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StartseiteMusikjournalErste Töne12.12.2016

Eröffnung der Barenboim-Said Akademie in BerlinErste Töne

Daniel Barenboim macht es manchmal spannend: Entgegen vorherigen Ansagen wurde letzten Donnerstag bei der Einweihung der Barenboim-Said-Akademie der von Stararchitekt Frank Gehry entworfene Pierre-Boulez-Saal auch akustisch erstmals vorgeführt. Und zwar mit dem Akademie-Orchester unter Leitung von Barenboim selbst.

Von Matthias Nöther

Der Dirigent Daniel Barenboim im noch unbesetzten Pierre-Boulez-Saal der neuen Akademie (picture alliance / dpa  / Klaus-Dietmar Gabbert)
Mitbegründer der neuen Akademie: der Dirigent Daniel Barenboim (picture alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)

Spielen sie oder spielen sie nicht? Die Hauptstadtpresse jedenfalls wurde überrascht, als Daniel Barenboim am Abend der Eröffnung der Barenboim-Said-Akademie auf einmal in den neuen Konzertsaal bat. Dort dirigierte er das Studierendenorchester der Barenboim-Said-Akademie. In einem ausgewählten Satz der "Sinfonia concertante" für Bläser kam eine Klangkultur zu Gehör, die fast schon an Barenboims Staatskapelle erinnerte.

Guter Klang, beeindruckender Bau

Der neue Pierre-Boulez-Saal ist als Kammermusiksaal konzipiert. Insofern war es gut zu hören, dass auch der Klang eines Solocellos in dem Raum ein ähnliches Volumen entfalten kann wie ein Kammerorchester. Ein junger iranisch stämmiger Studierender der Barenboim-Said-Akademie spielte den Solopart in Haydns C-Dur-Cellokonzert.

Das bauliche Ergebnis des architektonischen Entwurfs ist beeindruckend. Frank Gehry hat die Achsen zweier Ellipsen gegeneinander verschoben. Der Eindruck von Schwerelosigkeit des fast rund geformten Kammermusiksaals mit sechshundertzweiundachtzig Plätzen stellt sich tatsächlich ein. Von innen ist das Haus entkernt und hochmodern, von außen handelt es sich bei der Akademie scheinbar immer noch um das neobarocke Fünfziger-Jahre-Magazingebäude der Berliner Staatsoper. Es im Zuge des Staatsopernumbaus selbst zu sanieren, war der eigentliche Plan von Land Berlin und Bund gewesen, doch die Kostenexplosion bei der Staatsoper zwang zu einem Notplan. Freimütig redete Michael Naumann, der Gründungsdirektor der Barenboim-Said-Akademie, bei der feierlichen Eröffnung am Donnerstagabend darüber, wie der Akademie als einer privaten Stiftung das Magazingebäude vom Land Berlin mehr oder weniger überlassen wurde – vermutlich infolge der eigenen Fehlplanung, aber doch eigentlich ohne Not:

"Da ist zunächst einmal unser Vertragspartner, nämlich die Staatsoper Berlin, genauer gesagt die Stiftung Staatsoper Berlin, die uns in einjähriger Verhandlung einen Erbbaupachtvertrag in Höhe von 99 Euro über eine Frist von 99 Jahren jeden Januar 1 Euro zu überweisen zugestanden hat. Das waren sehr harte Verhandlungen, kann ich Ihnen sagen. Aber diese Verhandlungen sind dann durch Notgespräche, so muss man es wohl bezeichnen, mit Klaus Wowereit, der hier doch die maßgebliche politische Kraft war, die dies alles hier ermöglicht hat, schließlich abgeschlossen worden. Also Jürgen Flimm, dieses Gebäude gehört dir – glaubst du. Es gehört aber vor allem dem Generalmusikdirektor, denn der hat auch eine Tür rüber in die Intendanz, dafür haben wir gesorgt."

Beste Studienbedingungen

Daniel Barenboim residiert künftig auf der einen Seite der Wand als Präsident der Barenboim-Said-Akademie und auch auf der anderen als Generalmusikdirektor der Staatsoper gemeinsam mit dem Intendanten Jürgen Flimm. Das viele Steuergeld bleibt also irgendwie in der Familie – das Geld, das durch die Umfunktionierung des Magazingebäudes nun in eine private Musikhochschule für ausschließlich ausländische Studierende fließt. Es kommen noch die vielen Millionen Betriebskosten pro Jahr hinzu, die großzügig aus dem Budget der Kulturstaatsministerin beglichen werden. Und die Stipendienprogramme, die vom Auswärtigen Amt ermöglicht werden. Die Musiker aus den Ländern des Nahen Ostens, die seit Oktober hier studieren, finden so tatsächlich beste Bedingungen vor, um sich auf ihr Studium zu konzentrieren – das bestätigt der junge iranisch stämmige Bratscher Sadra Fayyaz:

"Zum ersten Mal ist in meinem Leben alles besser als ich es zuvor erwartet habe. Es wird für mich gesorgt, wie ich es zuvor niemals erlebt habe. Alles: die Visa, die Bankkonten, die Versicherungen, alles wird individuell geregelt. Wir sind ja auch nur wenige Studenten hier. Die Qualität der Lehrer und des Personals lässt nichts zu wünschen übrig. Es gibt einfach keine Fehler. Es ist ein bisschen wie Daniel Barenboims Leben – er kann alles tun was er will, es gibt keine Einschränkung. Jedenfalls ist es das, was ich von seinem Berufsleben weiß. Und so ist es auch bei unserem Berufsleben hier – ich sehe einfach keine Fehler."

Musiker sollen miteinander ins Gespräch kommen

Dem Gründer Daniel Barenboim ist für seine Studierenden das geisteswissenschaftliche Zusatzangebot wichtig. Bereits in seinem West Eastern Divan Orchestra geht es darum, dass junge Musiker aus Israel und Palästina lernen, informell miteinander ins Gespräch zu kommen. Diese Gesprächsmöglichkeit ist in der Barenboim-Said-Akademie nun institutionalisiert – in Form von Ethikvorlesungen und philosophischer Pflichtlektüre. Daniel Barenboim:

"Eigentlich diese Schule müsste gegründet sein in Tel Aviv, in Damaskus, in Ramallah. In diesen Orten. Aber das geht nicht. Weil die Menschen, die nicht die Fähigkeit haben, zusammenzukommen durch die Musik, haben nicht die Gleichheit, die hier absolut automatisch ist. Das heißt, dieses ganze Projekt ist für mich – das ist sehr subjektiv jetzt – eigentlich ein Projekt im Exil."

Dass die neue Institution dennoch in der Mitte Berlins Wurzeln schlägt, dafür bietet immerhin der Bau die Voraussetzungen. Die sprichwörtliche permanente Unfertigkeit von Berlin ist in Frank Gehrys Foyer kein Klischee, sondern architektonisch ziemlich radikal umgesetzt. An der Decke des hohen Raums sieht man die alten Stahlträger, an den Wänden die stählernen Schiebetüren samt Nummerierung aus DDR-Zeiten. Die Brüstungen der Stockwerke bestehen aus Eisenstangen, und bei dem Holzgerippe, das im obersten Stockwerk als Steg über die Tiefe führt, fragt man sich, ob die Bauarbeiter nicht doch morgen nochmal wiederkommen. Das wird, und das ist durchaus untypisch selbst für ein kleines Bauprojekt in der Hauptstadt, wohl nicht passieren.

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