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StartseiteKalenderblattErst Trotzkist, dann Republikaner22.11.2005

Erst Trotzkist, dann Republikaner

Der Soziologe und Theoretiker James Burnham würde heute 100 Jahre alt

"1984" von George Orwell gehört zur Weltliteratur. Dass James Burnhams Bestseller "Regime der Manager" Orwell inspirierte, ist weniger bekannt. James Burnham gehört zu den wahrhaft schillernden Figuren der amerikanischen Konservativen. Vom engagierten Trotzkisten und Mitbegründer der "Socialist Workers Party" wandelte er sich zum politisch oft unkorrekten Chefideologen der Republikaner.

Von Barbara Jentzsch

In der neokonservativen Ära Bush ist James Burnham wieder "up to date".  (AP)
In der neokonservativen Ära Bush ist James Burnham wieder "up to date". (AP)

Wenn James Burnham seinen 100. Geburtstag noch erlebt hätte, dann wüssten seine Bewunderer im Weißen Haus nicht, wie sie ihn heute noch würdigen könnten, denn die Freiheitsmedaille - die höchste Ehre, die ein US Präsident zu vergeben hat - erhielt Burnham bereits von Ronald Reagan. In der Inschrift hieß es damals:

"Als Gelehrter, Schriftsteller, Historiker und Philosoph hat James Burnham maßgeblich mitbestimmt, wie Amerika sich und die Welt betrachtet. Seit Beginn der dreißiger Jahre hat Mr. Burnham das Denken führender Weltpolitiker beeinflusst. Seine Beobachtungen haben die Gesellschaft verändert, und seine Schriften haben der Menschheit bei der Suche nach der Wahrheit als leuchtendes Beispiel gedient."

James Burnham war zeitlebens eine "schillernde Persönlichkeit". In den dreißiger Jahren ein bekennender Marxist. Zwiespältig dann seine Haltung gegenüber dem Kommunistenjäger Joe McCarthy. Offen rassistisch in der Bürgerrechtsfrage. Doch Ronald Reagan nahm den komplexen, latent politisch unkorrekten Renegaten James Burnham nur aus der rechten Perspektive wahr: als passionierten Cheftheoretiker der konservativen Bewegung, engagierten Kalten Krieger, CIA-Mitarbeiter und gefeierten Autor soziologischer, antikommunistischer und antiliberaler Schriften wie "Der Selbstmord des Westens". Konservative Kritiker schrieben 1964:

"Die Welt hat nach diesem Buch gelechzt. Es ist für den Westen mehr Wert als das Bruttosozialprodukt dieses Jahres. Mehr als all die Flugzeuge und Bomben, die gebaut wurden."

James Burnham wurde am 22. November 1905 in Chicago geboren. Sein aus England eingewanderter Vater hatte es vom Eisenbahnangestellten zum Eisenbahnbesitzer gebracht und ermöglichte dem hochbegabten Sohn das Philosophiestudium in Princeton und Oxford. Von 1929 bis 1953 lehrte Burnham an der New York University. Er machte als Autor und Herausgeber des literatur- und philosophiekritischen Magazins "Symposium" von sich reden, bevor er sich in den Jahren der großen Depression den Trotzkisten anschloss und 1934 die "Socialist Workers Party" (SWP) mitbegründete. Als Trotzki 1939 den Hitler-Stalin-Nichtangriffspakt billigte, erklärte Burnham seinen Austritt aus der SWP. Ernüchtert schrieb er 1941 das Buch, das ihm Weltruhm brachte und für George Orwells "1984" Pate stand: "The Managerial Revolution" - im Deutschen erschienen als "Das Regime der Manager". Mit der kapitalistischen Gesellschaft gehe es zwar zu Ende, lautete Burnhams Hauptthese, aber nachfolgen werde ihr nicht die prognostizierte sozialistische Welt, sondern eine neue, auf Kollektiveigentum basierende Ausbeutergesellschaft der Manager. Geradezu hellseherisch sagte Burnham Amerikas Rolle in der Nachkriegszeit voraus:

"Die USA bilden den Kern einer der großen zukünftigen Supermächte. Von ihrer kontinentalen Basis aus sind sie dazu berufen, in der Auseinandersetzung mit den anderen Supermächten die Weltmacht zu erringen."

Die den Managern folgenden Bücher zementierten Burnhams Ruf als glühender Vorkämpfer des Antikommunismus. Kein Wunder, dass der Geheimdienst CIA anklopfte, als es 1950 darum ging, Amerikas liberale Anti-Stalinisten und Europas linke Intellektuelle für den Westen zu gewinnen. James Burnham gehörte zu den Gründungsmitgliedern des "Congress for Cultural Freedom", der erst 1967 von der New York Times als CIA-gesteuert entlarvt wurde.

Zu diesem Zeitpunkt saß Burnham schon 12 Jahre in der Chefetage des konservativen Leitorgans "National Review". In seiner wöchentlichen Kolumne empfahl er unter anderem, schwarzen Amerikanern nicht das Stimmrecht zu geben, an den Schulen die Rassentrennung beizubehalten, die Kontrolle über den Panamakanal aufzugeben und auf Vietnam die Atombombe zu werfen.

"Wir sollten auch biologische und chemische Waffen einsetzen. Ratsam wäre es, Nord Vietnams Reisernte zu vernichten, und um die südvietnamesischen Dörfer vom Vietcong zu säubern, wäre ein Betäubungsgas ideal."

James Burnham ist nicht leicht einzuordnen. Er gehörte weder zur traditionellen Rechten noch zu den Neokonservativen, doch beide Seiten beanspruchen ihn heute für sich. Die Ära Bush scheint den Boden für eine Burnham-Renaissance bereitet zu haben: die jahrelang vergriffenen Bücher des konservativen Chefideologen werden jetzt neu aufgelegt.

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