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StartseiteKultur heuteSportler sollen Wald wachsen lassen06.08.2016

Eröffnungsfeier der Olympischen SpieleSportler sollen Wald wachsen lassen

Regisseur Fernando Meirelles garnierte den Start der Olympischen Spiele in Rio mit einem okologischen Statement. Alle Sportler, die ins Maracana-Stadion einzogen, bekamen einen Baum-Setzling in die Hand gedrückt. Daraus soll im Stadtteil Deodoro ein Wald wachsen.

Von Michael Laages

Einzug des brasilianischen Olympia-Teams: Yane Marques trägt die brasilianische Flagge ins Maracana Stadion in Rio de Janeiro. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Einzug des brasilianischen Olympia-Teams: Yane Marques trägt die brasilianische Flagge ins Maracana Stadion in Rio de Janeiro. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
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So bunt und eindrucksvoll das Farben- und Formenmeer geriet, so tiefschwarz war der Abend für Brasiliens Interimspräsident Michel Temer. Erst kursierte das Gerücht, das IOC habe den, so sagen seine Gegner, "Putschpräsidenten" nicht als Eröffnungsredner akzeptiert – das stimmte.

Temer wurde sogar in der Vorstellung der Ehrengäste schlicht ignoriert, später auch vom IOC-Präsidenten Thomas Bach in dessen Eröffnungsrede nicht erwähnt. Obendrein habe das IOC die immer noch legitime und gewählte, nur derzeit in einer windigen "Impeachment"-Kampagne auf Zeit suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff aufs Podium geladen – von ihr war aber nichts zu sehen. Dann durfte Temer, nachdem er selbst der eigenen brasilianischen Olympiamannschaft eher desinteressiert zugeklatscht hatte, doch noch zehn Sekunden lang die Spiele eröffnen – ein Buh-Orkan war die Antwort.

Ganz schön viel Ohrfeigen auf einmal waren das für den ungeliebten Übergangspräsidenten, der selber im Focus der Korruptionsermittler steht ... - das blieb dann allerdings auch der einzige tiefdunkle Fleck auf einer ziemlich besonderen Feier.

Tatsächlich ganz anders als beim Promi- und Kommerz-Spektakel von London nahm der Auftakt in Rio, inszeniert vom immerhin schon mal oscar-nominierten Kino-Regisseur Fernando Meirelles, eine verblüffend andere Richtung. Nach der mit nie gesehenen Video-Effekten aufgeladenen Spurensuche in der Entwicklungsgeschichte von Land und Sub-Kontinent ging die Show zielstrebig auf eine tiefgrüne Demonstration zu – mit Bäumen, die aus Olympias Erde nachhaltig in den Himmel wachsen sollen.

Olympische Ringe aus Setzlingen

Jeder Sportler, jede Sportlerin erhielt beim Einmarsch ins Maracana-Stadion einen Baum-Setzling in die Hand gedrückt, und der wiederum wurde gleich in Erde gepflanzt. Aus den Pflanz-Kästen formten sich zum Ende hin die olympischen Ringe in Waldgrün. In Rios Stadtteil Deodoro, weitab von den schicken Stränden, soll aus den Setzlingen ein Wald entstehen.

Grüner Kitsch? Tja ... mag sein. In einem Land, das Umweltschutz und Nachhaltigkeit erst entdecken und entwickeln muss, war das schon ein ziemlich spezielles Statement.

Meirelles hatte zuvor grenzenlos-virtuelle Welten kreiert. Aus Video und Animation. Aus einer innenraumgroßen Stadt-Karte krabbelten Einzeller und Wassertiere hervor, filigrane Konstruktionen, von Menschenhand betrieben. Die Menschen begannen, aus lianenartigem Material luftig-leichte Hütten zu bauen. Auf Schiffsrümpfen tauchten die Kolonisatoren auf – und als bleibendes Bild der ganzen Show wuchs an einem Ende der Arena eine komplette Favela empor. Auf und mit ihr erreichte die optisch unerhört attraktive Lehr-Schau über ein Land im radikalen Wandel dann die nötige Feten- und Feier- und Karnevalsstimmung – um doie dann rabiat umzukippen in die Öko-Warner-Pose. Mit Infos über Umweltzerstörung und Klimawandel, mit Land-unter-Visionen für Amsterdam, Shanghai oder eben Rio de Janeiro.

"Wenn das Eis abschmilzt, dann steigt der Meeresspiegel ... eine Riesen-Herausforderung für die Städte am Meer!"

5000 Menschen im Einsatz, in mal exakten und akkuraten, mal wild durcheinander wirbelnden Choreographien von Debra Colker: Das war auch ohne Prominenz ein ästhetisch starker Start. Nur Top-Modell Gisele Bündchen stolzierte einmal quer durchs Stadion. Gehen kann sie ja.

Nach dem Einzug der Mannschaften dann die Reden und der Eklat um den Präsidenten, dann eine spezielle Ehrung für den kenianische Ex-Olympioniken und Sport-Pädagogen Kipchoge Keino, danach tatsächlich auch eine kleine Parade von Samba-Schulen und Karnevals-Gesellschaften; mit Musik dazu von Caetano Veloso, Gilberto Gil und der Pop-Sirene Anita – gerade diese Show-Teile aber blieben extrem zurückhaltend. Wie schon zu Beginn Brasiliens Hymne: ohne Pauken und Trompeten, sondern nur mit Gitarre intoniert von der Samba-Legende Paulinho da Viola.

Alle Probleme bleiben in der gebeutelten Stadt, im zerrissenen Land – aber für eine Nacht hat sich Rio gerade in aller Bescheidenheit als Welthauptstadt des Sports bewährt. Für gut zwei Wochen jedenfalls.

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