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StartseiteKalenderblattErste deutsche Zeitung in der amerikanischen Zone01.08.2005

Erste deutsche Zeitung in der amerikanischen Zone

Vor 60 Jahren erscheint die "Frankfurter Riundschau"

Nach dem zweiten Weltkrieg wollten die alliierten Siegermächte ein neues Zeitungswesen in Deutschland etablieren. Aber wie führt man per Militärbefehl eine neue Presselandschaft ein? Die amerikanischen Besatzer versuchten, ihre Version der Pressefreiheit auf das zerstörte Deutschland zu übertragen. Ein Beispiel dafür ist die Frankfurter Rundschau: Vor 60 Jahren erschien sie erstmals im amerikanischen Sektor.

Von Ingo Kottkamp

 Vor 60 Jahren erschien die erste "Frankfurter Rundschau" (AP)
Vor 60 Jahren erschien die erste "Frankfurter Rundschau" (AP)

" The Conference of Berlin laid down its specific political and economic principles under which Germany will be governed by the occupying powers. They seek to rebuild German democracy by the control of German education, by reorganising local government and the judiciary, by encouraging free speech, free press, freedom of religion and the right of labour to organise. "

Ein von Grund auf anderes Deutschland, eine komplett neu errichtete Demokratie stellte US-Präsident Harry Truman nach der Potsdamer Konferenz in Aussicht. Für die Presse hieß das nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Mediengleichschaltung zunächst die völlige Einstellung aller bisherigen Publikationen. Keine Zeile durfte ohne die Zustimmung der PWD, der Psychological Warfare Division gedruckt werden. An die Stelle der alten Blätter traten viele bis heute renommierte Zeitungen wie die Süddeutsche, der Tagesspiegel oder die Stuttgarter Zeitung. Die erste Lizenz im amerikanischen Sektor aber erhielt am 1. August 1945 die Frankfurter Rundschau. Einer der sieben Gründungsredakteure, der Kommunist Emil Carlebach, war gerade erst dem Konzentrationslager Buchenwald entkommen:

"Diese Presseoffiziere hatten einen ähnlichen Standpunkt wie wir, und sie hatten eine Direktive von Eisenhower, dem Oberbefehlshaber, dass es keine Parteizeitungen geben sollte, sondern Zeitungen von Gremien, in denen alle Richtungen des Antifaschismus vertreten seien. Das entsprach genau dem, was dann in der Frankfurter Rundschau begonnen wurde."

Dieser Anspruch war nicht immer leicht einzulösen – gerade in ländlichen Regionen gab es einfach zu wenige ausgewiesene Gegner des Nazi-Regimes mit journalistischer Erfahrung. Da war die Frankfurter Rundschau mit ihrem Kollegium aus Sozialdemokraten, Kommunisten und dem zentrumsnahen Linkskatholiken Wihelm Gerst vergleichsweise facettenreich ausgestattet – doch auch hier hielten sich die Möglichkeiten einer wirklichen politischen Debatte in Grenzen. Waren erst einmal die vorgeschriebenen Meldungen der amerikanischen Nachrichtenagentur abgedruckt, so blieb aufgrund der Papierknappheit nur wenig Raum für weitere Kommentare. Mit diesem Problem hatten übrigens alle vier Besatzungszonen zu kämpfen. Der damalige Redakteur Erich Loest erinnert sich:

" Die Zeitung erschien mit vier Seiten, normalerweise, am Sonntag mit sechs, mal auch mit acht, aber mal auch mit zwei Seiten, also ein Blatt hinten und vorne klein bedruckt, das war dann die Leipziger Volkszeitung. "

Ein Blick in den Lokalteil der damaligen Frankfurter Rundschau zeigt auch, dass vielen Lesern damals nicht der Sinn nach politischen Debatten stand: 35 Wärmestuben im Stadtgebiet – Die unterernährten Schulkinder – Großrazzia gegen Schwarzhandel: So lauteten die Schlagzeilen in der vom Krieg gebeutelten Stadt. Aber noch etwas anderes verhinderte die freien Meinungsäußerung aller gegen den Nationalsozialismus eingestellten Kräfte: der wütende bis neurotische Kommunistenhass der McCarthy-Ära. Wilhelm Gerst, der immer für die Zusammenarbeit auch mit den Kommunisten eingetreten war, wurde nach einem Jahr von seinem Redaktionsposten abgesetzt.

1947 waren dann alle Kommunisten aus den Lizenzredaktionen wieder verschwunden, unter ihnen auch Carlebach. Diese Linie erstreckte sich nicht nur auf die Personalpolitik. Die amerikanischen Besatzer wandten sich auch gegen in der Frankfurter Rundschau angestellte Überlegungen, die Zeitung als gemeinnützige Stiftung zu finanzieren, und beharrten für die Zeit nach den Lizenzierungen auf dem Modell des privatwirtschaftlichen Zeitungsunternehmens.

" Die Offiziere; die am Anfang da waren, die die Nazis noch genascht hatten, die die KZs gesehen hatten, die den Krieg erlebt hatten, die wurden ausgewechselt, und allmählich merkten wir auch, dass da zwei Richtungen der Amerikaner gegeneinander arbeiteten, zunächst über unseren Kopf hinweg und dann auf unserem Buckel, mit einem Wort gesagt, um es zu personifizieren, was natürlich eine Vereinfachung ist, die Trumanlinie gegen die Rooseveltlinie."

1949 wurde das Lizenzsystem dann abgeschafft; wer jetzt eine Zeitung gründen wollte, konnte es ohne den Segen der Amerikaner tun. Doch die vier Jahre dieser Lizenzpolitik prägen bis heute die regionale Verteilung und die verlegerische Struktur der Zeitungen. Gerade ihre jetzige Bedrohung durch Einsparungen, Konzentrationsprozesse und regionale Monopole weckt die Erinnerung an die Zeit, in der sie entstanden: die Stunde Null der Nachkriegspresse.

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