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StartseiteKommentare und Themen der WocheSchritt zur Islamisierung des öffentlichen Lebens11.07.2020

Erdogan und die Hagia SophiaSchritt zur Islamisierung des öffentlichen Lebens

Wegen der geplanten Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee steht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Kritik. Der Preis für Erdogans Machtspiel ist hoch, kommentiert Christiane Habermalz. Die Gräben werden tiefer, alte Feindseligkeiten könnten wieder aufbrechen.

Von Christiane Habermalz

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Eine Frau ist in eine türkische Flagge gewickelt und hebt die Hände gen Himmel. Vor ihr die Hagia Sophia. (AP Photo/Emrah Gurel)
Nach dem Gerichtsurteil feierten viele Menschen vor der Hagia Sophia. (AP Photo/Emrah Gurel)
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Wer die Hagia Sophia einmal betreten hat, der wird sie nicht wieder vergessen. Der Eindruck dieser riesigen Kirche ist schlicht überwältigend. In der Spätantike galt sie wegen ihrer nahezu schwerelos über dem Hauptraum schwebende Kuppel als das achte Weltwunder. Über tausend Jahre lang war sie die größte Kirche der Christenheit und ist eng mit der byzantinischen Geschichte verbunden. Seit 86 Jahren ein Museum, ist sie zusammen mit der gegenüberliegenden Blauen Moschee eine der größten Touristenattraktionen der Stadt - und vor allem ein Symbol für den interreligiösen Dialog und die kulturelle Verständigung mitten in Istanbul.

Nicht nur die eigene Bevölkerung gespalten

Damit ist es jetzt vorbei. Mit der Entscheidung die Haga Sophia zu einer Moschee zu machen, spaltet der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan nicht nur die eigene Bevölkerung, von denen beileibe nicht alle nur jubeln ob dieser Reislamisierung eines Architekturdenkmals. Er riskiert auch weitere Konflikte zwischen den Religionsgemeinschaften und eine Verschlechterung der ohnehin schon angespannten Beziehungen zum Nachbarland Griechenland. Denn dort und in Russland ist das Entsetzen besonders groß.

Die Hagia Sophia in Istanbul, Wahrzeichen der Stadt, ist heute ein Museum.  (picture alliance / dpa / Kyodo) (picture alliance / dpa / Kyodo)Erdogans Pläne für die Hagia Sophia als Moschee (03:23)
Die Hagia Sophia soll von einem Museum in eine Moschee umgewandelt werden. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Öffnung des Gebäudes zum islamischen Gebet angeordnet. Mit dem Beschluss übergab er die Leitung der "Hagia Sophia Moschee" zudem an die Religionsbehörde Diyanet.

Für die dortigen orthodoxen Kirchen ist die Hagia Sophia bis heute eines ihrer wichtigsten Heiligtümer – vergleichbar mit dem Petersdom in Rom für die Katholiken oder der Klagemauer in Jerusalem für die Juden. Schon jetzt gibt es Drohungen aus Athen: Auf diese Beleidigung der Christenheit müsse es eine entsprechende Antwort geben. Die Folgen könnten muslimische Minderheiten irgendwo auf der Welt zu spüren bekommen.

Da hilft es auch wenig, wenn Erdogan versichert, die Hagia Sophia werde weiterhin für Touristen und andere Gläubige offenbleiben. Die einzigartigen christlichen Mosaike aus dem 12. Jahrhundert werden verhüllt werden. Und welche Umbauten noch vorgenommen werden müssen, um aus der Kirche einen muslimischen Gebetsraum zu machen, wird sich zeigen. Die Kirche gehört zum Weltkulturerbe. Allein die Mosaike, die zu den wertvollsten und schönsten der Welt gehören, nicht mehr erleben zu können, wäre ein grenzenloser Verlust.

Auf der Strecke bleibt interreligiöse Toleranz

Recep Tayyip Erdogan hat einmal mehr sein Gesicht gezeigt. Der Griff nach der Hagia Sophia ist ein weiterer Schritt in der Islamisierung des öffentlichen Lebens in der Türkei, wie sie von Erdogan seit Jahren massiv betrieben wird. Für ihn ist das Bauwerk im Herzen der Altstadt Istanbuls ein billiges Mittel, um sich vor seinen Stammwählern als Kämpfer für den Islam und das Türkentum zu profilieren - in einer Zeit, in der er durch steigende Arbeitslosenzahlen, Corona und eine darniederliegende Wirtschaft massiv unter Druck steht.

Der Preis für Erdogans Machtspiel ist hoch – nicht nur weil die Zukunft eines einzigartigen Kulturdenkmals auf dem Spiel steht. Die Gräben werden tiefer, alte Feindseligkeiten könnten wieder aufbrechen. Auf der Strecke bleiben einmal mehr Dialog, interreligiöse Toleranz und Verständigung. Für sie wird der Raum in der Welt ohnehin immer enger.

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

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