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StartseiteBüchermarktOde an die Schönheit13.01.2020

Erich Wolfgang SkwaraOde an die Schönheit

Der österreichische Schriftsteller Erich Wolfgang Skwara arbeitet seit über vierzig Jahren an einem literarischen Programm, das ihm eine kleine, literaturkritische Lesergemeinde gesichert hat. Sein neuer Roman nach über zehn Jahren zeigt Skwara auf der Höhe seines Schaffens.

Von Volkmar Mühleis

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Ortseingangsschild von Menton (Deutschlandradio / Andreas Noll)
In der französisch-italienischen Grenzstadt Menton trifft ein junger Aufnahmeassistent auf eine italienische Pianistin (Deutschlandradio / Andreas Noll)
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Erich Wolfgang Skwara: "Mare Nostrum" Zusammentreffen zweier Liebender

Erich Wolfgang Skwaras neuer Roman "Mare nostrum oder Ein Bahnhof für jene, die ankommen" ist eine Ode an die Schönheit. Und es ist tatsächlich ein musikalischer, rhythmischer Aufbau, der die Geschichte entfaltet.

Salzburg, Ende der sechziger Jahre: Ein junger Aufnahmeassistent einer Schallplattenfirma verliebt sich in eine italienische Pianistin, die sich ganz dem Werk Mozarts verschrieben hat. Sie finden nicht zusammen, doch werden sich nicht aus den Augen verlieren.

Die Verheißung der Liebe wird als Thema eröffnet. Dann folgen zwei Kapitel, in denen der Protagonist als Jugendlicher erscheint, wie er unerlaubt, allein von Salzburg an die französische Mittelmeerküste reist, um einen Brieffreund zu überraschen, der dort, in Menton, mit seinen Eltern die Ferien verbringt. Die Verheißung des Hellen, Offenen, Schönen, Weiten tritt so in den Vordergrund.

Auf die Art steigern sich thematische Versprechen wie die der Liebe und Schönheit mit Episoden aus dem Leben des im Buch 46-jährigen, der nach über zwei Jahrzehnten zu der Pianistin wieder Kontakt gefunden hat, und für ihr Wiedersehen genau jenen Ort vorschlägt, an dem er einst voller Erwartung aufs Meer hinaus blickte: Menton. Briefe – mit dem früheren Freund oder auch der Musikerin – sind das eine, die Begegnung im Leben ungleich mehr. Briefe sind nicht das Leben, vermerkt Skwara denn auch an einer Stelle. Und die Literatur?

Der Autor meint: "Briefe sind nicht das Leben – weil sie leider ja nur geschrieben  werden, wenn wir nicht zusammen sein können. Also in dem Sinne ist ein Brief ein Ersatz. Aber ich glaube, Literatur ist kein Ersatz. Man kann Briefe und Literatur nicht in einem Atemzug nennen. Literatur ist eben so wie Musik oder wie jede Form von schöpferischer Kunst, eine Bemühung etwas zur Wirklichkeit zu machen, das im Sinne von Sehnsucht oder von Bedauern oder von Erinnerung besteht."

Die Verkehrung des Ersehnten

Die Musik bestimmt nicht nur im Aufbau wie auch inhaltlich den Roman, noch in den Satzstrukturen durchdringen Rhythmisierungen und weite Bögen das Gesagte, Beschriebene. Die Verheißung sprachlich zu gestalten bedarf anderer Mittel als das in der Wirklichkeit einen Konfrontierende. Und so entwirft Skwara zu Beginn seines Romans Satzkaskaden, in denen Komma, Doppelpunkt und Semikolon das Begehren steigern, während im Verlauf der Geschichte dieser Schwung, das Versprechen, Brechungen erfährt, die sich gleichfalls in der Textgestalt spiegeln.

Diese minutiöse, künstlerische Arbeit sichert den romantischen Einsatz des Buches vor jedem Abgleiten in Klischees und überführt ihn vielmehr in den Anspruch, an genau dieser romantischen Tradition festzuhalten, sich auch im 21. Jahrhundert in sie einzuschreiben.

Es kommt also in Menton zum Wiedersehen der Pianistin und des Assistenten von einst, das ebenso ein Wiedersehen voller Erzählungen des Erlebten wird wie auch der Versuch, doch zu leben, wozu sie am Anfang nicht imstande waren, und sei es nur dieses eine Wochenende lang, sich zu lieben, zu verstehen. So sehr ihnen aber die Nähe gelingt, so sehr überschattet das Vergangene ihre Begegnung.

"Wäre das der Schaden, den die Jahre zufügen, der Verlust einer Reinheit, die es vielleicht niemals gegeben hat, auch in der Kindheit nicht, aber eine Grenze hat es gegeben, ein Niemandsland zwischen Schüchternheit und dem Niedertreten derselben. Sie warten beide auf den ersten ernsthaften Satz, sie möchten ihn aus ihren Herzen und Mündern entlassen, nur kennen sie den Satz noch nicht. Was haben sie damals, in Salzburg, zueinander gesagt, haben sie damals ihre Worte jemals auf eine Waagschale gelegt, sie bedacht, bedauert?"

Ozeanisches Schreiben

Es ist keine nordische, dunkle, geheimnisvolle Romantik an die Erich Wolfgang Skwara mit seinem "Roman Mare nostrum" anknüpft, vielmehr eine mediterrane, eine des ozeanischen Gefühls, wie es französische Schriftsteller von Victor Hugo bis Albert Camus immer wieder beschwörten.

In dieser lichtdurchfluteten Welt nimmt auch der Friedhof andere Züge an. Während Menton für die beiden Hauptfiguren ein Fluchtpunkt ihrer Sehnsüchte ist – oder wie der Roman im Untertitel heißt, Ein Bahnhof für jene, die ankommen –, stellt der Friedhof die einzige, tatsächliche Bleibe dar.

Skwara: "Wer immer das Buch liest oder gelesen hat, wird merken, dass der Friedhof ja im Grunde immer als eigentlich ein freudiger und als ein fast glücklicher Ort beschrieben wird, der Friedhof thront über den Lebenden, hoch über der Stadt, er ist ein labyrinthischer Ort voller Schönheit, und wird eigentlich schon vom sechzehnjährigen Jungen und später immer wieder von der Figur des Buches als ein Ort der Schönheit und der Erfüllung empfunden. Und wenn dann diese Pianistin sagt, sie möchte – sagen wir es ganz brutal – Selbstmord begehen, sie möchte sterben, dann ist es natürlich im Grunde seine Pflicht zu sagen, ja, aber ich werde dir dabei nicht helfen, allein schon, weil er würde ins Gefängnis kommen, wenn er das tut. Aber zugleich wird ihre Idee dadurch nicht entwertet. Ihre Idee ist fast eine schöne. Und dieser Gedanke, also dass wir zusammen sterben sollten, der ist ein Gedanke, der eigentlich das ganze Buch ausgelöst hat. Denn ich hab in meinem Leben, also eine Erinnerung an einen Menschen – hat mit dem Roman nichts zu tun – einer Frau, die einmal gesagt hat, ich – ich hab gesagt, wir können zusammen nicht leben, denn du bist verheiratet, ich bin verheiratet, das geht gar nicht – und da sagte sie, ich will ja auch gar nicht mit dir leben, ich will mit dir sterben. Das kam so – ich wollte mit ihr nicht sterben, ja – aber dieser Satz ist in mir hängen geblieben. Und der hat fast, in gewisser Weise, dieses ganze Buch – wenn nicht ausgelöst, dann doch sehr getragen." 

Kritische Strenge

Was den Liebenden ein Fluchtpunkt ihrer Sehnsüchte ist – dieses Wochenende in Menton – wird zum Kontrapunkt für die ganze Geschichte, indem ein dramatischer Schluss das Begehren der beiden ins Zwielicht rückt, sie einander entfremdet, eine neue Begegnung unmöglich macht.

Die romantische Handlung ist eine des Absoluten, des so und nicht anders. Das unterscheidet sie vom barocken Roman zahlreicher Möglichkeiten, über den aufklärerischen Bildungsroman mehrerer Sichtweisen bis hin zum postmodernen Abschied von der einen, durcherzählten Geschichte.

So unzeitgemäß Erich Wolfgang Skwaras Plädoyer für die Schönheit literarisch wie weltanschaulich erscheinen mag, so zeitgemäß ist es jedoch künstlerisch eingelöst, indem der Text eine Strenge und Kohärenz besitzt, wie sie von größter Umsicht und Finesse zeugt. "Mare nostrum oder Ein Bahnhof für jene, die ankommen" zeigt den 71-jährigen Romancier auf der Höhe seines Schaffens. Ein Buch auch, für jene, die ankommen.

Erich Wolfgang Skwara:"Mare nostrum oder Ein Bahnhof für jene, die ankommen"
Edition Korrespondenzen, Wien. 204 Seiten, 22 Euro.

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