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StartseiteUmwelt und Verbraucher"NRW tut sich schwer mit dem Umstieg"27.11.2019

Erneuerbare-Energien-Ranking"NRW tut sich schwer mit dem Umstieg"

Beim Ausbau von Wind- und Sonnenenergie schneide NRW im Vergleich der Bundesländer schlecht ab, sagte Energieexpertin Claudia Kemfert im Dlf. Der Anteil von Kohle sei immer noch hoch und besonders der Windenergieausbau stocke. Dabei gebe es gute Möglichkeiten, die Bürger mit ins Boot zu holen.

Claudia Kemfert im Gespräch mit Jule Reimer

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DEU/Deutschland/Brandenburg/Wormlage, 07.01.2014: Windenergie in Brandenburg; Windraeder stehen auf einem Feld bei Wormlage in der brandenburgischen Lausitz vor dem vom Sonnenuntergang rot gefaerbten Abendhimmel. // Wind engines on a field near Wormlage in Brandenburg. // **Foto: Andreas Franke** | Verwendung weltweit (dpa-Zentralbild)
"Beim Ausbau aller erneuerbarer Energien muss mehr passieren", sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Dlf (dpa-Zentralbild)
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Jule Reimer: Welche Bundesländer haben die Nase vorn beim Ausbau von Wind- und Sonnenenergie? Dies ermittelt alle zwei Jahre ein gemeinsames Forschungsprojekt des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und des Zentrums für Sonnenenergie und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg. ZSW nennt sich das abgekürzt. Mit im Team die Professorin und Energie-Expertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Von ihr – mit ihr sprach ich vor dieser Sendung – wollte ich als erstes wissen, welches Bundesland in absoluten Zahlen am meisten Strom aus erneuerbaren Energien produziert.

Claudia Kemfert: Wir messen ja unterschiedliche Indikatoren. Das ist nicht nur der Output, wieviel produziert wird an erneuerbaren Energien, sondern auch, was die einzelnen Bundesländer machen, damit der Ausbau vonstattengeht – sei es jetzt, dass man Programme auflegt, sich Zielkataloge vornimmt, oder auch gezielte Unterstützung für Unternehmen anbietet. Da ist es nach wie vor jetzt so, dass Schleswig-Holstein Spitzenreiter ist. Baden-Württemberg hat aufgeholt, ist zwar jetzt in den absoluten Zahlen bei erneuerbaren Energien noch nicht ganz oben mit dabei, aber deutlich im Aufholprozess, und Bayern ist auf Platz drei.

Wind- und Solarenergie dominieren

Reimer: Aus welchen Quellen kommt insgesamt der erneuerbare Strom oder der Strom aus erneuerbaren Energien?

Kemfert: Wir messen ja alle erneuerbaren Energien. Das beginnt bei der Windenergie, es ist Solarenergie, aber auch Biomasse. Es werden aber zum Beispiel auch Wärmepumpen gezählt, wie hoch der Anteil aus erneuerbarer Wärme beispielsweise ist, wo ja Baden-Württemberg sehr gut aufgestellt ist, oder auch Brandenburg im Bereich Wärmepumpen. Aber insgesamt sind es alle erneuerbaren Energien und Windenergie und Solar sind diejenigen, die auch am meisten dominieren.

"Beim Ausbau aller erneuerbarer Energien muss mehr passieren"

Reimer: Wobei bei Wind ja offenbar ein gewisser Einbruch stattfindet. Wie entwickeln sich die einzelnen Energiearten?

Kemfert: Wir müssen dazu sagen: Diese Statistik bezieht sich auch immer auf die Vergangenheit. Da war es schon noch so, dass die Windenergie deutlich ausgebaut wurde. Aber jetzt aktuell aufgrund der verschlechterten Rahmenbedingungen ist der Ausbau gerade in diesem Jahr von Windenergie nahezu zum Erliegen gekommen. Da mahnen wir auch sehr deutlich, dass sich das ändern muss. Wenn man die Energiewende-Ziele erreichen will, muss deutlich mehr passieren beim Ausbau aller erneuerbarer Energien.

Reimer: Liegt es an der Windenergie, dass Nordrhein-Westfalen, das ja auch traditionell ein Kohleland ist, abgerutscht ist von Rang 13 auf Rang 10?

Kemfert: Ja. Nordrhein-Westfalen ist noch nie wirklich im oberen Spitzenfeld dabei gewesen, sondern immer auf den hinteren Plätzen, was immer noch daran liegt, dass der Anteil von Kohle sehr hoch ist und dass man sich sehr schwer tut mit dem Umstieg auf erneuerbare Energien, was gerade auch den Ausbau der Windenergie angeht, wo man jetzt noch Abstandsregelungen eingeführt hat, und zwar bei einzelnen Indikatoren jetzt gar nicht so schlecht abschneidet, aber insgesamt deutlich mehr Luft nach oben ist. Gerade wenn Nordrhein-Westfalen die Energiewende erreichen will, weggehen will von der Kohle, dann muss deutlich mehr passieren in Richtung erneuerbare Energien.

"Brandenburg hat Aufholpotenziale"

Reimer: Brandenburg ist auch Kohleland. Was ist von der neuen rot-schwarz-grünen Regierung bei den erneuerbaren Energien zu erwarten?

Kemfert: Brandenburg war ja in den vergangenen Messungen immer sehr weit vorne. Das ist es jetzt leider nicht mehr. Es wird immer noch sehr viel Kohle genutzt. Aber man hat schon einiges an Erfolgen in der Vergangenheit zu verzeichnen. Jetzt muss man wieder deutlich zulegen. Es sind ja auch neuere Entwicklungen, die hinzukommen, gerade wenn jetzt auch die Elektromobilität zunehmen soll. Da ist interessanterweise gerade Brandenburg, weil wir diesmal auch Elektromobilität messen, eigentlich ganz hinten, hat da riesige Aufholpotenziale und muss jetzt auch nachlegen, wenn es darum geht, noch mehr erneuerbare Energien auszubauen.

Finanzielle Beteiligungsmodelle beim Bau von Windanlagen

Reimer: Braunkohleabbau zerstört eine ganze Landschaft. Dörfer müssen umgesiedelt werden. Dorfgemeinschaften müssen sich neu sortieren. Allerdings ein Windpark direkt vorm Haus kann auch eine Belastung sein. Was ließe sich da verbessern, um einen Kompromiss zu finden zwischen dieser Abstandsregelung, tausend Meter von einer Bebauung von fünf Häusern, als sehr restriktiv und einer, sagen wir mal, windkraftfreundlicheren Lösung?

Kemfert: Die Abstandsregelung, die man da jetzt vorgeschlagen hat, die ist wirklich tatsächlich sehr kontraproduktiv. Damit würde der Zubau von Windenergie ja nahezu fast zum Erliegen kommen. Damit wird man die Energiewende-Ziele nicht erreichen. Wir schlagen vor finanzielle Beteiligungsmodelle, die es ermöglichen, dass überall in ganz Deutschland auch eine einheitliche Regelung da ist, dass sich Kommunen, Regionen beteiligen können. In dem Moment, wo die Bürger merken, dass sie finanzielle Vorteile dadurch haben -

Reimer: Aber das Geld würde an die Kommune fließen und nicht an den Bürger, der jetzt im Windschatten dieses großen Rotors ist.

Kemfert: Aber indirekt dann schon. Erst mal geht es ja darum, dass man jetzt auch nicht so nah an die Kommunen heranbaut, dass man dort direkt im Windschatten sitzt. Diese Regelung, die man heute hat, sieht das ja auch schon so vor. Es gibt auch genügend Flächen, die muss man ausweisen, dass man nicht so nah an die Bevölkerung herangeht. Das ist das eine, aber zum anderen ist es dann schon so: Auch indirekt würde ja ein Bürger in einer Kommune profitieren, wenn beispielsweise das Schwimmbad oder der Bus dadurch finanziert wird und man dadurch Vorteile hat. Man sieht einfach in der Akzeptanzforschung: In dem Moment, wo das möglich ist, sind die Bürger sehr viel eher bereit, da auch gemeinschaftlich mitzugehen.

Reimer: Es wird aber geklagt, dass die Grundstückspreise dann sinken. Den Wertverlust trägt der einzelne Bürger.

Kemfert: Es kommt jetzt darauf an, wo es genau ist. Es gibt ja auch genügend Möglichkeiten, zwei Prozent bundesweit der Flächen so auszuweisen, dass man gerade nicht diese Wertverluste hat. Wir haben in Deutschland eine sehr starke Infrastruktur. Wir bauen Straßen, Parkplätze, überall alles Mögliche aus, Gewerbeflächen, und da gibt es tatsächlich auch genügend Möglichkeiten, dass man solche Flächen, die nicht direkt an der Wohnbebauung sind, dafür nutzt, auch für Windanlagen oder für erneuerbare Energien insgesamt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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