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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin absurdes Theater mit ernsten Folgen20.08.2021

Erneuter BahnstreikEin absurdes Theater mit ernsten Folgen

GDL-Chef Claus Weselsky spinnt eine Intrige auf offener Bühne, kommentiert Sebastian Engelbrecht. Wen er eigentlich stürzen will, ist nicht das Management, sondern die Widersacher von der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft. Dieses Theater muss ein Ende haben!

Ein Kommentar von Sebastian Engelbrecht

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Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) (picture alliance/dpa/Christoph Soeder)
GDL-Chef Weselsky hat im Tarifkonflikt mit der Bahn neue Streiks im Personenverkehr angekündigt (picture alliance/dpa/Christoph Soeder)
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Gewiss, es bleibt dabei: Claus Weselsky stellt die Diskrepanzen zwischen Managern im sogenannten "Bahn-Tower" und den wirklichen Eisenbahnern ins Licht der Öffentlichkeit. Diskrepanzen zwischen oben und unten, die es in einem Staatsunternehmen nicht geben sollte. Er hat recht mit seiner Schelte.

Züge eines absurden Theaters

Gleichwohl nimmt der Arbeitskampf der GDL bei der Deutschen Bahn jetzt Züge eines absurden Theaters an – eines absurden Theaters, das für viele Bahnkunden allerdings nicht komisch ist.

  (picture alliance/ dpa/ Britta Pedersen) (picture alliance/ dpa/ Britta Pedersen)EVG-Vorsitzender zum Bahnstreik - "Es geht um die Existenz der GdL"
Der Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, Klaus-Dieter Hommel, hat den Streik der konkurrierenden Lokführer-Gewerkschaft GdL als politischen Arbeitskampf bezeichnet. GdL-Chef Weselsky habe sich verzockt.

Die Szenerie sieht so aus: Im Vordergrund ein schnurrbärtiger Lokomotivführer im dunklen Anzug, der in breitestem Dresdner Sächsisch zum Arbeitskampf aufruft. "Den Lumperladen so weiterlaufen lassen? – nicht mit uns", ruft er. Den Bahnvorstand Martin Seiler beschimpft er als "Lügenbaron". Claus Weselsky, der oberste Lokomotivführer der Republik, kämpft für Gerechtigkeit.

So steht es im Drehbuch dieses absurden Theaters, das Claus Weselsky selbst geschrieben hat. Denn er selbst wollte diese Theateraufführung, um den Lokomotivführerkollegen, den Stellwerksmitarbeiterinnen und den Werkstattschlossern bei der Deutschen Bahn vorzuführen, wie unbeugsam, wie heldenhaft er für ihre Sache kämpft.

Zeit, dass Weselsky diese Aufführung schnell beendet

"Wir werden in den Betrieben die Mehrheit haben!", ruft der unbeugsame Weselsky ins Rund des Theaters. Er spinnt eine Intrige auf offener Bühne. Wen er eigentlich stürzen will, ist nicht das Management, sondern die Widersacher von der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, namentlich Klaus-Dieter Hommel, einen diplomatischen Typen mit Gewerkschafternadel am Revers. Ihn will Claus Weselsky in Wahrheit in die Flucht schlagen. Hommels Kompromisse mit den Managern im Bahn-Tower hasst der Mann mit dem Schnurrbart.

Im Hintergrund schiebt sich nun ein neues Bühnenbild in die Kulissen: der Hindukusch, das stolze Gebirge Zentralasiens, das zum größten Teil in Afghanistan liegt. Und spätestens jetzt wird den Zuschauern klar, dass sie sich in einem gänzlich absurden Theater befinden, das Claus Weselsky inszeniert.

Zurück aus dem Theater ins politische Leben: Es wird Zeit, dass Weselsky diese Aufführung schnell beendet. Seine Botschaft ist bei allen angekommen. Bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bahn wie auch bei den Reisenden. Von einem Tarifabschluss sind GDL und Deutsche Bahn nur Millimeter entfernt. Das weiß auch Weselsky. Dieses Land, kurz vor den Wahlen, im Rückzug aus Afghanistan, auch im Alltag auf den Bahnsteigen der Republik, hat wirklich andere, weit ernstere Sorgen als Claus Weselsky.

Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa)Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa) Sebastian Engelbrecht, geboren 1968 in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Berlin und Jerusalem. Promotion an der Universität Leipzig. Er war von 2008 bis 2012 ARD-Hörfunk-Korrespondent in Tel Aviv und anschließend Referent des Intendanten von Deutschlandradio. 2017-2018 unterwegs im In- und Ausland als Dlf-Reporter. Seit 2019 ist Sebastian Engelbrecht Korrespondent im Landesstudio Berlin von Deutschlandradio in Berlin-Mitte.

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