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StartseiteKultur heuteErst schießen, dann reden11.11.2008

Erst schießen, dann reden

Die Künstlerin Suzanne Treister untersucht die Sprachlosigkeit in Krisensituationen

Über die Frage, wie Kriege entstehen, gibt es bis heute keine Einigkeit. Jeder wissenschaftliche Ansatz versagt, wenn er begründen soll, warum sich Menschen aus abstrakten Gründen wie Ruhm, Ehre, Vaterland, Religion planvoll umbringen - statt beispielsweise miteinander zu reden. Was die Forschung nicht schafft, das gelingt vielleicht der Kunst - mag sich die britische Künstlerin Suzanne Treister gedacht haben. Also suchte sie nach eigenen Erklärungen.

Von Rolf Clement

Wie entstehen Kriege? - Soldat im Ersten Weltkrieg. (AP-Archiv)
Wie entstehen Kriege? - Soldat im Ersten Weltkrieg. (AP-Archiv)
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Feldpostbriefe - Lettres de poilus

In der Galerie Juda nahe der Londoner New-Bond-Street sind 324 leere Briefbögen - gerahmt - zu sehen. Suzanne Treister hat originalgetreue Adressen in die Kopfzeilen gezeichnet: Das Weiße Haus in Washington findet sich da, Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Regierung Afghanistans, das Rote Kreuz, Che Guevara - Institutionen, Regierungsvertreter, Hilfsorganisationen, Einzelpersonen. Von Afghanistan bis Zimbabwe nennt die in London lebende Künstlerin das Werk. Alle so ausgewiesene Absender haben eines gemeinsam: Sie sind in irgendeiner Form an gegenwärtigen oder vergangenen Konflikten beteiligt. Was dort geschrieben wird, ist nicht ihre Sache:

" Die Idee war, sich eine hochhypothetische Korrespondenz unter all denen vorzustellen, die kontrollieren, was passiert. Nun sollen all diejenigen, die das konkret betrifft, was da geschrieben wird, in einer höheren Form lesen können. Wenn ich diese Kopfbögen alle reproduziert habe und sie dann aufgereiht sind wie in einem Schreibwarengeschäft, dann sind sie erreichbar, und die Menschen können Geschichte neu schreiben."

Geschichte selbst schreiben, sagt sie. Leere Briefbögen: Da findet Kommunikation unter denen, die kommunizieren müssten, nicht statt, jedenfalls keine, die erkennbar ist. Werden Konflikte in Afghanistan und Zimbabwe auch durch fehlende Kommunikation provoziert und verlängert? Die Künstlerin thematisiert so eindrucksvoll das Gefühl: Da ist doch noch etwas, etwas, was keiner sagt, keiner weiß. Suzanne Treister sucht nach dem Stein der Weisen. In London, aber auch in einer seit Freitag in der Frankfurter Galerie Lorenz gezeigten Ausstellung, bearbeitet sie dieses Thema in alchemistischen Zeichnungen. Sie hat Titelseiten renommierter Tageszeitungen in ihre Zeichnungen übertragen, so dass die Inhalte, die Schlagzeilen, nun neu zu lesen sind. Suzanne Treister:

" Es bringt eine Sprache in die andere, es bringt ein System in das andere. Alle Beziehungen, die sich an einem Tag in der Welt ereignen, werden in ein System des 17. Jahrhunderts gebracht, was dann deren Bedeutung verändert."

Will sie die Gegenwart mystifizieren? Will sie die Ohnmacht des einzelnen in politischen Fragen ausdrücken? Sie sucht nach dem Mittel, jenes auszuforschen, was politisch nicht erkennbar ist. Suzanne Treister hat fiktive Pläne für Waffensysteme an die Wand der Londoner Galerie gezeichnet, sie hat Politikerinnen und Politiker gezeichnet, die in Kriegen eine Rolle spielten. Wie kommt die 1958 geborene Künstlerin zu diesem Thema, zu diesen Ausdrucksformen? Ihre Familie hat sie geprägt:

"Mein Vater ist aus Polen und kam durch den Krieg nach London. Hier baute er eine Verteidigungsfirma auf. Als ich dann ein Teenager wurde, regte mich diese Art der Beschäftigung meines Vaters auf. Ich war daher immer an den Beziehungen zwischen Militärischem, dem Krieg und dem täglichen Leben interessiert. "

Es ist eine beeindruckende Form der Auseinandersetzung mit unseren politischen Verhältnissen. Suzanne Treister fordert zum Nachdenken auf:

"Ich würde nicht sagen, dass ich der Öffentlichkeit etwas erzählen will. Es geht darum, die verschiedenen Beziehungen, Gegenstände und Komplexitäten zu erforschen. Es ist alles nicht so einfach. "

Die leeren Briefbögen und die verschlüsselten Titelseiten von Zeitungen dokumentieren eine Sprachlosigkeit der Krisenakteure - oder zumindest unterschiedliche Sprachebenen. Kunst ist eine Form der Kommunikation. Suzanne Treister zeigt, dass fehlende Kommunikation ein wesentliches Element bei der Entstehung und der schwierigen Lösung von Krisen ist. Sie forscht nach Hintergründen, Ursachen, die über das allgemeine, politisch diskutierte hinausgehen. Sie kommuniziert die fehlende Kommunikation.

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