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StartseiteKommentare und Themen der WocheManche Rituale gehören zum Gedenken dazu31.01.2019

Erinnerung an den HolocaustManche Rituale gehören zum Gedenken dazu

Ist das deutsche Gedenken an die Schrecken der Schoah zu reflexhaft, zu ritualisiert? Solange das "Nie wieder" politisch noch nicht eingelöst sei und der Antisemitismus wieder anwachse, könne man auf möglichen Überdruss keine Rücksicht nehmen, meint Christiane Habermalz. Im Gegenteil.

Von Christiane Habermalz

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Abgeordnete aller Fraktionen applaudieren Historiker Saul Friedländer nach seiner Rede bei der Gedenkstunde des Deutschen Bundestags für die Opfer des Nationalsozialismus. Anlass ist der Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945.  (dpa/Michael Kappeler)
Es bedürfe vielleicht nicht mehr Information, sondern mehr Charakterbildung und Anstand im Umgang mit dem Gedenken an die NS-Opfer, meint Christiane Habermalz (dpa/Michael Kappeler)
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Hat der Historiker Michael Wolfssohn recht, wenn er das deutsche Gedenken an die Schrecken der Schoah und die deutsche Verantwortung als reflexhaft und ritualisiert bezeichnet? Sind wir in unserem Gedenken in Erinnerungsfloskeln versteinert? Bei der alljährlichen Gedenkstunde des Deutschen Bundestages zur Erinnerung an den Holocaust mit ihren wiederkehrenden Ritualen und "Nie-wieder-Beteuerungen" könnte man diese Frage durchaus stellen.

Der reflexhafte Impuls, als Antwort auf den immer stärker anwachsenden Antisemitismus den "Kampf gegen das Vergessen" nur noch lauter auszurufen und mit noch mehr Aufklärung über Judenvernichtung zu begegnen, führe nur zu einer postpubertären Trotzreaktion, so Wolfssohn. Also ins Leere. Die Öffentlichkeit sei überfüttert mit dem Thema Judenvernichtung. Und wer nicht bereit sei, den linken und den muslimischen Antisemitismus mit derselben Verve anzuprangern wie den rechten, könne es gleich ganz bleiben lassen.

Klarer rote Linien aufzeigen

Richtig ist zweifellos, dass Antisemitismus in jeder Form verabscheuungswürdig ist – auch dann wenn er unter dem Deckmäntelchen der Israelkritik daher kommt. Aber der Rückschluss kann doch nur sein, mehr Aufarbeitung zu betreiben als weniger – und noch klarer rote Linien aufzuzeigen, und zwar in alle Richtungen.

Und ja, auch manche Rituale gehören dazu, und sei es zur Selbstvergewisserung, dass wir noch auf Linie sind in Deutschland, worüber man angesichts der Flut an antisemitischen und ausländerfeindlichen Hetzparolen im Internet durchaus ins Zweifeln kommen kann. Es ist ja gerade Geschichtslosigkeit oder bewusste Geschichtsvergessenheit, die dazu führt, dass die AfD sich gegenüber einer Holocaust-Überlebenden wie Charlotte Knobloch als die wahren Opfer stilisiert, nur weil sie das Offensichtliche ausspricht: Dass die AfD eine Partei ist, die den Nationalsozialismus verharmlost – und keine Probleme mit Neonazis und Rechtsextremen in ihren Reihen hat.

Saul Friedländer hat heute darauf hingewiesen, dass 1943 Millionen von Deutschen über den Massenmord an den Juden durchaus Bescheid wussten. Das Problem der Deutschen war nicht ihr Nicht-Wissen, sondern das Nicht-Wissen-Wollen.

Gewisse Dinge sind einfach ein No-Go

Es braucht vielleicht nicht mehr an Informationen, sondern eher ein Mehr an Charakterbildung und Anstand. Gewisse Dinge sind einfach ein No-Go. Dazu gehört, die Vernichtung der europäischen Juden als einen Vogelschiss in der Geschichte zu bezeichnen. Solange das "Nie wieder" politisch noch nicht eingelöst ist, solange der Antisemitismus in dem Maße wieder anwächst wie bisher, können wir auf möglichen pubertären Überdruss keine Rücksicht nehmen. Auch nicht bei der AfD.

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

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