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StartseiteEuropa heuteErinnerungslücken bei der schwedischen Königin Silvia30.11.2010

Erinnerungslücken bei der schwedischen Königin Silvia

Neue Dokumente über die Nazi-Vergangenheit des Vaters

Lange Zeit war es schwedischen Journalisten unüblich, der königlichen Familie mit unbequemen Fragen zu Leibe zu rücken. Aber mit dieser Zurückhaltung ist es vorbei. Nun muss sich auch Königin Silvia unangenehme Fragen rund um die Geschäfte ihres verstorbenen Vaters in Nazideutschland gefallen lassen.

Von Alexander Budde

Königin Silvia von Schweden (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Königin Silvia von Schweden (Deutschlandradio / Bettina Straub)
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Im Frühsommer bat Königin Silvia zur Audienz. Die Hochzeit ihrer ältesten Tochter Victoria stand bevor. Mit dem Stockholmer Privatsender TV 4 sprach die in Heidelberg geborene Königin auch über ihren Vater Walther Sommerlath und seine Vergangenheit. Walter Sommerlath war im Dezember 1934 in die nationalsozialistische NSDAP eingetreten. Die Königin nahm ihren Vater in Schutz:

"Man muss psychologisch verstehen, wie das war, als Deutschland sich plötzlich wieder aus der Asche erhob. Und diese Freude darüber, dass das Vaterland wieder da war. Deshalb stützte mein Vater Deutschland und wurde Parteimitglied. Aber er war politisch nicht aktiv. Er war kein Soldat."

Nur ein Mitläufer? Der Historiker Mats Deland zweifelt an dieser Darstellung. In einem Artikel für die Zeitung "Arbeteren" hatte er den staunenden Schweden bereits vor acht Jahren die NSDAP-Mitgliedsakte von Walther Sommerlath präsentiert. Am Sonntagabend legten Deland und seine Kollegen vom Politmagazin "Kalla Fakta" des Senders TV 4 nach. Berichtet wurden von einer Reise ins brasilianische São Paulo, wo die Familie Sommerlath in den 30er-Jahren lebte.

"Walter Sommerlath trat im Dezember 1934 der Auslandsorganisation der NSDAP bei. Die Gruppe verstand sich als politische Elite, straff geführt von der deutschen Botschaft. Sie verherrlichte die nazistische Diktatur und verbreitete die antisemitische Propaganda in Brasilien."

Im Frühjahr 1938 kehrte die Familie nach Nazi-Deutschland zurück. Im folgenden Jahr erwarb Walther Sommerlath im Berliner Bezirk Kreuzberg einen Betrieb für Metallwaren und Elektrogeräte. Der habe, so die Königin, auch im Krieg nur zivile Güter produziert:

"Er hatte eine Fabrik für Elektrogeräte wie Modelleisenbahnen und Haartrockner. Dann erhielt er den Auftrag, Membranen für Gasmasken an den Zivilschutz zu liefern."

Das ist allenfalls die halbe Wahrheit, sagt Historiker Deland. Und beruft sich auf eine Reihe von Dokumenten, die er in deutschen Archiven aufspürte. In der Fernsehsendung präsentierte das Team eine verschlüsselte Registerkarte des Rüstungsministeriums, wonach der Betrieb auch Panzerwagen und optische Geräte für die Luftabwehr fertigte.

Noch brisanter ist ein Auszug aus dem Handelsregister vom Mai 1939, der den Schluss nahe legt, dass Sommerlath das lukrative Unternehmen im Gefolge der sogenannten "Arisierung" übernahm. Mats Deland:

"Als der Druck auf die jüdischen Geschäftsleute am stärksten war, kaufte Walther Sommerlath die Fabrik von Efim Wechsler in Kreuzberg. Den hatte die Polizei kurz zuvor aufgefordert, Deutschland zu verlassen. Gewöhnliche Deutsche konnten damals viel Geld machen, indem sie den Juden zu einem Spottpreis deren Eigentum abkauften. Walther Sommerlath hat sich bewusst entschieden, von der Verfolgung der Juden zu profitieren."

Der Vater der Königin starb 1990. Doch seine Nazi-Vergangenheit ist bei Hofe bis heute tabu. Auf die Enthüllungen reagiert man mit der üblichen Rezeptur. Die Königin bedaure den Eintritt ihres Vaters in die NSDAP, so heißt es in einer dürren Erklärung. Sie sehe aber keinen Anlass, den Inhalt der Sendung zu kommentieren.

Mats Deland bedauert das. Ihm gehe es nicht um einen neuerlichen Dolchstoß gegen die Monarchie, versichert der Historiker.

"Ich verstehe nicht, warum die Königin leugnet, was wir mit Dokumenten beweisen können. Sie hat es womöglich nicht gewusst. Und sicherlich ist es schwer für sie, etwas zu kommentieren, was sich vor ihrer Geburt ereignete. Aber hier geht es nicht nur um die Taten des Vaters. Es geht auch um den Respekt vor den Opfern – dem jüdischen Fabrikanten und seiner Familie."

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