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StartseiteEuropa heuteErfolgsmodell Hermannstadt22.07.2013

Erfolgsmodell Hermannstadt

Bürgermeister will Rumänienbild im Ausland verbessern

Rumänien ist eines der ärmsten EU-Länder. Sibiu (Hermannstadt) gilt als positive Ausnahme: Die Europäische Kulturhauptstadt von 2007 zieht Investoren und Touristen an, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. In Bürgermeister Klaus Johannis sehen manche den künftigen rumänischen Regierungschef.

Von Ralf Borchard

Blick auf den kleinen Platz von Hermannstadt (Sibiu). (picture alliance / dpa)
Blick auf den kleinen Platz von Hermannstadt (Sibiu). (picture alliance / dpa)

Das Büro von Klaus Johannis liegt direkt am Hauptplatz von Sibiu, das deutsche Touristen als Hermannstadt kennen. Für den Bürgermeister sind die eigenen Wurzeln als Siebenbürger Sachse ein Vorteil. Der Rumäniendeutsche gilt als guter Organisator, als derjenige, der die Stadt 2007 zur Europäischen Kulturhauptstadt gemacht und Investoren angelockt hat. Aus dem Fenster sieht er direkt auf die renovierten Fassaden der historischen Gebäude. Und - das macht die Stadt gerade in der Wirtschaftskrise zur Ausnahme - die Arbeitslosenrate ist mit rund drei Prozent die niedrigste in ganz Rumänien:

"Die Investoren vor Ort haben den Standort kennen und schätzen gelernt, und praktisch alle haben ausgebaut. Die meisten haben ihre Kapazitäten in den letzten Jahren verdoppelt. Große deutsche Unternehmen bauen weiter aus. Das alles zeigt, dass die Stadt auch entsprechend gute Arbeitskräfte liefert."

Johannis, früher Physiklehrer, ist seit 13 Jahren Bürgermeister, viermal wurde er wiedergewählt, mit Traumergebnissen jenseits der 75 Prozent. Jetzt hat er offenbar höhere Ziele. Erstens soll Hermannstadt im Zuge der geplanten Verwaltungsreform in Rumänien Hauptstadt eines neuen großen Verwaltungsbezirks, vergleichbar mit einem deutschen Bundesland, werden:

"Ob das dann passiert oder nicht, das werden wir noch erleben, aber ich werde dafür Lobby machen."

Manche bringen Johannis schon als künftigen rumänischen Präsidenten oder Premierminister ins Gespräch. 2009 wurde er schon einmal kurz als möglicher Übergangs-Regierungschef gehandelt. Jetzt hat sich der früher Parteilose zum Vize-Vorsitzenden der Nationalliberalen Partei wählen lassen, die derzeit auf Bundesebene mitregiert. Will er ganz nach oben?

"Es ist eine Möglichkeit. Es tun sich viele Dinge in der rumänischen Politik. Es werden in der nächsten Zukunft in Rumänien viele Veränderungen stattfinden. Und ich wollte doch etwas näher an den Kreisen sein, die darüber sprechen und die darüber entscheiden."

Allerdings ist die Partei, der Johannis beigetreten ist, nicht unproblematisch. Der Chef der Nationalliberalen, Crin Antonescu, ist in letzter Zeit durch nationalistische und anti-europäische Parolen aufgefallen. Johannis dagegen gilt als entschiedener Pro-Europäer. So groß die regionalen Unterschiede in Rumänien sind, so wenig sich Hermannstadt als Modell auf das ganze Land übertragen lässt - das Rumänienbild im Ausland muss besser werden, sagt er:

"Das Rumänienbild ist nach wie vor schlecht. Es ist interessant, irgendwie auch paradox, festzustellen, dass fast alle - zum Beispiel - Deutschen, die das erste Mal nach Rumänien kommen, das hier ganz ausgezeichnet finden. Sicher, es gibt Korruption, es gibt viele arme Leute, es gibt eine Menge Probleme, aber insgesamt haben alle diesen Aha-Effekt bestätigt, wenn man mal hier ist, merkt man, dass das Land ganz schön ist, dass die Leute im Schnitt sehr offen, freundlich und vernünftig sind."

Und doch ist auch in der rumänischen Bevölkerung die EU-Skepsis größer geworden. Warum? Weil Rumänien hohe Erwartungen an die EU-Mitgliedschaft hatte, sagt Johannis, und es auf beiden Seiten Missverständnisse gab. Diese auszuräumen - ob weiter als Bürgermeister oder bald in einem neuen Amt - sieht Johannis als seine Hauptaufgabe:

"Erstens waren sicher die Erwartungen zu hoch. Zweitens war die Aufmerksamkeit, die die EU uns gegeben hat, geringer als man das dachte. Die Leute in Rumänien erwarten einfach, dass sie für voll genommen werden. Wenn wir ein Zweiklassen-Europa aufbauen, dann wird das nie funktionieren. Auch wenn die Einkommensunterschiede riesig sind, sollte man schon versuchen, alle EU-Länder für voll zu nehmen. Es kann nicht Länder erster und Länder zweiter Klasse geben. Das kann nie funktionieren. Die EU kann genau dann funktionieren, wenn alle als volle Partner akzeptiert werden."

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