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StartseiteKultur heuteErst das Haus, dann die Vögel10.01.2015

Erneuerung der Brehm-Gedenkstätte Erst das Haus, dann die Vögel

Gesprächsreihe "Kunst auf Lager"

"Brehms Tierleben" machte den Familiennamen unsterblich: seinen Autoren, den Zoologen Alfred Edmund, und seinen Vater, "Vogelpastor" Christian Ludwig. Der Zustand der Gedenkstätte in Renthendorf war 2012 desolat, sagte ihr Leiter Jochen Süss im DLF. Bis 2018 soll sich das ändern.

Jochen Süss im Gespräch mit Michael Köhler

Präparierte Vögel in der Gedenkstätte am Geburts- und Sterbeort von Alfred Brehms  (picture alliance/dpa/Martin Schutt)
9.000 Vogelpräparate hatte die Brehm-Sammlung einst. (picture alliance/dpa/Martin Schutt)

Beatrix Novy: Die Wanderratte. Das Zuckereichhorn. Das Erdferkel. Das Gürteltier. Die könnte man sich alle gut in einem Gedicht von Heinz Erhard vorstellen. Aber ernsthafter und genauso literarisch hat Alfred Edmund Brehm sie porträtiert, der Tiervater. Verfasser von "Brehms Tierleben", Brehm beobachtete und interpretierte im kurzweiligen Erzählton, das hat sein Buch ja auch zum Klassiker gemacht. Der Feldhamster: ein mürrischer Geselle. Stimmt ja. Das alles ging weit hinaus über Unser Hausschwein und Unsern Laubfrosch. Brehm porträtierte Wanderfalken, Schmutzgeier, Spottdrossel und viele andere Vögel, und die wiederum waren der Lebensinhalt seines Vaters Christian Ludwig Brehm. Der Vogelpastor. Vater und Sohn sind kennenzulernen in der Brehm-Gedenkstätte Renthendorf, wo die Kulturstiftung der Länder die Restaurierung von kulturhistorisch bedeutenden Vogelpräparaten, also ausgestopften Vögeln, unterstützt. Unser Thema ist das heute in der Reihe "Kunst auf Lager". Professor Jochen Süss ist seit 2012 Leiter der Gedenkstätte Renthendorf. Ihn habe ich erst mal gefragt nach dem Zustand von Haus und Inhalt.

Jochen Süss: Der Zustand der Gedenkstätte war 2012 desolat. Das heißt, das Gebäude war ruiniert. Es löste sich der vordere Giebel ab und die Geschossdecken drohten durchzufallen, durchzuschlagen. Wir haben ab September 2012 ein großes Förderprogramm und Spendenprogramm aufgelegt, um hier voranzukommen, und haben in diesen zwei Jahren jetzt für etwa 500.000 Euro erst mal die statisch-konstruktive Sicherung des Hauses vornehmen können. Und jetzt geht es in Vorbereitung einer vielleicht 2017 oder 2018 erforderlich werdenden Neugestaltung der Ausstellung darum, die wichtigen Präparate auch zu restaurieren.

Novy: Und da sind vor allem diese Vogelpräparate kulturhistorisch bedeutsam?

Süss: Ja. Es ist so, dass ja der Vogelpastor Christian Ludwig Brehm in einer beispiellosen Arbeitsweise …

Novy: Das war der Vater von Alfred Brehm.

Süss: Das war der Vater. Der war ja 51 Jahre Pfarrer in Renthendorf und hat in dieser Zeit zirka 9.000 Vogelpräparate, zusammen natürlich mit der Familie, die da helfen musste, präpariert. Das sind insbesondere für die Wissenschaft besonders gut geeignete Balg-Präparate, also nicht diese Habitus-Präparate, die man so in Schausammlungen sieht.

Novy: Also die Vögel sind nicht besonders inszeniert, oder was bedeutet das?

Süss: Genau. Die sind praktisch für wissenschaftliche Zwecke archiviert. Das heißt, sie sitzen nicht wie ein Lebend-Präparat auf einem Ast mit gespreizten Flügeln oder irgend so was, sondern sie sind auf einen Holzstab aufgezogen, mit Werk oder ähnlichen Materialien ausgepolstert, und man kann vor allen Dingen sie wissenschaftlich auch heute noch genauso auswerten wie vor Jahrzehnten, Jahrhunderten, weil man kommt an die Flügel heran, an den Schnabel, man kann alles vermessen und nachprüfen und zum Beispiel mit heutigen Vögeln vergleichen.

Novy: Das heißt, die haben auch heute noch einen wissenschaftlichen Wert, nicht nur einen Schauwert?

Süss: Genau. Das ist der Punkt. Und diese Sammlung – 9.000 Präparate ist ja ein Riesen-Konvolut. Und diese besondere Sammlung hat ein verrücktes Schicksal hinter sich gebracht, und wir haben letztendlich in Renthendorf noch ganze zehn, eventuell – die sind noch nicht klar zugeschrieben – 14 oder 15 Original-Präparate, sowohl von Christian Ludwig Brehm als auch von Alfred Brehm.

Novy: Dieser Christian Ludwig Brehm hieß ja nicht umsonst "Der Vogelpastor". Er war Pastor, geboren 1787, gelebt hat er bis 1864. Wie kam dieser Mann dazu, 9.000 Vögel auszustopfen?

Süss: Ja. Es war seine Freude. Er war, kann man sagen, auch im europäischen Maßstab einer der Mitbegründer der modernen wissenschaftlichen Ornithologie. Das war, man kann schon fast nicht mehr sagen, Hobby, obwohl man muss ihm gerecht werden: Er hat auch, was seine seelsorgerische Tätigkeit angeht, Außerordentliches geleistet. Er war ein anerkannter und überaus fleißiger Seelsorger. Und ich frage mich manchmal, wenn ich die Unterlagen durchschaue, ob dieser Mann 26 Stunden pro Tag zur Verfügung hatte.

Novy: Wie kam er vor allem zu den Vögeln? Hat er sie selbst erlegt, wurden sie ihm geliefert? Es war ja damals die große Zeit der Expeditionen auch nach Übersee. Sind da auch exotische Vögel dabei?

Süss: Wenige. Es geht um die heimische Vogelwelt. Er hat selber geschossen.

Novy: Das konnte man ja damals noch.

Süss: Ja, mit Verlaub: Unter heutigen Gesichtspunkten würde der Mann einfach eingesperrt. Damals war das hoch gelobt. Das Tolle an seiner Lebensleistung ist, dass er eben nicht irgendwo einen exotischen Vogel in seine Sammlung aufgenommen hat, sondern er hat Serien gesammelt. Das heißt, wenn wir heute schauen - und ich konnte mir einen Teil der Sammlung kürzlich auch im Original in Bonn anschauen -, er hat Serien gesammelt. Da sind 20, 23, 25 Kuckucke oder 25 Weidenmeisen, und das ist besonders wertvoll, weil man mit der heutigen Population des Kuckucks einfach jetzt mal vergleichen kann: die Färbung des Gefieders, die Größe der Schwingen, die Ausstattung, die Länge der einzelnen Federn, die Schnabellänge und so weiter. Deswegen ist das populationsökologisch - Biodiversität spielt eine Riesenrolle in der biologischen Forschung im Moment -, ist das wichtiges nicht nur Kulturgut, sondern wissenschaftliches Gut.

Novy: Was hat die Sammlung nun mit dem Sohn von Christian Ludwig Brehm, also mit dem berühmten Tiervater Alfred Brehm zu tun? Ist er auch vertreten in Dokumenten?

Süss: Ja. Die Brehm-Gedenkstätte ist ja im Prinzip im Moment zweigeteilt. Das Leben Christian Ludwig Brehms wird gewürdigt und das Leben Alfred Brehms. Und Alfred Brehm hat auch Vogelpräparate sozusagen in diese Sammlung eingebracht. Einige davon werden jetzt gerade oder sind in der Restaurierung begriffen. Aber das Wichtige ist: Alfred Brehm ist ja 1884 leider schon verstorben. Er hatte sich bei seiner ersten Afrika-Reise eine Malaria eingehandelt, die ihn sein Leben lang Probleme bereitet hat. Und er hat vor allen Dingen seinen Vater hoch geehrt und hat auch sein Lebenswerk bewahrt.

Novy: Sie bewahren auch Autografen und Briefe der Brehms auf. Welches Konzept haben Sie sich denn vorgestellt? Wenn Sie die nächsten Jahre diese Gedenkstätte wiederherstellen, wird das doch wahrscheinlich ein bisschen anders aussehen, als das früher war. Naturhistorische Museen von heute sind ja auch völlig anders gemacht als die früheren.

Süss: Ja. Wir sehen zunächst mal ganz klar eine Zweiteilung. Wir haben ja sehr viele historische Möbel aus beiden Brehm-Familien. Und Sie haben es schon angedeutet: Unser absoluter Fundus, den wir haben, sind 2.300 Autografen, und das ist die Korrespondenz beider Brehms mit den Gelehrten ihrer Zeit, aber auch Familienkorrespondenz, und die ist zu einem großen Teil aufgearbeitet, zu einem anderen Teil noch nicht. Und wir haben auch die große Forschungsbibliothek beider Brehms, das sind 13.000 Bände. Wir stellen uns Folgendes vor, wenn das Haus jetzt wieder gesichert ist: Ich habe mal zu einem Journalisten - der hat das gleich als Headline benutzt - gesagt, das Ziel erst mal bei der Restaurierung der Brehm-Gedenkstätte ist es, wenn Alfred zurückkommt, darf er nichts merken. Wir wollen also alles historisch getreu, Bauzeit 1864/65, wieder zeigen. Wir haben auch zum Beispiel den historischen Küchenfußboden wiederentdeckt, oder bestimmte Dinge. Die Restauratoren haben die Farbfassungen der Räume wieder freigelegt, und so werden wir es machen.

Die zweite Sache ist: Wir sind auf dem Wege, eine große Stiftung zu gründen, um auch das historische Pfarrhaus mit in diese Gesamtkonzeption zu bringen und quasi an dem authentischen Ort, wo er 51 Jahre tätig war, der Christian Ludwig Brehm, seine Lebensleistung auch zu zeigen. So sind wir auf dem Wege, quasi beide Häuser zu verklammern, und während der Bauphase kann jeder Besucher kommen und sich unser gesamtes museales Gut anschauen.

Novy: Das war Jochen Süss über die Brehm-Gedenkstätte Renthendorf in Thüringen, wo die Kulturstiftung der Länder die Restaurierung von Vogelpräparaten aus dem frühen 19. Jahrhundert unterstützt. Am Gesamtkonzept sind mehrere Förderinstitutionen beteiligt. Die Stiftung Denkmalschutz hat ein Spenden-Verwahrkonto eingerichtet, zu finden ist das auf der Homepage der Stiftung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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