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StartseiteKalenderblattErstaunlich hässliche und gleichzeitig anziehende Skulpturen25.12.2011

Erstaunlich hässliche und gleichzeitig anziehende Skulpturen

Vor 100 Jahren wurde die Bildhauerin und Malerin Louise Bourgeois geboren

Louise Bourgeois ist nicht nur eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Im Alter von 70 Jahren erlebte sie ihren internationalen Durchbruch, noch im Alter von 80 schuf sie neue Werkgruppen. Am 25. Dezember 1911 wurde sie geboren.

Von Carmela Thiele

Die "Maman" betitelte Skulptur einer Riesenspinne der Künstlerin Louis Bourgeois vor der Nationalgallerie in Ottawa, Kanada. (AP Archiv)
Die "Maman" betitelte Skulptur einer Riesenspinne der Künstlerin Louis Bourgeois vor der Nationalgallerie in Ottawa, Kanada. (AP Archiv)

Louise Bourgeois besingt "le murmure", das Murmeln des strömenden Wassers. Die Bildhauerin, am 25. Dezember 1911 in Paris geboren, wuchs in Choisy-le-Roi an der Bièvre auf. Die Erinnerungen an ihre Kindheit haben sie ein Leben lang begleitet. Bereits im Alter von elf Jahren half sie ihrer Mutter bei der Restaurierung von Tapisserien. Dass sie einmal eine bedeutende Künstlerin werden würde, die im Museum of Modern Art, in der Tate Gallery und im Centre Pompidou ausstellt, auf der Documenta und der Biennale von Venedig, konnte sie damals noch nicht ahnen. Sehr viel später, 1993, entwarf Louise Bourgeois die erste Skulptur in Form einer Spinne – eine Hommage an ihre Mutter.

"Die Spinnen sind meine neuesten Arbeiten. Inzwischen besitzen alle möglichen Museen meine Spinnen. Aus irgendwelchen Gründen habe ich da einen bestimmten Punkt bei vielen Menschen zum Klingen gebracht. Für mich ist die Spinne eine Metapher für meine Mutter. Als Frau lebte sie bewusst und zeigte ihre Gefühle nicht. Letztendlich verkörperte sie genau die Persönlichkeit, zu der ich es nie bringen werde. Sie ist mein Ideal."

Die Innenschau spielte in vielen ihrer Arbeiten eine wichtige Rolle, etwa in der höhlenartigen Installation "The Destruction of my Father" – "Die Zerstörung meines Vaters" - aus dem Jahre 1974. Der Familienpatriarch hatte zehn Jahre lang seine junge Geliebte als Englischlehrerin für seine Tochter Louise in der Familie installiert - für die Künstlerin die zentrale traumatische Erfahrung ihres Lebens.

Aber es gab auch andere Einflüsse auf ihr Werk. Als junge Frau studierte sie in Paris Mathematik und Philosophie, dann Kunst und Kunstgeschichte. Sie arbeitete in den Ateliers von Fernand Léger und anderen Künstlern. 1938 verkaufte sie für kurze Zeit in einer eigenen Galerie Werke von Delacroix, Matisse und Bonnard. Dort begegnete ihr der Kunsthistoriker Robert Goldwater, mit dem sie nach Amerika ging und eine Familie gründete.

Langsam etablierte sie sich in New York als Künstlerin. Ihre ersten, aus Holz geschnitzten Skulpturen, die "Personnages", zeigten Anklänge an die primitive Kunst. Frühe Zeichnungen kommentierten den Surrealismus, das Werk der Überväter Marcel Duchamp und André Breton, die sie beide persönlich kannte. In den 1960er-Jahren experimentierte sie mit organischen Formen, arbeitete mit Gips, Latex, Gummi und wurde aufgrund der sexuellen Thematik vieler ihrer Werke zur Symbolfigur der feministischen Kunstszene. Die bis heute einflussreiche Kuratorin Lucy Lippard über ihre erst Begegnung mit Werken von Louise Bourgeois 1964:

"Die Skulpturen waren erstaunlich hässlich und gleichzeitig sehr anziehend. Ich war überrascht von einer Künstlerin der älteren Generation, deren Arbeiten so frisch und kraftvoll wirkten."

Je älter sie wurde, desto unabhängiger und innovativer wurde ihr Werk. 1980 erwarb Louise Bourgeois ein Haus in Brooklyn als Atelier, eine ehemalige Spinnerei, in der sie ihren Kosmos immer mehr verdichtete. Dort entstanden auch ihre berühmten "Cells" aus den 1990er-Jahren, inszenierte Räume, in denen metaphorisch aufgeladene Objekte auf skulpturale Formen trafen. In einem Interview betonte die alte Dame, die 98 Jahre alt wurde, dass sie stets für sich gearbeitet habe, nicht für das Publikum oder den Kunstmarkt:

"Ich glaube, dass man sich vervollkommnet. Ich glaube, dass jede Arbeit, die man macht, um sich selbst zu erkennen, eine sehr sinnvolle Investition ist. Von Tag zu Tag lernt man sich dann mehr kennen. Und wenn die Reise zu Ende ist und wir bereit sind, in eine andere Welt hinüberzugehen, dann stehen wir an dem besten Punkt, den wir je erreichen, zu dem wir überhaupt gelangen konnten. So folgt meine Lebensphilosophie der positiven Idee, sich selbst in diesem Dasein zu vervollkommnen. Dazu haben wir die Zeit, die wir auf diesem Planeten verbringen. Das ist alles, was ich dazu sagen kann."

Ausstellungstipp:
Bis 8.1. Louise Bourgeois, Fondation Beyeler

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