Sonntag, 16.12.2018
 
Seit 16:10 Uhr Büchermarkt
StartseiteKalenderblattErneuerer der türkischen Literatur03.06.2013

Erneuerer der türkischen Literatur

Vor 50 Jahren starb der türkische Dichter und Dramatiker Nazim Hikmet

Nazim Hikmet zählt zu den berühmtesten Dichtern der Türkei, und doch war er ein ungeliebter Sohn seines Vaterlands. 1950 hatte man ihn ausgebürgert, nachdem der glühende Kommunist in die Sowjetunion geflohen war. Erst 2009 gab ihm der türkische Staat posthum seine Staatsbürgerschaft zurück.

Von Tobias Mayer

Nâzim Hikmet wurde in Moskau begraben. Das Foto zeigt ihn im April 1957. (picture alliance / akg-images)
Nâzim Hikmet wurde in Moskau begraben. Das Foto zeigt ihn im April 1957. (picture alliance / akg-images)

Nicht drei oder vier
Nicht fünfzehn -
Dreißig Millionen
Hungernde
Haben wir!

Wir haben sie!
Sie
Haben uns!
...


Diese Verse schrieb Nâzım Hikmet 1921. Das Gedicht "Die Pupillen der Hungernden" markiert den Beginn der modernen türkischen Lyrik. Nâzım Hikmet befand sich auf dem Weg von Anatolien nach Russland und sah überall in den Dörfern die ungeheure Armut der Menschen. Irgendwo auf dem langen Marsch nach Norden bekam er eine russische Zeitung in die Finger. Da fielen ihm die treppenförmigen Gedichte des russischen Futuristen Wladimir Majakowski auf. Nun vermochte sich Nâzım Hikmet vom traditionellen Versmaß zu lösen. Die osmanische Dichtung - meist Liebesgedichte oder religiöse Lobpreisungen - war höfisch, artifiziell, das Vokabular zu einem Großteil arabisch und persisch. Nâzım Hikmet schrieb über die menschlichen Sorgen, in türkischer Alltagssprache. "Kerem gibi" heißt eines seiner berühmtesten Gedichte:

Die Luft ist schwer wie Blei.
Ich
schrei
und schrei
und schrei.
Los,
ich rufe,
um
das Blei
zu schmelzen ...


Nâzım Hikmet wurde 1902 in Saloniki geboren. Mit 15 kam er an die Marineakademie in Istanbul. Mitten im türkischen Befreiungskrieg floh er aus der besetzten Stadt in die Provinz. Er suchte den Kontakt zum einfachen Volk und wurde Sozialist, das war schwierig im nationalistischen Umfeld des Mustafa Kemal Atatürk. In Moskau studierte Nâzım Hikmet Soziologie. Die Gründung der Sowjetunion erlebte er hautnah mit. Nach seiner Rückkehr 1924 wurde er Mitglied der verbotenen "Kommunistischen Partei der Türkei". Fortan verfolgt kam er immer wieder in Haft.

"Als im Gefängnishof, in Istanbul,
eines sonnigen Wintertags nach dem Regen
die Wolken, die roten Ziegel, die Mauern und mein Gesicht umherwanderten in den Pfützen am Boden,
als ich alles, was mir zu Gebote stand an Kühnheit, Niedertracht,
an Stärke und Schwäche zusammenraffte:
da dachte ich an die Welt, an mein Land und an dich ..."

1938 verurteilte man Nâzım Hikmet zu 28 Jahren Haft. Kommunisten galten als gefährliche Abweichler im kemalistischen Einparteienstaat. Im Gefängnis schrieb Nâzım Hikmet unter erbärmlichen Bedingungen. Trotz Publikationsverbotes gelangten seine Schriften aber nach draußen. Es entstanden mehrere Bücher, viele Liebesgedichte. Er übersetzte Tolstois "Krieg und Frieden" ins Türkische. Er blieb ein politischer Dichter. Im Gefängnis verschlechterte sich Nâzım Hikmets Gesundheitszustand zusehends, die Krankheiten wurden zum Thema seiner Lyrik. "Angina Pectoris", von ihm selbst vorgetragen:

"Wenn die Hälfte meines Herzens hier ist, Doktor,
ist die andere Hälfte in China
bei der Armee,
die hinabzieht, dem Gelben Fluss zu."

Auf internationalen Druck wurde Nâzım Hikmet 1950 begnadigt. Er galt als Anwärter für den Literatur-Nobelpreis. Doch die Schikanen gingen weiter. Als man ihn, 49jährig und krank, in den türkischen Militärdienst einziehen wollte, floh er erneut nach Moskau, nun endgültig.

"Meine Heimat, o meine Heimat, meine Heimat,
es blieb mir nicht einmal eine Mütze übrig von deiner Hand,
kein Schuh mit deiner Erde,
...
Du bleibst jetzt nur noch im Grau meines Haares,
in meinem Herzinfarkt,
in den Runzeln meiner Stirn, meine Heimat,
o meine Heimat,
meine Heimat ..."

Nâzım Hikmet gehörte zur intellektuellen Prominenz der Sowjetunion, dozierte und hielt Vorträge im gesamten Ostblock. Deutsche Übersetzungen seiner Werke, denen es selten an sozialrevolutionärem Pathos fehlt, erschienen zu seinen Lebzeiten nur in der DDR. Am 3. Juni 1963 starb Nâzım Hikmet in Moskau, dort ist er auch begraben. Im Westen wurde er hauptsächlich von der politischen Linken gelesen. Der Liedermacher Hannes Wader vertonte in den 70er-Jahren ein Gedicht von Nâzım Hikmet.

""Leben einzeln und frei
Wie ein Baum und dabei
Brüderlich wie ein Wald
Diese Sehnsucht ist alt ... "

In der Türkei schwieg man Nâzım Hikmet jahrzehntelang tot. Inzwischen sind Leben und Werk dieses großen Lyrikers, der als Erneuerer der türkischen Literatur gilt, weitgehend rehabilitiert.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk