Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 15:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKalenderblattSexualität als Motor einer besseren Gesellschaft12.04.2015

Ernest BornemanSexualität als Motor einer besseren Gesellschaft

Einer breiteren Leserschaft und beim Publikum von Talkshows war der Sexualforscher und Publizist Ernest Borneman als "Pornomann" bekannt. Aber der heute vor 100 Jahren in Berlin geborene Ernst Wilhelm Julius Bornemann war mehr als nur ein Sexualforscher und Konkurrent des legendären Oswalt Kolle - er erfand unter anderem den legendären "Beat Club".

Von Jochen Stöckmann

Das Schwarz-Weiß-Foto aus den 60er-Jahren zeigt die britische Supergruppe "The Cream" während einer Aufzeichnung der legendären Beat-Club-Sendung von Radio Bremen. Entwickelt wurde das Konzept ursprünglich von Ernest Borneman.  (dpa / Radio Bremen)
Der legendendäre Beat Club von Radio Bremen. Das Konzept wurde ursprünglich von Ernest Borneman entwickelt. (dpa / Radio Bremen)

"Die Tradition des Blues ist immer, dass der Mann oder die Frau sich darüber erregt, dass der Liebhaber, die Geliebte weggelaufen ist."

"My honey is an alley cat" - meine Süße treibt’s mit jedem - solche Bluestexte hat Ernst Wilhelm Julius Bornemann jede Menge verfasst: ein Weißer, ein Deutscher, geboren am 12. April 1915 in Berlin. 1933 war der Austauschschüler in England geblieben und so der Nazi-Diktatur entkommen. Fortan nannte er sich Ernest Borneman, schlug sich durch als Gelegenheitsjobber und Krimiautor, reüssierte als Jazzkritiker und brachte es zum erfolgreichen Drehbuchschreiber im Auftrag des Regisseurs Orson Welles. Zurückgekehrt nach Deutschland, erfand er das legendäre Fernsehformat "Beat Club" für Radio Bremen. Doch bekannt geworden ist Borneman als Sexualforscher.

 Erfolgstitel "Das Patriarchat"

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen, die kein befriedigendes Sexualleben haben, irgendetwas leisten können auf einem nicht sexuellen Gebiet." Das"Lexikon der Liebe" des lese- und bildungshungrigen Autodidakten erschien 1968, im Jahr der Studentenrevolte, der Kommune I, die alle Tabus brechen wollte. "Weil ich aus der Arbeiterbewegung komme, haben mich immer in hohem Maße diese Bürgersöhne verunsichert. Dieser Versuch, durch möglichst viel Geschlechtsverkehr die Verklemmung zu verändern, das leuchtet mir nicht ein."

Sexualität als Motor einer besseren, gerechteren Gesellschaftsordnung - das war Bornemans Thema. Sein Erfolgstitel "Das Patriarchat", erschienen 1975, bescherte dem Gelegenheitsstudenten endlich den Doktortitel - und wurde vom Autor selbst in eine Reihe gestellt mit dem "Kapital". Was Karl Marx für die Arbeiterbewegung, das wollte der Sexualaufklärer nun für den Feminismus bereit halten: eine historisch-kritische Analyse als Waffe im täglichen Kampf um die Gleichberechtigung. Als Quellensammlung - etwa zum Mutterrecht in der Antike - bleibt "Das Patriarchat" unübertroffen. Den Grund dafür verrät ein Foto in der jüngst erschienenen Borneman-Biografie "Moderne Lüste" des Sozialhistorikers Detlef Siegfried: Da sitzt ein grauhaariger Mann in Latzhose am Schreibtisch - und widmet alle Leidenschaft seinen akribisch aufgereihten Zettelkästen: "Ich habe einen Arbeitstag von mindestens 16 Stunden. Aber ich kann nur dann arbeiten, wenn ich glaube, etwas Neues zu entdecken."

Scheitern als Programmleiter

Diese Entdeckungslust führte zu einer schier unglaublichen Sprunghaftigkeit, brachte neben Borneman, dem Musikkritiker, auch den psychoanalytisch beschlagenen Historiker hervor oder den Kolumnisten in linken Blättern wie "konkret". 1960 etwa wurde dem damals in England erfolgreichen Filmproduzenten der Posten eines Programmleiters im sogenannten "Freien Fernsehen" angeboten, jenem zweiten Kanal, mit dem Bundeskanzler Adenauer der ARD Paroli bieten wollte. Gute Freunde in London hatten ihm geraten: "Wenn der Adenauer, der alte Fuchs, sein Fernsehen haben will, dann wird er eines bekommen - besser du als ein anderer! Und ich habe dann gedacht: Na schön, dann werde ich also so ein linker Goebbels und werde in Deutschland also versuchen, via Fernsehen all das gutzumachen, was Goebbels und Hitler damals uns, den deutschen linken Intellektuellen, angetan hat." Ganz allein auf sich gestellt, scheiterte Borneman mit diesem "Marsch durch die Institution".

Nach dem Tod seine Ehefrau Anfang der Achtzigerjahre zog Ernest Borneman mit einer anderen Partnerin zusammen. Als die sich von ihm trennte, nahm er sich im Juni 1995 das Leben. Nicht ohne wenige Tage zuvor eine letzte Warnung auszusprechen gegen jene Ellenbogengesellschaft, die für den Verfechter nicht nur sexuell gleichberechtigter Partnerschaften - ganz traditionell marxistisch - ökonomische Ursachen hatte: "Es ist ja nur der Unterschied zwischen den Reichen und den Armen, der gegenwärtig dieses enorme Bedürfnis - ja, wollen wir es einmal Rache nennen - aufkommen lässt. Wenn alle relativ wenig oder wenn alle auch relativ viel hätten, würde diese Konkurrenzgesellschaft nicht notwendig sein."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk