Freitag, 20.07.2018
 
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Erdogan und die Türken in Deutschland Es ist Liebe

Mitten in der deutschen Demokratie wählen viele Türken den Autokraten Recep Erdogan zu ihrem Präsidenten. Versuche, das zu beschönigen, findet Kommentator Kemal Hür ärgerlich. Die Türken in Deutschland sähen in Erdogan eine Vaterfigur, der sie folgten. Sie wählten nicht rational, sondern emotional.

Von Kemal Hür

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In Deutschland lebende Türken feiern den Wahlsieg von Recep Tayyip Erdogan mit einem Autokorso auf dem Kudamm. (imago)
In Deutschland lebende Türken feiern den Wahlsieg von Recep Tayyip Erdogan (imago)
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Türkisches Wahlverhalten in Deutschland Hoffen auf mehr Distanz zu Erdogan

Die Türken haben das parlamentarische System abgewählt. In Deutschland haben rund 65 Prozent der Wähler für den bisherigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gestimmt. So weit, so schlecht! Was aber ärgerlicher ist als diese große Zustimmung für einen Despoten, das sind die Versuche, dieses Ergebnis zu relativieren und zu beschönigen.

Da heißt es etwa: Die deutsche Integrationspolitik sei schuld daran, oder Deutschland habe es nicht geschafft, seine Werte ausreichend zu vermitteln. Wieder andere führen die ewige Leier von den "Gastarbeitern" an, die aus ländlichen Regionen der Türkei eingewandert und konservativ seien. Eine banale Annahme wird nicht dadurch glaubwürdiger, indem sie permanent wiedergekäut wird.

Schauen wir der Wahrheit ins Gesicht

Eine weitere beliebte These lautet: Nur die Hälfte der 1,4 Millionen wahlberechtigten türkischen Staatsbürger habe sich an der Stimmabgabe beteiligt. Und davon hätten 65 Prozent Erdogan gewählt. Das seien aber nicht Zweidrittel der rund 3 Millionen türkeistämmigen Migranten in Deutschland. Wenn wir diese mathematische Formel auf die AfD anwenden würden, würden wir von einer unbedeutenden Minderheit ausgehen, die die rechtspopulistische Partei wählt. Aber diese Partei sitzt im Bundestag und betreibt eine rassistische Politik.

Schauen wir der Wahrheit also ins Gesicht: Zweidrittel der stimmberechtigten türkischen Staatsbürger in Deutschland wählen einen Mann, der die Demokratie mit Füßen tritt. Aber als Erklärung dieses Phänomens taugt die Integrationsdebatte nicht. Erdogan wird nicht nur von vermeintlich ungebildeten, konservativen, integrationsunwilligen Türken gewählt. Auch neoliberale Unternehmer wählen ihn.

Erdogans Anhängerschaft sieht in dem Despoten eine Vaterfigur

Vielleicht hilft ein türkischer Begriff weiter: Erdogans Anhänger nennen ihn "Reis". "Reis" ist das türkische Wort für "Führer" oder "Oberhaupt". In türkischen Familien wird der Vater auch "Reis" genannt, also das Familienoberhaupt. Erdogans Anhängerschaft sieht in dem Despoten eine Vaterfigur. Er ist derjenige, der weiß, was richtig ist. Er ist derjenige, der die Familie zusammenhält und sie nach außen verteidigt. Auch wenn die Kinder aus dem Haus gehen, einen Beruf ergreifen und eigene Familien gründen, bleibt der Vater das Oberhaupt.

Erdogan und seine Wähler verbindet eine besondere Art Liebe

So verhält es sich auch mit den konservativen türkischen Wählern in Deutschland. Sie bewundern Erdogan, wenn er nach Deutschland kommt und sagt, er sei der Präsident aller Türken in der Welt. Sie schauen zu ihm auf, wenn er auf internationalem Parkett selbstbewusst auftritt. Und sie stehen hinter ihm, wenn er das türkische Militär nach Syrien oder in den Irak einmarschieren lässt. Dass viele seiner Wähler in Deutschland geboren sind und hier die Schule besucht haben, spielt bei dieser tief emotionalen Verbindung keine Rolle. Erdogans Untertanen leben physisch in Deutschland. In ihren Wohnungen hören sie Erdogans Reden und schauen türkische Serien. Es verbindet sie eine besondere Art Liebe. Und Liebe kann bekanntlich sehr irrational sein.

Kemal Hür (Foto: privat)Kemal Hür (Foto: privat)Kemal Hür, Jahrgang 1968, studierte Germanistik, Soziologie sowie Theater- und Filmwissenschaft an der FU Berlin. Nach Dolmetschertätigkeiten begann er im Jahr 2000 seine journalistische Laufbahn bei Radio Multikulti beim SFB/RBB. Ab 2005 arbeitete er auch für verschiedene Fernsehprogramme der ARD (Kontraste, Cosmo-TV, Abendschau, Stilbruch). Seit 2006 ist er Autor für verschiedene ARD-Hörfunkprogramme. Seit 2014 bearbeitet er für das Berliner Landesstudio von Deutschlandradio die Themenschwerpunkte Migration/Integration/Islam/Türkei.

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