Bücher für junge Leser 24.08.2019

Erika Mann: "Zehn jagen Mr. X“Kinder fordern den Krieg gegen die DiktaturVon Christoph Haacker

Beitrag hören Erika Mann um 1930 und das Buchcover: Erika Mann: „Zehn jagen Mr. X“ (Foto: picture-alliance/akg-images, Buchover: Rowohlt Verlag)Eine Neuausgabe des Kinder- und Jugendromans "Zehn jagen Mr. X“ von 1942 von Erika Mann (Foto: picture-alliance/akg-images, Buchover: Rowohlt Verlag)

Es gab Kinderbücher gegen Hitler, und eines hat die Tochter von Thomas Mann geschrieben. Erika Mann trommelte 1942 mit "Zehn jagen Mr. X" gegen die nationalsozialistische Diktatur, und forderte die Invasion der Alliierten. Ihr Buch taugt noch heute zu kontroversen Debatten über "gerechte Kriege".

Die Handlung von "Zehn jagen Mr. X" folgt einem Klassiker, der die europäische Kinder- und Jugendbuchliteratur auf den Kopf stellte. 1929 war Erich Kästners "Emil und die Detektive" erschienen und gleich verfilmt worden. Und eine ganze Reihe von Autoren schrieben nach seinem Erfolgsrezept spannende Romane, in denen Kinder sich zusammenfinden, um mutig und pfiffig einen Verbrecher zur Strecke zu bringen – auf eigene Faust, ohne Erwachsene.

Darunter waren Bücher wie František Langers "Die Brüderschaft des weißen Schlüssels", Richard Plauts "Die Kiste mit dem großen S" oder Wilhelm Matthießens "Das rote U". Während Matthießen sich nach 1933 zu Titeln wie "Israels Geheimplan der Völkervernichtung" hinreißen ließ, wurde Erika Mann, Tochter einer jüdischen Mutter, zu einer politischen Emigrantin mit einem großen Ziel: Hitler zu Fall zu bringen. So wird in "Zehn jagen Mr. X" auch kein gewöhnlicher Krimineller gejagt. Sondern die "Gang of Ten" – so der Originaltitel – ist Nazi-Agenten und -saboteuren auf der Spur – und zwar in den USA, wo Erika Mann ab 1936 im Exil lebte. Ihr Bruder Golo erinnert sich 1988:

"Meine Schwester in den USA. Dort war das Vorträgehalten, politisch oder nicht, ein Beruf wie ein anderer auch. Sie ergriff ihn, bald mit großem Erfolg. Der Hauptzweck war immer, ihre Zuhörer über Hitlers Wesen und Ziele aufzuklären; solange die Amerikaner noch in Frieden lebten, in welchem die große Mehrzahl … zu bleiben hoffte, und noch bis 1943 (…) Und dann ruhte sie ein paar Monate aus in New York oder im Hause der Eltern nahe Los Angeles, und da schrieb sie in unglaublicher Eile das Buch (…)"

"Emil und die Detektive" – gegen die Nazis

Hier klingt an, was Erika Mann zu ihrem Roman veranlasste, und auf welch heiklem politischen Terrain sie sich als ausländischer Störenfried bewegte. Denn der Beitrag der USA zum Sieg über Hitler verzerrt den Blick auf die Jahre davor. Nobelpreisträger Sinclair Lewis – ein Bekannter Erika Manns – hatte 1935 mit seinem Roman "It ca't happen here" ausgemalt, wie sich die Vereinigten Staaten in ein faschistisches Regime verwandeln könnten.

Für reaktionäre Kreise wurde die älteste Tochter von Thomas und Katia Mann nun auch dort zum roten Tuch. Sie drängte zum Krieg gegen einen Diktator, der einen Teil der Amerikaner beeindruckte. Dort hielt sich die Empörung über noch so schreckliche Vorgänge im fernen Europa selbst nach 1939 noch in Grenzen, und vom Ersten Weltkrieg hatten zum Ärger der USA schließlich vor allem die Briten profitiert. Der Exilautor Fritz Beer bemerkte 1993 in seiner Rede "Bomben auf Hamburg" rückblickend zur Haltung der Alliierten:

"Hitler wurde geschlagen, nicht weil er ein Henker der Freiheit, ein Unterdrücker der Deutschen war, sondern weil er die Großmachtinteressen Englands, Frankreichs, der USA und der Sowjetunion bedrohte. Es war ein historischer Zufall und für Sie wie für mich ein Glück, daß die Sache der Freiheit damals … mit den Großmachtinteressen in West und Ost zusammenfiel."

Politischer Weckruf an die USA

Erst der japanische Luftangriff auf Pearl Harbor vom 7. Dezember 1941 gab den Kriegsbefürwortern in den USA den entscheidenden Rückenwind. Und so steht das fiktive Städtchen El Peso an der kalifornischen Küste, Schauplatz von Erika Manns Roman "Zehn jagen Mr. X", im Frühjahr 1942 ganz im Zeichen des Kriegs und der Aufrüstung. In dieser Atmosphäre beschließen Kinder aus einer Schulklasse, kreativ Geld zu organisieren. Was bisher für ihre Partys gespart wurde, soll nun einem patriotischen Zweck zugute kommen.

"In Friedenszeiten ist das in Ordnung, aber jetzt nicht mehr. Warum kaufen wir von dem Geld nicht Kriegsondermarken?"

Kinder, die einen Krieg unterstützen – das ist heute eigentlich mit guten Absichten ein Tabu. Da mag es Anstoß erregen, so etwas zu verlegen. Denn "Zehn jagen Mr. X" war tatsächlich auch ein Propagandabuch, aber der interessanteren Sorte: keinem Regime verpflichtet, entstand es aus eigenem Antrieb.

Ein "gerechter Krieg" – gegen Hitlers Krieg

Es zeigt, wie eine einzelne mutige Frau ihren persönlichen Krieg gegen Hitler führte. Diese Fehde hatte Erika Mann in Europa mit ihrem aufsehenerregenden politischen Kabarett "Die Pfeffermühle" begonnen. Aber im Unterschied zu wirklicher Propaganda, stellt die Autorin den Krieg ungeschönt dar. Der Gang gehören, wie Golo Mann herausstreicht, auch Flüchtlinge an:

"In der Erzählung lässt Erika nur sechs Kinder aus den im Krieg befindlichen oder besetzten Ländern auftreten: Björn, den Norweger, George, den Briten, Iwan, den Russen, Madeleine, die Französin, Rombout, den Niederländer, Tschutschu, die Chinesin; zu ihnen gesellen sich vier einheimische Kinder."

Anders als zum Beispiel in Hans Jahns thematisch ähnlichem Jugendroman "Babs und die Sieben" – erschienen 1944 im Exil in Buenos Aires – oder den Klassikern von Judith Kerr kommt in diesem Buch kein jüdischer Flüchtling aus Deutschland vor. Dafür führt Erika Mann der Gruppe Franz zu, dessen einst aus Deutschland eingewanderter Vater in den USA plötzlich als "Feindlicher Ausländer" schikaniert wird – eine der kritischen Einmischungen der Autorin in die Innenpolitik ihres Zufluchtslands.

Plädoyer für die Vereinten Nationen

Den Verdacht, ein womöglich kriegsverherrlichendes Buch zu sein, widerlegen die schrecklichen Erlebnisse der Kinder, die teils zu Waisen werden. Stellvertretend hören wir, wie Rombout die Bombardierung seiner Heimatstadt Rotterdam am 14. Mai 1940 erlebt:

"Ich glaube, das grauenvolle Geräusch – ein Geräusch, das man nicht beschreiben kann, weil es sich aus so vielen ohrenbetäubenden Geräuschen zusammensetzt – hielt höchstens vier oder fünf Minuten an, da brannte  schon die ganze Stadt. Wohin man sah, nur Feuer, Feuer, Feuer! Wir sprangen von den Rädern und standen mitten auf der Straße, starrten wie hypnotisiert zum Himmel hoch. Rings um uns rannten schreiende Menschen (…) als ziemlich dicht bei uns  die erste Sprengbombe fiel, wurden wir einfach weggefegt (…) Eine Stadt – eine große schöne Stadt wie Rotterdam kann doch nicht innerhalb von dreißig Minuten zerstört, vollständig in Schutt und Asche gelegt werden! Man kann doch nicht dreißigtausend Menschen in dreißig Minuten umbringen! Oder?"

Auch wenn die Opferzahl hier wohl bewusst übertrieben wurde – Erika Mann hatte in London den "Blitz", den deutschen Luftkrieg, erlebt und war Kriegsberichterstatterin. Bücher wie "Zehn jagen Mr. X" machen anschaulich, welchem Horror noch heutzutage Zivilisten in Bombenkriegen, nicht nur in Syrien, ausgesetzt sind. Es ist ein Beispiel dafür, wie fruchtbar eine kritische Beschäftigung mit Erika Manns Roman, insbesondere an Schulen, gemacht werden könnte. Nicht nur hielte das der unsäglich verharmlosenden Rede von "Kollateralschäden" Menschen aus Fleisch und Blut entgegen.

Mündige Kinder für eine bessere Welt

Darüber hinaus geht es um Flüchtlingsschicksale und auch um die kontroverse Frage nach sogenannten "Gerechten Kriegen". Den Russen Iwan erreicht ein seltener Brief seiner Mutter. Darin steht:

"Die Nazis werden geschlagen, und sie werden ihre gerechte Strafe bekommen."

Und Rombouts sterbende Mutter hat eine gleichlautende letzte Botschaft:

"Die werden geschlagen, sagte sie, immer noch lächelnd, die kriegen ihre gerechte Strafe."

Vor diesen zeitlos aktuellen Schwerpunkten des Romans rückt die spannend erzählte Agentenjagd selbst fast in den Hintergrund – und hier soll auch nichts verraten werden. Ein bisschen mehr weiß stets "Depesche", die New Yorker Reporterin, die schnell zur Vertrauten der Kinder wird. So ist es auch sie, die die ganze Geschichte als pseudo-authentischen Bericht erzählt.

Du kannst Dich auf mich verlassen

Hinter der Journalistin verbirgt sich eine Art Selbstportrait Erika Manns, die mit ihr eine weitere Identifikationsfigur schuf. Dabei ist "Depesche" immer wieder hin- und hergerissen zwischen ihrem beruflichen Auftrag und der Loyalität zu ihren jungen Freunden und Freundinnen wie dem Amerikaner Chris – zum Beispiel, als sie ihm das Geheimnis der Ankunft der internationalen Kinderschar in El Peso entlockt:

 "Du kannst dich auf mich verlassen, Christopher!" versprach ich feierlich, und dabei fühlte ich mich wie ein Fischer, der einen Riesenfisch gefangen hat und ihn wieder ins Wasser wirft. Da stand ich nun mit der besten Neuigkeit, die ich seit langem ergattert hatte, und durfte sie nicht meiner Zeitung in Washington telegrafieren. […] Dabei wäre das eine so schöne Schlagzeile geworden! Ich zog meinen Bleistift und mein Notizbuch hervor. Träumerisch malte ich quer über die erste Seite:

DIE NEUE WELT-SCHULE IN EL PESO

BEREIT FÜR DIE VEREINTEN KINDER!

Es las sich fabelhaft. Und mein Boss hätte sich so darüber gefreut! Aber niemand durfte es lesen! Deshalb hielt ich die Seite über den Aschenbecher, zündete sie an und sah zu, wie sie langsam verbrannte.

Bis heute lesenswert

Hinter der "Neuen Welt" verbirgt sich also eine Schule. Durch ihre internationale Zusammensetzung wird sie zur Parabel auf die Weltgemeinschaft, wie Golo Mann bestätigt:

"Das Ganze sollte ein Hoheslied auf die Vereinten Nationen sein, an die Erika damals glaubte."

So malte Erika Mann ihre Vision einer künftigen Gesellschaft. Dazu inspiriert hatten sie ihre eigenen Schulerfahrungen in einer Reformschule und eine Rede des US-Vizepräsidenten Henry A. Wallace. Die internationale Schule, in der Mitbestimmung zum obersten Prinzip wird, weist Jugendlichen eine Bedeutung und Teilhabe zu, wie sie sie heute mit Bewegungen wie Fridays for Future für sich beanspruchen. Das ist keine Nebensache, sondern ein zentrales Motiv des Buchs. Dafür spricht auch, dass die verschollen geglaubte erste deutsche Übersetzung durch Erika Manns Tante Käthe Rosenberg, die ich 2010 in ihrem Münchner Nachlaß auffand, mit dem deutschen Titel "Kinder der Neuen Welt" überschrieben ist. Deren Schuldirektor begeistert sich für sein Projekt:

"Schließlich ist es eine ganz neue Welt, die wir hier errichten, eine Welt, in der Kinder in der Gemeinschaft von Kindern leben und aufwachsen, ein richtiger Kinderstaat, von Kindern organisiert, regiert und in Gang gehalten."

Die Neue Welt

Wer Zweifel hat, dass Erika Manns Buch heute lesenswert ist, dem begegne ich mit einem Erlebnis als Radiohörer. In einer Sendung des ORF mit Robert Steiner und der "Ratte Rolf-Rüdiger" stellen Kinder knifflige Fragen. Und so fragte am Pfingstsonntag 2015 das Mädchen Chiara schlau:

"Gibt es einen Ort, wo nur die Kinder regieren?"

Ratte und Herrchen waren überfragt. Ich traute meinen Ohren nicht, als die kluge Leserin aus Wien als Auflösung "El Peso" nannte und die Schule "Die Neue Welt". Die verdatterten Erwachsenen wurden noch aufgeklärt, das habe sie in einem Buch gelesen. Welches das denn gewesen sei, fragten sie leider nicht. Es war natürlich die damalige Ausgabe von "Zehn jagen Mr. X".

Erika Mann: "Zehn jagen Mr. X"
aus dem Englischen von Elga Abramowitz
Rowohlt Verlag, Hamburg. 270 Seiten, 15 Euro.

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