Montag, 22.10.2018
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteHintergrundSüße Versuchung Zuckersteuer 19.06.2018

Ernährungsdebatte in DeutschlandSüße Versuchung Zuckersteuer

Zucker macht krank und dick - das lernen schon Kinder im Kindergarten. Trotzdem sind in Deutschland immer mehr Menschen übergewichtig oder leiden an Diabetes. Ob gegen den Zuckerkonsum eine Steuer helfen kann, ist umstritten, nicht nur im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Von Irene Geuer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Süsse Fruchtgummi in verschiedenen leuchtenden Farben und Formen. (imago / Chromorange)
Ungesund, aber heissgeliebt: Nicht überall ist der Zuckergehalt so offensichtlich wie bei knallbuntem Fruchtgummi (imago / Chromorange)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Zuckersteuer in Großbritannien 18 Pence für fünf Gramm Zucker

Ernährung Streit um den Zucker

Ernährung So viel Zucker

Vor 175 Jahren Als der Zucker würfelförmig wurde

Ernährung Foodwatch: Zu viel Zucker in Erfrischungsgetränken

"Ich bin Merle, bin sieben Jahre alt und ich esse ernährungsbewusst."

Ein großer Satz für so eine kleine Kölnerin, aber er stimmt. Merle ist eines von Millionen Kindern, die über das Thema Ernährung gut informiert sind.

"Das haben wir schon im Kindergarten gelernt."

Zucker ist ungesund - das weiß fast jeder

Frédéric Letzner, Ernährungspsychologe aus Sankt Augustin nickt, wenn er solche Sätze hört.

"Weil die meisten Menschen ganz genau wissen, was gesund ist oder nicht. Also heutzutage kann ich mit Kindern arbeiten, egal aus welchen Ständen, die sagen mir ganz klar: Obst und Gemüse Vollkornprodukte Wassertrinken, die wissen, was gesund ist und das ist bei uns Erwachsenen eigentlich genauso. Wir wissen, wir müssen langsam essen, uns viel bewegen und entspannen und so weiter und wir haben in Deutschland gar kein Wissensdefizit."

Merle jedenfalls kann das bestätigen. Sie besucht derzeit die zweite Klasse einer Kölner Grundschule. Und dort, schon vorgebildet aus der Kita, starteten die Kinder vor ein paar Wochen ein Projekt.

"Es gab zwei Frühstückspolizisten und die haben geguckt, wer welches Essen dabei hat und wenn man was Gesundes hat, beispielsweise nur Obst und Gemüse und halt ein Käsebrot, dann hat man den Frühstückskönig bekommen. Das hat der Klassenrat beschlossen, weil so viele Süßigkeiten und so was dabei hatten. Und das ist nicht gesund, wenn man zu viele isst, dann wird man viel zu dick."

Die Schülerpolizisten haben mittlerweile nichts mehr zu tun. Das Projekt wurde erfolgreich beendet.

"Weil jetzt nicht mehr so viele ungesunde Sachen mitnehmen."

6,7 Millionen sind zuckerkrank

Trotz dieser Erkenntnisse, die bereits im Kindesalter gesammelt werden, erklärte die Deutsche Diabeteshilfe in ihrem Bericht Ende vergangenen Jahres, dass etwa 6,7 Millionen Menschen zuckerkrank sind. Darunter seien erfahrungsgemäß etwa zwei Millionen Menschen, die von ihrer Erkrankung noch nichts wissen. Pro Jahr werden laut Diabeteshilfe etwa 40.000 Beine, Füße oder Zehen amputiert, etwa 2000 Menschen erblinden und Diabetes sei die häufigste Ursache für ein schweres Nierenleiden, das nur mit einer Dialyse gelindert werden kann, also mit künstlicher Blutwäsche.

Am 23. Mai 2016 entnimmt ein Student der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Gesundheit einen Tropfen Blut mit einem Diabetes-Testgerät. Der sichere und routinierte Umgang mit medizinischen Diagnose-Geräten gehört zu den Grundlagen des anspruchsvollen Ausbildungsprogramms der Bildungseinrichtung.  (dpa/ Hans Wiedl)Ein Tropfen verrät den Zuckergehalt im Blut: Diabetes-Testgerät (dpa/ Hans Wiedl)

Die Zahlen der Deutsche Adipositas Gesellschaft sehen nicht besser aus. Über 23 Prozent der erwachsenen Deutschen haben Übergewicht, das sind 16 Millionen Menschen. Bei Kindern und Jugendlichen stagniere die Zahl mit zwei Millionen seit ein paar Jahren auf hohem Niveau. Und die Diagnose beider Organisationen ist eindeutig: Falsche Ernährung.

Gesundes Essen wird mit Arbeit assoziiert

Aber warum? Da wir doch wissen, dass gekochte Kartoffeln gesünder sind als Kartoffelchips, dass Brokkoli als Superfood und Schokolade als Hüftgold bezeichnet wird.

"Jedes Kind kennt heutzutage noch diesen Satz "Wenn du dein Gemüse isst, dann bekommst Du etwas Süßes". Das, was auf psychologischer Ebene drunter liegt, ist, dass das Gemüseessen abgewertet wird, weil das die Leistung ist, die erbracht werden soll und das, worum es wirklich geht, ist das Unvernünftige, sprich die Belohnung, die Süßigkeit. Das heißt Vernunft oder Gesundes wird häufig mit Arbeit oder etwas Anstrengendem assoziiert."

Die Bedeutung von Genuss

Der Ernährungspsychologe hält viele Vorträge dazu, zum Beispiel an Gesundheitstagen in Unternehmen, wo es um das Wohl der Mitarbeiter gehen soll. Und er gibt keine Kochrezepte mit auf den Weg, sondern das Wort "Genuss".

"Ich bin der Meinung, dass heutzutage das Thema Genussfähigkeit verloren geht. Genussfähigkeit ist allerdings zentral für ein gesundes Normalgewicht. Und es gibt einen wunderbaren Satz, der heißt: Genuss begrenzt sich selbst. Nach dem Motto, das erste Stück Schokolade ist noch was Besonderes, das zweite auch, aber der Genussfaktor wird immer kleiner und das letzte Stück hat überhaupt nichts mit Genuss zu tun. Und zu unterscheiden, bis wohin ist mein Essen noch genussvoll und an welcher Stelle ist es überhaupt gar kein Genuss mehr, ist es vielleicht emotionales Essen oder fällt es mir schwer, die halbe Tafel Schokolade einfach zur Seite zu legen, diesen Moment zu erfassen, halte ich für sehr sinnvoll, das funktioniert aber nicht, wenn ich währenddessen irgendwelche anderen Sachen mache oder gar nicht beim Essen selbst bin. Also das genussvolle Essen zu trainieren auch Kindern zu erklären ist wahrscheinlich wichtiger als das Erklären von Ernährungspyramiden oder wie Kohlehydrate oder Nährstoffe aufgebaut sind."

Ein neuer Weg: die Lebensmittelsteuer

Also: Keine weitere Aufklärung, die mit Zuckerwürfeln neben Colaflaschen arbeitet, sagt Letzner. Neue Wege müssen beschritten werden. Daran versucht sich gerade Bundeslandwirtschafts- und Verbraucherministerin Julia Klöckner. Das Thema Ernährung wird immer größer, Gesundheitsexperten schlagen immer lauter Alarm. Und politisch wird auf dem Thema Ernährung schon länger herumgekaut. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hatte bereits im Jahr 2014 einen ersten Bericht herausgegeben, der sich mit dem Thema Lebensmittelsteuer beschäftigte.

Ein möglicher Weg aus dem Dilemma einer Gesellschaft, die alles für ein gutes Leben hat und doch durch falsche Ernährung immer kränker wird. Der Bericht gab einen Überblick darüber, welche Länder was besteuern, um in Lebensmitteln Zucker oder auch Fette, die ebenfalls in der Ernährungskritik stehen, zu reduzieren. Dänemark erhob zu dieser Zeit bereits eine Sonderabgabe auf Schokolade, Zuckerwaren und Speiseeis. Auch in Finnland werden bestimmte Lebensmittelgruppen extra besteuert. Frankreich hat seit 2011 eine Sondersteuer auf Getränke mit Zuckerzusatz, Mexiko besteuert seit 2014 besonders kalorienreiche Produkte.

Böse Falle Fertiggerichte

In Deutschland ist nun mit der neuen Großen Koalition auch eine Diskussion losgetreten worden, ob eine Sondersteuer hilfreich sein könnte oder aber auch eine Lebensmittelampel, die mit rot, gelb und grün nicht nur Zucker, sondern auch Fett- und Salzgehalt bewertet. Ein bisschen spät, meint der Kölner Diabetesarzt Dr. Christian Krüger.

In seiner Kölner Praxis ein ganz normaler Tag. Das Telefon klingelt ständig, neue Patienten wollen sich vorstellen, andere brauchen Zubehör, um ihre Krankheit in den Griff zu bekommen oder sie wollen einen neuen Termin vereinbaren.

Dr. Krüger arbeitet mit einer Ernährungsberaterin zusammen. Er glaubt im Gegensatz zum Ernährungspsychologen Letzner, dass noch nicht genug in Sachen Aufklärung getan ist. Vor allem, was das Fertigessen in Supermärkten angeht.

"Da bin ich auch immer wieder überrascht, dass in den Supermärkten die Kühltheken immer länger werden und man mal eben im Vorbeigehen Menüs mitnehmen kann, wo man früher sich eine Stunde in der Küche beschäftigen musste. Mein Eindruck ist, dass ganz viele Leute Convenience-Food zu sich nehmen und da gar nicht auf die Labels gucken und das glauben, was ihnen die Hersteller, die Industrie da weiß machen wollen."

Eine "nationale Reduktionsstrategie"

Und er sagt, da braucht es dringend neue Regeln. Weniger Zucker in Fertiggerichten, aber vor allem in Limonaden und anderen Getränken. Denn seine Erfahrung zeigt ihm.

"Wenn wir hier den Patienten die Empfehlung geben, sie sollen auf den Zucker verzichten, den sie in den Getränken, zusätzlich noch in Tees, in Smoothies, in Kaffee und Limonaden zu sich nehmen, kann man schon sehr viel erreichen, die müssen gar nicht so viel machen, was die Ernährungsumstellung angeht."

Getränkeregal im Coop-Supermarkt mit vielen bunten Limonadenflaschen. (imago / Geisser)Massenhaft in jedem Supermarkt und Kiosk zu finden: Limonaden - meist mit hohem Zuckergehalt (imago / Geisser)

Verzichten, aber wie? Im jüngsten Koalitionsvertrag von CDU und SPD steht:

"Für die Nationale Reduktionsstrategie für Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten werden wir 2018 gemeinsam mit den Beteiligten ein Konzept erarbeiten, und dies mit wissenschaftlich fundierten, verbindlichen Zielmarken und einem konkreten Zeitplan versehen."

Und Verbraucherministerin Klöckner hat dazu bereits eingeladen. Sie spricht von einem "Dialog" mit den Akteuren, also vor allem mit Vertretern der Lebensmittelhersteller und der Zucker- und Fettbranchen. Noch in diesem Jahr soll es ein Ergebnis geben, wie Klöckner Ende April ankündigte.

"Mir ist wichtig, dass wir zum einen die Ernährungsbildung viel mehr verstärken, dass wir bei den Bürgern und Verbrauchern sensibilisieren, was ein guter ausgewogener Lebensstil ist, dass die Kennzeichnungen klar nachvollziehbar sind, wenn ich einkaufe und vor allem dass wir eine Reduktionsstrategie erfolgreich auf den Weg bringen zur Reduktion von Zucker, Salz und Fetten in Produkten, um den Gesamtkaloriengehalt zu reduzieren."

Zucker - ein billiger Rohstoff

Von einer Steuer, wie in Großbritannien gerade auf Limonaden eingeführt, ist da aber nicht die Rede. Obwohl die Briten derzeit bereits die Erfahrung machen, dass viele Limonadenhersteller den Zucker reduziert haben. Und in Deutschland? Keine neue Steuer, lieber freiwillige Reduktion seitens der Industrie?

"Also ich sehe das dezidiert anders."

Würfelzucker liegt neben einem kleinen Haufen von weißem Rieselzucker. (imago / Anka Agency International)Weiss, aber nicht unschuldig: Zucker ist in der Lebensmittelindustrie beliebt als billiger Rohstoff (imago / Anka Agency International)

Dietrich Monstadt, Gesundheitspolitiker der CDU im Bundestag, also Parteifreund von Julia Klöckner und Berichterstatter für Adipositas und Diabetes im Gesundheitsausschuss, erklärt seine andere Sicht.

"Die gesamten Möglichkeiten, die wir haben, sowohl gesellschaftlich, als auch politisch, als auch im Rahmen der Selbstverwaltung, muss man versuchen auszunutzen. Und dazu gehört zu meinem Verständnis auch Minimum eine Forderung nach einer Zuckersteuer. Nicht weil ich möchte, dass der Osterhase oder Weihnachtsmann teurer wird, sondern Zucker wird ja in der Industrie gerade bei Fertigprodukten als Rohstoff eingesetzt, als billiger Rohstoff und je billiger der Rohstoff ist, jedenfalls machen wir die Erfahrung, umso mehr wird davon eingesetzt. Wir sollen ja möglichst nicht mehr als 25, 30 Gramm Zucker am Tag essen und viele, die sich so ernähren, so falsch ernähren, haben dann Zuckerraten, die am Tag über 100 Gramm liegen, die führen dann perspektivisch zu mehr Gewicht, zu Adipositas und zu Diabetes."

Zuckersteuer in anderen Ländern wirksam

Dietrich Monstadt weiß, wovon er spricht. Seit etwa 15 Jahren ist er Diabetiker. Zu viele Softdrinks, zu viel Eis, zu wenig Zeit zum Essen, zu viel Stress, erzählt er freimütig. Und so ist das Thema Diabetes für ihn auch

"eine Herzensangelegenheit, aber fußt auch auf der Überzeugung, wenn man sich lang und intensiv mit einem Thema beschäftigt, dass man Erkenntnisse hat, und wenn man selbst daran erkrankt ist und reflektiert, was man falsch gemacht hat, dass man aus Überzeugung sich dafür einsetzt."

Monstadt sieht vor allem die Lebensmittelindustrie in der Pflicht. Ähnlich äußert sich die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, Sabine Dittmar, die auch Medizinerin ist.

"Ich würde mir als Ärztin natürlich sehr wünschen, die Zuckersteuer, ich glaube, dass wir eine gerechtere oder andere Besteuerung von Lebensmitteln bedenken müssen, ich kann es niemandem erklären, dass er fürs Mineralwasser 19 Prozent Steuer zahlt und für einen Schokoriegel sieben Prozent Mehrwertsteuer. Und wir sehen, in anderen Ländern, dass mit einer Steuer der Konsum von Softdrinks reduziert werden konnte und das ist wirklich ein Baustein in einer Strategie, den ich für sehr wichtig erachte."

Gesundheitspolitik in der Pflicht

Beide, Monstadt von der CDU und Dittmar von der SPD, sind nicht glücklich darüber, dass das Thema Ernährung im Landwirtschaftsministerium angesiedelt ist und nicht im Gesundheitsministerium.

"Ja, also als Ärztin wäre mir am liebsten, das wir das bei uns im Ministerium hätten, im Gesundheitsministerium, aber leider ist der Zuschnitt so wie er ist, das ist ein Punkt, wo wir massiven Augenmerk drauf legen müssen, das ist etwas, wo die Gesundheitspolitik sich nicht einfach wegducken kann."

Wegducken, das kommt auch für den CDU Politiker Monstadt nicht in Frage.

"Frau Klöckner ist neu in ihrem Ministerium und muss sich da erst einarbeiten, man darf ja in einer Volkspartei auch unterschiedliche Auffassungen haben. Frau Klöckner stellt sicher die Eigenverantwortung des Einzelnen in den Vordergrund und es liegt dann an mir und auch anderen, die davon überzeugt sind, dass das nicht ausreicht, dass wir sie überzeugen, dass wir als Staat dort Maßnahmen wie eine Zuckersteuer im Fertigproduktbereich einführen müssen oder bei Softdrinks einführen müssen, die einfach dazu führt, dass wir gesünder werden."

"Energieriegel" liegen am Dienstag (03.02.2009) hinter einer Spielzeug-Ampel in Schwerin, die rot, gelb und grün leuchtet (gestelltes Illustrationsfoto). Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner (CSU) berät am Dienstag in einer Spitzenrunde mit der Ernährungsindustrie und dem Handel über die Lebensmittelkennzeichnung in Ampelfarben. Die Verbraucherminister der Länder fordern eine verpflichtende europaweite "Ampel"-Kennzeichnung. Dabei steht Rot nach britischem Vorbild für einen hohen Anteil etwa an Zucker, Fett oder Salz, Grün bedeutet "unbedenklich".  (picture alliance / dpa / Jens Büttner )Zu unübersichtlich? Lebensmittel-Kennzeichnung mit "Ampel" (picture alliance / dpa / Jens Büttner )

Zuckersteuer und auch eine Lebensmittelampel sind also in der Diskussion, wobei Monstadt der Ampel wiederum kritisch gegenüber steht. Er fordert eindeutige Informationen, hält aber von einem Farben-Tableau nichts, das sei zu unübersichtlich. Dittmar sagt hingegen, eine farbliche Kennzeichnung wäre

"eine verständliche, eine einfache, eine gutvergleichbare, am besten visualisierte Nährwertkennzeichnung schon wünschenswert also sprich ich plädiere für eine Nährwertampel, wie wir sie in vielen anderen Ländern auch schon haben."

Lebensmittelindustrie will keine Zuckersteuer

Die Gesundheitsexperten der großen Koalition sind sich also schon nicht in allen Punkten einig. Und die Lebensmittelindustrie hält weder von einer Ampel noch von einer Zuckersteuer etwas.

"Die Zuckersteuer lehnen wir ab, weil sie kein zielführendes Instrument ist."

Sagt Manon Struck vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft.

"Sie hat ja eine lenkende Funktion, das heißt in dem Moment, wo ich in die Preisgestaltung eingreife, kann es natürlich auch sein, dass ich bestimmte Verbrauchergruppen, die vielleicht weniger Geld zu Verfügung haben, damit von einer bestimmten Lebensmittelgruppe ausschließe, weil sie sich die nicht mehr leisten können oder nicht mehr leisten wollen. Es kann aber auch passieren, dass die Markenprodukte nicht mehr gekauft werden, sondern stattdessen die preiswerteren Produkte, Handelsmarken beispielsweise, das wäre dann ein Eingriff in die Markenvielfalt.

Selbstverpflichtung funktioniert nicht

Struck kann sich vorstellen, dass da, wo es funktioniert, freiwillig weniger Zucker eingesetzt wird. Aber Organisationen wie Foodwatch in Berlin, ein Idealverein, der sich mit der Qualität von Lebensmitteln auseinandersetzt, sagen: Nein, funktioniert nicht, wie Oliver Huizinga von Foodwatch erklärt.

"Mit freiwilligen Selbstverpflichtungen in einem Markt, wenn ungesunde Produkte mehr Gewinn einbringen als gesunde Produkte, kann man nicht erwarten, dass die Unternehmen komplett gegensätzlich zu ihren eigentlichen Interessen handeln. Also deshalb ist es ja geradezu absurd, wenn man erwartet, dass ein Unternehmen dem Gemeinwohl sozusagen den Vorrang gibt und die wirtschaftlichen Interessen hinten anstellt."

Foodwatch hat gerade im Frühjahr den sogenannten "Coca-Cola Report" herausgebracht, in dem über zu viel Zucker in Limonaden und Softdrinks aufgeklärt wird. Fazit: Die Zuckersteuer ist ein wichtiger Bestandteil für ein umfassendes Ernährungskonzept.

Ist es allein der Zucker?

"In den Ländern, wo man solche Instrumente schon eingeführt hat, sieht man ganz klar, das funktioniert. Also in Großbritannien beispielsweise hat nur die Ankündigung einer Limoabgabe schon dazu geführt, dass die Hersteller den Zuckergehalt drastisch gesenkt haben, teilweise halbiert haben, nicht zuletzt empfiehlt deshalb auch die Weltgesundheitsorganisation allen Regierungen, solch eine Steuer einzuführen."

Die Zuckerindustrie erklärt hingegen, der Beweis, dass durch eine Limosteuer nicht nur der Zucker im Getränk, sondern auch Diabetes oder Adipositas zurückgegangen sei, existiere nicht. Es gebe bislang keine validen Studien, die dies belegen könnten. Es brauche andere Mechanismen, meint auch Günther Tissen, Hauptgeschäftsführer der wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, die die Zuckerproduzenten vertritt. Allen sei klar, die Menschen müssten gesünder leben, doch das alleine am Zucker festzumachen, sei quatsch. Fette beispielsweise seien ebenso wichtig in der Lebensmittelbilanz und er warnt davor, einfach nur Zucker zu reduzieren, weil dies zu ganz anderen Problemen führen könne. Er macht es an einem Beispiel deutlich.

Zuckerreduziert - und doch kalorienreich

"Wenn man einen Kuchen backt, dann kann man hingehen und sagen, ich nehme einfach weniger Zucker, dann wird der Kuchen kleiner, das ist ja ok. Wenn man aber den Kuchen gleich groß halten möchte, also jede Person soll ein gleich großes Stück bekommen, muss man den Zucker durch irgendwas in diesem Kuchen ersetzen, und genau das passiert eben auch bei der Zuckerreduktion bei Fertiglebensmitteln. Das heißt wenn sie bestimmte Produkte haben, in denen sie den Zucker reduzieren, werden sie dafür andere Produkte reintun, die nicht Zucker heißen."

Eine Gruppe von Freunden essen und trinken gemeinsam (imago stock&people)Essen ist mit vielen Emotionen verbunden - sie zu erkennen, kann dabei helfen, bewusst und gesund zu genießen (imago stock&people)

Maisstärke ist so ein Ersatzprodukt oder auch Haselnüsse, die die Lebensmittelbranche nutzen, um mit Zuckerreduktion zu werben.

"Allerdings ändert das am Kaloriengehalt der Produkte gar nichts. Und Verbraucher verbinden aber mit dem Begriff "zuckerreduziert", es sei auch kalorienreduziert. Das haben auch Umfragen der Verbraucherzentrale ergeben. Und dadurch verschärft sich das Problem, durch Zuckerreduktion führt man sie noch eher in Versuchung, mehr zu essen und damit mehr Kalorien aufzunehmen und gegen Übergewicht nutzt das überhaupt nichts."

Retter Ernährungspsychologie?

Also was tun? Alles scheint sein Für und Wider zu haben. Die Industrie setzt weiterhin auf die europaweit verbindliche Nährwerttabelle, weil sie sagt, die Zahl der Kalorien ist der beste Hinweis auf den Inhalt von Lebensmitteln. Das sieht der Ernährungspsychologe ähnlich. Frédéric Letzner ist der Auffassung, es braucht eine neue Art mit Lebensmitteln umzugehen. Also nicht den Kindern den Nachtisch zu versprechen, damit das Gemüse gegessen wird, sondern beides voneinander zu trennen. Menschen müssten sich klar machen, warum sie was essen. Die Schokolade bei Liebeskummer, den Kuchen wegen Stress auf der Arbeit, die Chips beim Fernsehen, weil es so gemütlich ist. Was ist an Chips gemütlich, fragt er. Wenn wir wirklich genießen wollten, müssten wir sie in der Küche essen und nicht nebenher beim Krimi. Und er fordert:

"Die Ernährungspsychologie mehr zu lehren und zu erklären. Unbewusste Prozesse bewusst zu machen. Menschen zu verdeutlichen, wie emotionales Essen funktioniert und was damit zu tun hat, was damit zu tun hat, dass wir eine sehr leistungsorientierte und perfektionistische Gesellschaft sind und auch der Perfektionismus dafür sorgt, dass wir uns ständig unter Druck setzen, ständig gestresst sind, und wir dann anfangen zu kompensieren, also wenn wir beginnen würden, die Psychologie hinter unserem Verhalten mehr zu beleuchten, würden wir mehr Menschen erreichen, Menschen erkennen sich dadurch sehr einfach wieder, an der Stelle ist der Punkt, wo es am sinnvollsten wäre, jetzt einzuhaken."

Gesucht: ein Gesamtkonzept

Also mehr Psychologen in der Ernährungsbildung? Es gibt noch viel mehr Vorschläge, damit Deutschland gesünder lebt, wie beispielsweise auch ein Werbeverbot für Süßigkeiten im Kinderfernsehen und im Internet. Oder auch mehr Sport in Schulen. Drei Schulstunden pro Woche sind vielen Gesundheitsexperten zu wenig.

Verbraucherministerin Klöckner wird sicher derzeit mit all dem konfrontiert. Auch mit der Tatsache, dass über fünf Millionen Menschen in der Lebensmittel- und Zuckerbranche arbeiten, die ihren Job nicht verlieren wollen. Und auch mit dem, was 2000 Ärzte zusammen mit Foodwatch Anfang Mai in einem offenen Brief an die Bundesregierung gefordert haben: Ein kluges Gesamtkonzept, das alle in die Verantwortung nimmt und den Menschen gerecht wird. Denn klar ist - nicht nur der kleinen Merle aus Köln:

"Eigentlich wäre es besser ohne Süßigkeiten zu leben, aber das will keiner."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk