz anderes Bild vermittelt bekommen.

Sehen Sie, es ist, glaube ich, auch eine Verantwortung aller, auch die der Medien, Sachen objektiv und sachlich darzustellen. Ich selbst war wie gesagt bei der Eröffnung der Ditib-Zentralmoschee dabei, habe die Rede verfolgt. Sie war sehr diplomatisch, sehr sachlich. Und wenn ich dann allerdings Überschriften von einigen Medien sehe wie "Hetzrede gegen Deutschland", "Hasspredigten" wie auch immer, so denke ich mir, wo kommt das her. Ich verstehe das nicht und kann das nicht nachvollziehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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