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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Eric Frey: Schwarzbuch USA10.05.2004

Eric Frey: Schwarzbuch USA

Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2004, 496 Seiten, 24,90 Euro

<strong> Dass die USA nicht der Hort von Freiheit, Demokratie und Wohlstand sind, als die George W. Bush das von ihm regierte Land gerne präsentiert, wird bei der Lektüre dieser Neuerscheinung überdeutlich. Mit dem "Schwarzbuch USA" hat der Wiener Journalist und Politikwissenschaftler Eric Frey, der unter anderem als Gastprofessor lange in den Staaten gelebt hat, jetzt ein faktenreiches Kompendium der gesammelten außenpolitischen Sünden wie innenpolitischen Deformationen im Land der "unbegrenzten Möglichkeiten" vorgelegt. Das Buch beschränkt sich dabei nicht etwa auf die Amtszeit der Bush-Regierung, sondern liefert einen Abriss von anno 1776, dem Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, bis heute. </strong>

Von Brigitte Baetz

In Kairo lesen Ägypter die Schlagzeilen über die Misshandlungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten (AP)
In Kairo lesen Ägypter die Schlagzeilen über die Misshandlungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten (AP)

Martin Luther Kings Traum von einem Land, in dem Schwarz und Weiß eine friedliche Gemeinschaft bilden, versinnbildlicht zu gleichen Teilen Hoffnung und Scheitern der USA. Das in der Verfassung garantierte "Streben nach Glück", die Verheißung, es vom Tellerwäscher bis zum Millionär schaffen zu können, ist für die meisten Amerikaner am Anfang des 21. Jahrhunderts eine reine Wunschprojektion - besonders für die schwarze Bevölkerung. Auch vierzig Jahre nach der großen Ansprache des Bürgerrechtlers Martin Luther King kann von gleichen Chancen für alle keine Rede sein, auch wenn sie auf dem Papier verwirklicht sind, wenn es Schwarze wie Colin Powell oder Condoleezza Rice bis ganz oben geschafft haben. Der Wiener Journalist Eric Frey zeichnet in seinem "Schwarzbuch USA" das Bild einer Gesellschaft, die im Innern zutiefst gespalten ist: in eine kleine, meist weiße, Elite und eine Masse von Armen, zu denen die meisten Farbigen gehören. Aufgrund einer parteiübergreifenden Ideologie, die Steuersenkungen als wirtschaftliches Allheilmittel anpreist, ist die Sozialvorsorge dem Einzelnen überlassen, werden Schwache und Kranke in einer fast darwinistischen Weise an den Rand gedrängt, leiden vor allem die Einwohner der Innenstädte unter einer heruntergekommenen Infrastruktur, die auch die Schulen betrifft.

Schulgebäude sind einsturzgefährdet, Heizung und Klimaanlagen funktionieren nicht, Schulbibliotheken bestehen oft nur aus einigen zerfledderten Büchern, Computer und anderes Unterrichtsmaterial fehlen, Lehrpläne sind veraltet, Lehrer erweisen sich als unterqualifiziert und überfordert, Gewalt und Disziplinprobleme dominieren den Schulalltag, und viele Schüler können nach zwölf Jahren Schulbesuch kaum lesen und schreiben. Schuld sind Geldmangel und schlechtes Management, aber auch die mächtige Lehrergewerkschaft, die verhindert, dass unfähige Lehrer entlassen und schlechte Schulen geschlossen werden. Das Land mit den besten Eliteuniversitäten der Welt leistet sich Schulen, für die sich jedes Entwicklungsland schämen müsste.

In einem durch und durch kommerzialisierten Land ist der größte Teil der Bevölkerung permanent damit beschäftigt, sich mit Arbeit über Wasser zu halten. Amerikaner arbeiten jährlich 350 Stunden mehr als Westeuropäer, damit sogar mehr als Japaner. Der Durchschnittsurlaub beträgt zwei Wochen im Jahr, und für Millionen von Bürgern ist auch der Sonntag ein ganz normaler Arbeitstag - mit allen negativen Folgen für Familie und Kinder. Ein Fünftel aller Kinder lebt in Armut, unbeschränkter Waffenbesitz fördert die Kriminalität, zwei Millionen Menschen sitzen hinter Gittern, der öffentliche Raum verfällt, die Umwelt wird für den kurzfristigen Profit einiger weniger zerstört, es gibt kein Land mit mehr fettleibigen Menschen - Eric Frey lässt nichts aus, um die negativen Seiten Amerikas ins Licht zu rücken, daher ja auch der Titel "Schwarzbuch USA". Doch sollte man sein Buch nicht sofort mit dem Stempel "Antiamerikanismus" versehen und zur Seite legen. Der Einfluss der letzten verbliebenen Supermacht auf die Kultur, die Wirtschaft und die Politik Europas ist viel zu groß, als dass es sich die Öffentlichkeit leisten könnte, die USA nicht auf den Prüfstand zu stellen. Und: Frey beruft sich in seiner Kritik vor allem auf amerikanische Quellen, auch, wenn er nachweisen will, dass die Politik der USA stark paranoide Züge trägt mit ihren Feindbildern Kommunismus, Sozialismus und jetzt Islamismus.

Der einzelne Amerikaner kann nur sehr wenig tun, um kommunistische Spione in unserer Regierung zu entlarven. Sie müssen ganz auf die unter uns setzen, die als Wachtürme für die Nation dienen. Was die Amerikaner jedoch tun können, ist, Tag und Nacht wachsam zu sein, um sicher zu stellen, dass keine Kommunisten Lehrer für die Söhne und Töchter Amerikas sind.

Die Kommunistenhysterie der 50er Jahre fand ihren Höhepunkt in den Anhörungen des Senators McCarthy und in der Hinrichtung der angeblichen Atomspione Julius and Ethel Rosenberg. Ein Erbe, das in Abwandlungen bis heute weiterlebt, so Eric Frey:

Das gefährlichste Relikt der McCarthy-Ära war der Ausbau des Sicherheitsstaates, in dem die nationale Sicherheit Vorrang vor den Rechten des Einzelnen und sogar vor dem Gesetz erhielt. Auf Basis dieses Prinzips hat das FBI in den Sechziger- und Siebzigerjahren politische Kritiker verfolgt, hat Präsident Richard Nixon in der Watergate-Affäre zahlreiche Gesetze gebrochen, die Reagan-Regierung die Iran-Contra-Affäre ausgelöst und Präsident George W. Bush nach den New Yorker Terroranschlägen das Völkerrecht und die eigene Verfassung mit Füßen getreten.

Schon lange vor dem Ende der Sowjetunion trug die Außenpolitik der USA monomane Züge. In der Frühzeit des Landes bezogen sie sich "nur" auf den Hinterhof Lateinamerika, doch im Verlauf des Kalten Krieges auf die ganze Welt. Dabei waren die Folgen für die USA, abgesehen vom Gewinn des Zweiten Weltkrieges natürlich, in der Regel nicht einmal positiv, das Desaster von Vietnam war da nur ein besonderer Höhepunkt. Der Sturz des säkularen Nationalisten Mossadegh im Iran durch die CIA und die Wiedereinsetzung des Schah rächte sich mit der islamischen Revolution des Ayatollah Khomeini, die verfehlte Afghanistan-Politik Ende der 70er Jahre ist bis heute spürbar:

Es gibt (...) deutliche Hinweise darauf, dass die USA die sowjetische Invasion bewusst provoziert hatten, indem sie seit Sommer 1979 die islamischen Mudschaheddin, die den Kampf gegen das sozialistische Regime in Kabul aufgenommen hatten, mit Waffenlieferungen unterstützten. "Wir haben die Sowjets nicht zum Intervenieren gedrängt, aber wir haben wissentlich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie es tun", räumte Brzezinski 1998 in einem Interview ein. Das Ziel war, den Sowjets ein eigenes Vietnam zuzufügen, ihre militärischen Ressourcen in einem kostspieligen Guerillakrieg zu binden und den Widerstand der islamischen Bevölkerungsgruppen in der Sowjetunion gegen die kommunistische Herrschaft anzustacheln. Die Falle schnappte tatsächlich zu - mit weitreichenden Folgen: Der Afghanistan-Feldzug trug entscheidend zum Zusammenbruch der Sowjetunion bei und nährte auch den islamischen Terrorismus, der sich später in Gestalt von Osama bin Laden und Al-Kaida gegen die USA richtete. Die selbstherrliche, in den meisten Fällen illegale Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten hat eine lange Tradition, die zum einen mit wirtschaftlichen Interessen, zum anderen mit dem religiösen Sendungsbewusstsein der amerikanischen Nation zu tun hat. Aufgrund dieser langen Tradition von Guatemala über Kuba und El Salvador bis Chile verwundert es eigentlich, dass die völkerrechtswidrige Vorgehensweise der aktuellen Regierung Bush so viel Empörung hervorruft.


Als George Bush senior, der Vater des heutigen Präsidenten, 1989 Streitkräfte in Panama einmarschieren ließ, um General Noriega zu stürzen, rechtfertigte er das mit der Gefährdung des Lebens von Amerikanern. In Wahrheit ging es darum, den unberechenbar gewordenen Verbündeten, weil Antikommunisten, Noriega zu stürzen und seine Drogengeschäfte zu unterbinden. Während Bush in Europa von kollektiver Sicherheit und einer neuen Ära der Kooperation sprach, machte er klar, dass in Mittelamerika auch nach Ende des Kalten Kriegs die USA die Regeln bestimmen würden. Das "Schwarzbuch USA" lässt keine Zweifel aufkommen: Wer sich blindlings auf die Integrität der USA in der Außenpolitik verlässt, muss naiv sein. Und gerade die neuesten Entwicklungen im Irak bestätigen diese Ansicht. Trotzdem erscheint dem Leser das Konzept eines Schwarzbuches, das quasi aus eigenem Anspruch heraus ja nur die negativen Seiten zeigen will, fragwürdig, eben, weil es die positiven Seiten auslässt. Andererseits: Wer sich über die Sünden der USA, von der Vernichtung der Indianer über den Atombombenabwurf auf Hiroshima bis zu den Menschenrechtsverletzungen in Guantánamo Bay, informieren will, wird ausführlich bedient. Erst zum Schluss wagt Eric Frey, der in Princeton studierte und als Politikwissenschaftler eine Gastprofessur in New Orleans innehatte, einen optimistischen Ausblick:

Die USA haben in ihrer Geschichte mehrfach eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie ohne fremde Hilfe in der Lage sind, sich zu bessern: Sie haben die Sklaverei abgeschafft, die Wunden des Bürgerkrieges geheilt, die Macht der Räuberbarone gebrochen, die Weltwirtschaftskrise mit dem New Deal überwunden, den politischen Verfolgungen der McCarthy-Ära abgeschworen, die offene Rassendiskriminierung beendet, Lehren aus dem Vietnamkrieg gezogen, Richard Nixon zum Rücktritt gezwungen und die Budgetdefizite der Reagan-Ära wieder eingedämmt. Diese Selbstheilungskräfte hat Amerika hoffentlich nicht verloren. Wenn sie wieder zum Vorschein kommen, werden manche der schwarzen Seiten der Vereinigten Staaten in Zukunft weniger dunkel erscheinen.

Brigitte Baetz über Eric Frey: Schwarzbuch USA. Veröffentlicht im Eichborn Verlag Frankfurt am Main, 496 Seiten für 24 Euro und 90 Cent.

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