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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Ernesto Che Guevaras: Der afrikanische Traum14.08.2000

Ernesto Che Guevaras: Der afrikanische Traum

Kiepenheuer und Witsch, übersetzt von Joachim Hartstein, erschienen, kostet DM 24,90 und hat 320 Seiten

<strong>Auch das zweite Buch heute beschäftigt sich mit dem Kongo. Dorthin nämlich war 1965 der kubanische Revolutionär Ernesto Che Guevara mit einigen Mitstreitern gegangen, um die Weltrevolution nach Afrika zu tragen. Nach dem Ende der europäischen Kolonialherrschaft setzte die revolutionäre Linke große Hoffnungen auch auf die Befreiungsbewegungen des schwarzen Kontinents, hatten doch Frantz Fanon, Aimee Cesaire Leopold Senghor und andere ein neues Bewußtsein der Schwarzen begründet. Was Guevara im Kongo vorfand, beschrieb er in einem Tagebuch, das lange als verschollen galt. Die schwarzen Kämpfer, die er zu einer Guerillaarmee gegen den nachkolonialen Imperialismus zu formieren hoffte, erwiesen sich als wenig willig, revolutionäre Disziplin an den Tag zu legen. Es sei klar, schrieb Guevara sarkastisch, dass eine derartige Armee nur eine Daseinsberechtigung habe, wenn sie wie der Feind auch hin und wieder kämpfe. Nun erscheint das Tagebuch zum ersten Mal auf Deutsch. Frank Räther, seit vielen Jahren als Korrespondent in Afrika lebend, hat Guevaras Buch für uns besprochen:</strong>

Frank Räther

Che Guevara hätte in Bolivien 1967 nicht sterben müssen. Er hätte Afrika vertrauen sollen - seinen Erfahrungen im Kongo. In seinem Bolivianischen Tagebuch schrieb er immer wieder: "Fehlen jeden Kontaktes mit der Außenwelt, Fehlen von Unterstützung der Bauern." Die gleiche Erfahrung, die zum Scheitern seiner revolutionären Guerilla führte, hatte er zwei Jahre zuvor schon im Kongo machen müssen. Doch er hatte gehofft, die Verhältnisse im heimatlichen Lateinamerika wären anders als in Afrika - ein tödlicher Irrtum. Um so wertvoller sind die Erfahrungen, die Ernesto Che Guevara in Afrika gemacht hatte, für alle diejenigen, die mit diesem Kontinent zu tun haben: nicht nur für Entwicklungshelfer, sondern auch für Unternehmer und besonders für jeden UNO-Blauhelm, der dort in den Einsatz geschickt wird. Denn Ernesto Guevaras Beobachtungen und Einschätzungen, die er nach seinem siebenmonatigen Aufenthalt in Kongo zwischen April und November 1965 zu Papier brachte, sind präzise und charakteristisch, gelten weit über diese Zeit und den kleinen Raum, in dem er agierte, hinaus.

Es ist ein sehr dramatisches Buch, das Guevara selbst mit den Worten begann: "Dies ist die Geschichte eines Scheiterns." Als der kubanische Revolutionär am 19. April 1965 in der tansanischen Hauptstadt Daressalam eintraf, hatte er nicht nur fast drei Monate intensiver Gespräche mit afrikanischen Führern in Algerien, Kongo (Brazzaville), Guinea, Ghana, Dahome, Ägypten und Tansania hinter sich, sondern auch die Vision, dass sich der antiimperialistische Kampf in Kongo (Kinshasa) konzentriere. Dort war - kurz nach der Unabhängigkeit von Belgien - 1961 der erste Premier des Landes Patrice Lumumba ermordet worden, UNO-Truppen und auch westliche Söldner waren von 1960 bis 1964 im Einsatz, die reiche Bergbauprovinz Katanga spaltete sich ab.

"Hier bekämpfen wir den Imperialismus direkt" schreibt Che Guevara in seinen Erinnerungen über den Grund, warum er gerade in Kongo versuchen wollte, die Revolution voranzutreiben. Und sein Freund, Kubas Staatschef Fidel Castro, erklärte einen Tag nach dem Eintreffen Guevaras mit der ersten Gruppe von am Ende insgesamt über 100 Kubanern in Daressalam:

"Das einzige, was ich Ihnen über Comandante Guevara sagen kann, ist, dass er sich stets dort befindet, wo es für die Revolution am nützlichsten ist." Ernesto Guevara war beeindruckt von den Reden und Analysen Laurent Kabilas, des damaligen Rebellenführeres, der mehr als 30 Jahre später erst dort an die Macht kommen sollte. Doch bald stellte der kubanische Revolutionär fest, dass Kabila wie den meisten sogenannten Freiheitskämpfern Afrikas das luxuriöse Hotelleben und die Reisen durch die Welt wichtiger waren, als der Kampf um Freiheit und soziale Gerechtigkeit in ihrer Heimat. In den sieben Monaten, in denen Che Guevara und seine Gruppe mit Kabilas Truppen lebte und kämpfte, tauchte dieser nur ein einziges Mal für gerade mal fünf Tage auf. Und auch die anderen Führer hatten keine Ahnung, was im Landesinneren vor sich ging. Und daran hat sich bis heute, da eine Reihe von ihnen an der Macht ist, nichts geändert. Die Verhältnisse jenseits ihres eigenen Lebensbereichs kennen sie meistens nicht. Und so zeichnen sie auch heute noch oft gegenüber internationalen Politikern und Unternehmern ein völlig verzerrtes Bild ihrer Länder. Es entspricht mehr ihren Wunschvorstellungen als der Realität.

Auch dass in Afrika Reden oft höher geschätzt werden als Taten, registrierte Che Guevara kritisch. Ständig habe es Zusammenkünfte mit langen Reden der Vorgesetzten gegeben, beklagt er sich, anstelle von koordinierten Aktionen, sei es zur Schulung von Kadern, sei es im Kampf gegen die politischen Feinde. Selbst im vergleichsweise hochentwickelten Südafrika, wo seit sechs Jahren der vor fast 90 Jahren gegründete ANC an der Regierung ist, werden Probleme nicht praktisch gelöst, sondern ständig neue Workshops und Kongresse veranstaltet, die am Ende in immer neue Papiere münden, nicht aber in tatsächliche Veränderungen. In Nigeria hat Präsident Obásanjo nach über einem Jahr noch immer nicht recht angefangen, mit Korruption und Vetternwirtschaft aufzuräumen. In Sambia verfiel Staatschef Chiluba bald nach seinem Machtantritt trotz guter Vorsätze in ähnlichen Trott wie seine Vorgänger. In den meisten afrikanischen Ländern - wohl nur Botswana ist hier eine rühmliche Ausnahme - hat sich der Lebensstandard der Bevölkerung genauso wenig verbessert, wie die Volkswirtschaften einen nennenswerten Aufschwung genommen haben. Dies alles hängt auch mit der Mentalität des politischen Führungspersonals zusammen. Che Guevara hatte davon schon vor über 30 Jahren eine überaus realistische Einschätzung.

Es werden utopische Bilder gezeichnet, die nichts mit der Realität zu tun haben. Versprechen werden nicht eingelöst, wir werden hintergangen und belogen. Es gibt eine allgemeine Disziplinlosigkeit, fehlende Kameradschaft sowie Befehle ohne Sinn und Verstand. Stattdessen prahlen die Führer und fordern immer neue Gelder und Waffen. Sie wollen oben sein und mächtig.

Guevara und seine kubanischen Mitkämpfer mit all ihrer revolutionären Disziplin standen diesen Verhaltensweisen mit Unverständnis und nicht zuletzt mit tiefer Abneigung und Enttäuschung gegenüber. Chaos durch noch mehr Chaos überwinden, lautet noch heute das Credo vieler afrikanischer Führer. Reichtum wird verschleudert, die Oberschicht lebt im Luxus, während die Masse der Bevölkerung dahinvegetiert. Che Guevara beschreibt in seinem Buch immer wieder den Mechanismus falscher Schuldzuweisungen.

Nicht die Führer selbst sind verantwortlich für Niederlagen, sondern immer andere. Robert Mugabe schiebt es in Simbabwe auf die britischen Siedler, die Südafrikaner schieben es auf die Apartheid, alle gemeinsam auf den Kolonialismus: die Verschuldung, die ungerechten Weltmarktpreise für ihre Produkte und anderes mehr. Selten nur gibt es in Afrika warnende Stimmen: man sei für die Missstände auch selbst verantwortlich. Che Guevaras Afrika-Buch ist ein sehr bitteres, aber auch ein sehr wahres Buch. Es kann erklären helfen, warum Afrika in den letzten Jahrzehnten so wenig Fortschritte gemacht hat. Und sollten Einheiten der Vereinten Nationen demnächst nach Kongo entsandt werden, um dort den Bürgerkrieg beenden zu helfen, wären sie gut beraten, dieses Buch in ihrem Tornister zu tragen.

Frank Räther über Ernesto Che Guevaras wiederaufgefundenes Tagebuch vom revolutionären Kampf im Kongo. Es ist unter dem Titel: "Der afrikanische Traum" bei Kiepenheuer und Witsch, übersetzt von Joachim Hartstein, erschienen, kostet DM 24,90 und hat 320 Seiten.

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