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StartseiteKultur heuteEröffnungs-Ausgrabung: ''Il figlio delle selve'' von Ignaz Holzbauer bei den Schwetzinger Festspielen02.05.2003

Eröffnungs-Ausgrabung: ''Il figlio delle selve'' von Ignaz Holzbauer bei den Schwetzinger Festspielen

Schwetzingen erinnert sich seiner Theatergeschichte. Der Kurfürst Carl Theodor zu Mannheim, der Mitte des 18. Jahrhunderts in seiner Sommerfrische das bis heute bespielte Theaterscheune erbauen ließ, beauftragte den soeben im benachbarten Stuttgart tätig gewordenen Ignaz Holzbauer, einen recht lustigen musikalischen Holzhackersbubn aus Österreich, mit einer Arbeit für die Einweihung. Die fand – vor ziemlich genau 250 Jahren – im Juni 1753 statt. Nun kehrte die Begleitmusik der einstigen Innovativen wieder:

Von Frieder Reininghaus

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"Il figlio delle selve" – Ferindo, der "Sohn der Wälder" ist ein älterer Stiefbruder des Siegfried von Richard Wagner. Er lebt keineswegs freiwillig in der Wildnis. Ein Putsch hatte seinen Vater, den König von Lesbos, zur Flucht aus Mytiline gezwungen. Doch sein Schiffchen scheiterte im Sturm und zerschellte am Westkap der Insel. Im unwegsamen Dickicht dort – die Mutter Arsinda kam abhanden – hausten Vater und Sohn dann wenigstens fünfzehn Jahre. Dann aber kam Elmira, die Tochter des inzwischen gestorbenen Diktators, auf die Idee, Jagd auf die beiden "Wilden" zu machen. Erfolgreich – Ferindo verliebte sich in sie. Zuvor schon hatte eine von der Jagdgesellschaft versprengte Hofdame, die zufällig auf den Waldprinzen gestoßen war, diesem reinen Toren erklärt, was Liebe sei. Mit Begriffen und Handgriffen.

Der Verbindung zwischen der Tochter des Usurpators und dem legitimen Thronerben stellen sich freilich mancherlei Hindernisse in den Weg. Zuerst wendet sich die annäherungswillige Machthaberin vom Objekt ihrer Begierde ab, weil der in der Wildnis lebende Ferindo offensichtlich noch nicht mit dem Gebrauch der Zahnbürste vertraut ist. Dann sorgen die Intrigen der Eltern für Turbulenz – Elmiras Jagdgesell entpuppt sich, damit das Kammerspiel sich komplettiert, als die verkleidet am lesbischen Hofe lebende Mutter, die auf Gelegenheit zur Rache und zur Wiedererlangung des Throns lauert. Die schwankenden Stimmungen bringt Anna Korondi ebenso wie die Koloraturen und Kadenzen vorzüglich zur Geltung – überhaupt wird bei der Auftakt-Produktion der Schwetzinger Festspiele insgesamt sehr kompetent gesungen.

Mitte des 18. Jahrhunderts mag die Märchen-Story vom Kaspar Hauser des antiken Lesbos von erheblichen Unterhaltungswert gehabt haben. Der ist inzwischen gesunken. Man lauscht auf die feineren Reize der Musik, die freilich gegenüber denen der Oper Jomellis, Salieris, Martín y Solers oder gar Mozarts zurückbleiben, aber immerhin einen ansprechenden und charmanten Abend eröffnet. Der Dramaturg Klaus-Peter Kehr hat das Libretto um heutiger Publikumswirksamkeit willen gestrafft und bearbeitet; der Dirigent Christoph Spering arrangierte die Musik und komponierte Gesangskadenzen hinzu. Das von ihm administrierte L'Orfeo Barockorchester wirkt wie Rohkost.

Als Fundament dient der Produktion eine nach hinten ansteigende Lukenlandschaft von Roland Aeschlimann, die mit lateinischen Sinnsprüchen gewürzt wurde und die sich sogar zu kräftigem Wellengang erheben kann, die dann von einem veritablen Wellenkamm gekrönt wird. In diesem von Lesbos, der fiktiven Antike und dem stilbildenden 18. Jahrhundert weit abstrahierenden Ambiente entfaltet der Regisseur Georges Delnon betulichen Humor – frei ab sechs Jahren. Und das bei einem erotisch brisanten Stück aus der Ära de Laclos und de Sades.

Ganz offensichtlich verdankt sich die Reaktivierung von "Il figlio delle selve" den Umständen seiner Entstehung für die heute so preziöse Immobile in Nordbaden. Das Radio braucht eine Menge Material für seine "Musikstrecken" – und der SüdwestRundfunk als Veranstalter des Schwetzinger Festivals nutzte die Präsentation des zwischen den Gattungen changierenden Holzbauer-Stücks für musikalische Heimatkunde. Das erscheint volkspädagogisch vertretbar, rechtfertigt dann aber nicht unbedingt Eintrittspreise von 130 Euro für eine in der musikalischen Substanz recht magere Sache. Zu lernen war am Ende durchaus. Und zwar: Dass wir die Zähne putzen sollen, bevor wir auf die erotische Jagd gehen.

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