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StartseiteKalenderblattErste Frau an der Spitze des UN-Bevölkerungsfonds18.08.2004

Erste Frau an der Spitze des UN-Bevölkerungsfonds

Vor 75 Jahren wird die Ärztin und Politikerin Nafis Sadik geboren

Das grosse Wunder in ihrem Leben, so Nafis Sadik, war ihr Vater. Der spätere pakistanische Finanzminister und Vizepräsident der Weltbank hatte nichts dagegen, dass seine älteste Tochter Medizin studierte - als erstes Mädchen der gut muslimischen Familie. Kein Wunder hingegen war es für Nafis Sadik, dass der sechsmilliardste Erdenbürger erst am 12. Oktober 1999 und nicht schon ein Jahr zuvor das Licht der Welt erblickte. Das wertete die erste Frau an der Spitze des UN-Bevölkerungsfonds eher als Beweis, dass ihr dreissigjähriger zäher Kampf um Geburtenkontrolle Früchte trug.

Von Ruth Fühner

Nafis Sadik, Exekutivdirektorin des UN-Bevölkerungsfonds bis 1999, Aufnahme von 1997 (AP Archiv)
Nafis Sadik, Exekutivdirektorin des UN-Bevölkerungsfonds bis 1999, Aufnahme von 1997 (AP Archiv)

Sichtbarer Höhepunkt dieses Kampfes war die Kairoer Weltbevölkerungskonferenz 1994. Als deren Generalsekretärin richtete Nafis Sadik ihre flammenden Appelle und düsteren Prognosen nicht nur an die Entwicklungsländer, an islamische Mullahs und den Papst, sondern auch an die Ressourcen verschwendenden Industriestaaten.

Es herrscht Trinkwassermangel, ... wenn die Entwicklungsländer so viel Ressourcen verbrauchten wie die Industrieländer, müssten in 50 Jahren 80% urbar gemacht werden.

Nafis Sadiks berufliche Karriere begann in den sechziger Jahren in einem pakistanischen Militärlazarett. Als Zivilärztin für die Frauen der Provinz stieß sie schnell auf den Zusammenhang zwischen Krankheit, Armut und häufigen Schwangerschaften. Ihr militärischer Vorgesetzter, den sie mit der Forderung nach Verhütungsmitteln konfrontierte, war zunächst schockiert. Doch bald zog Nafis Sadik mit Kondomen über die Dörfer und sprach öffentlich über Familienplanung. Um ihr Wissen zu vertiefen, ging sie nach Amerika, studierte an der Johns Hopkins-Universität öffentliche Gesundheitsplanung und baute, wieder in Pakistan, das erste staatliche Familienplanungsprogamm auf - nicht ohne immer wieder seine Vereinbarkeit mit der Scharia, der islamischen Rechtsordnung zu betonen. 1971 wurde sie als Beraterin und schließlich Exekutivdirektorin des UN-Bevölkerungsfonds berufen. Geburtenkontrolle, so das Credo von Nafis Sadik, ist unlösbar verknüpft mit einer Stärkung der Frauenrechte. Soziale Sicherheit, Bildung und Mitspracherecht der Betroffenen waren daher für die Mutter dreier eigener und zweier adoptierter Kinder zentrale Forderungen - auch und gerade für Jugendliche.

Teenager sagen, dass sie Schwierigkeiten haben, mit ihren Eltern über Sexualität zu reden, und umgekehrt - die Information sollte also von einem unabhängigen Dritten kommen und sie sollte Aufklärung sein, nicht moralische Ermahnung. In Bezug auf jugendlichen Sex müssen wir untersuchen, was die Jugendlichen selber wollen.

Als sie 1999 den Vorsitz des UN-Bevölkerungsprogramms abgab, zog Nafis Sadik eine durchaus gemischte Bilanz. Verfolgten zu Beginn ihrer Karriere nur fünf Länder ein Bevölkerungsprogramm, war diese Zahl auf 135 gestiegen; Verhütungsmittel, vorher fast unzugänglich, waren weit verbreitet, die Zahl der Kinder pro Frau von mehr als sechs auf drei zurückgegangen. Doch ausgerechnet ihre Heimat Pakistan verzeichnete die dritthöchste Geburtenrate in Südasien, in vielen Staaten Afrikas und Zentralamerikas, so Nafis Sadik, konnten Frauen noch immer nur davon träumen, sich vor ungewollten Schwangerschaften zu schützen. Währenddessen hielten reiche Länder wie die Bundesrepublik, die sich in Kairo zur Unterstützung des UN-Bevölkerungsfonds verpflichtet hatten, ihre Versprechen nicht ein. Dabei ist Nafis Sadik überzeugt, läge es in deren eigenem Interesse, den weltweiten sozialen Frieden durch Entwicklungs- und Bevölkerungspolitik zu sichern. Überhaupt verstand und versteht sich Nafis Sadik keineswegs nur als Anwältin der so genannten Dritten Welt. Auch auf den jungen Frauen des Westens sieht sie einen unguten Druck lasten:

Mädchen wollen gar nicht immer sexuell so aktiv sein - aber sie haben das Gefühl, dass man das von ihnen erwartet, gerade in den entwickelten Ländern. Wir müssen das Selbstwertgefühl von Mädchen stärken, damit sie merken, dass man auch ohne sexuelle Erfahrung attraktiv sein kann, damit sie Geschlechtsverkehr nur haben, wenn sie es auch wollen.

Heute gehört Nafis Sadik der 15-köpfigen Reform-Gruppe an, die im Auftrag von UN-Generalsekretär Kofi Annan die Position der Weltorganisation nach dem Konflikt um den Irakkrieg wieder stärken soll.

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