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StartseiteCorso"Wir brauchen die Satire als kritisches Korrektiv"03.02.2020

Erste Kunstausstellung von Jacques Tilly"Wir brauchen die Satire als kritisches Korrektiv"

Kaum ein Politiker oder Prominenter ist vor Jacques Tilly sicher. Für den Düsseldorfer Satiriker liefern sie genau die richtigen Grundlagen für seine provokanten, aufsehenerregenden Karnevalswagen. Bilder seiner Karikaturen in 3-D schafften es sogar schon in die internationale Presse.

Jacques Tilly im Corsogespräch mit Juliane Reil

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Ein Mottowagen mit der die britische Premierministerin Theresa May und den Brexit thematisiert fährt am 27.02.2017 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) im Rosenmontagszug. Gestalter ist Jacques Tilly. (picture alliance /dpa /Federico Gambarini)
Ironisch und bissig: 2017 gestaltete Jacques Tilly einen Brexit-Wagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug (picture alliance /dpa /Federico Gambarini)
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Karikatur Mehr als bunte Bildchen

Juliane Reil:Im Juli 2017 fand der G20-Gipfel in Hamburg statt. Damals ging besonders ein Bild um die Welt: Donald Trump als schreiendes Terror-Baby mit vollgeschissenen Windeln, das breitbeinig auf der Weltkugel sitzt. In seinen emporgestreckten Händen die zerrissene Pariser KIimavereinbarung. Diese riesige Karikatur in 3-D im Auftrag von Greenpeace war die Arbeit von Jacques Tilly.

Seit über 30 Jahren baut der gebürtige Düsseldorfer Wagen für den Rosenmontagszug in seiner Heimatstadt. Es sind Arbeiten, die mittlerweile auch im Ausland Furore machen. Ironisch und bissig nimmt er mit Maschendraht und Farbe Politiker und Prominente aufs Korn. Nun ist dem Künstler, Illustrator und Karikaturisten in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen die erste Kunstausstellung gewidmet und heute ist er Im Corsogespräch zu Gast. Herr Tilly, Brexit, Klimakatastrophe. Trump, Putin, das Wiedererstarken der Rechten. Für einen Karikaturisten und Satiriker sind das doch wundervolle Zeiten, oder?

Jacques Tilly: Ja, das muss man leider sagen. Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für Satiriker, obwohl ich mir eigentlich andere Zeiten wünsche. Aber seitdem diese rechtspopulistische Welle über den Globus rast, fokussieren sich meine Wagen genau auf dieses Thema. Und seitdem geht es um was in der Satire. Es geht um Werte,  um die  Verteidigung von Rechtsstaat, Demokratie und Pluralismus. Und seitdem ist die Arbeit wirklich wichtiger als vorher.

Reil:Sie haben ursprünglich Kommunikationsdesign studiert, haben aber schon während des Studiums angefangen, Wagen für den Rosenmontagszug in Düsseldorf zu bauen. Was ist die Herausforderung für einen Karikaturisten,  Bilder als Plastik zu erschaffen?

Tilly: Ja, das räumliche Denken ist natürlich sehr, sehr wichtig und Zeichner, der arbeitet nun mit Papier. Ich arbeite mit Maschendraht, mit Holz, mit Leim, mit Farbe, ganz verschiedene Materialien, die dort zusammenkomponiert werden müssen, auf ein einziges klares Bild, was von beiden Seiten verstanden wird, auch von Leuten, die vielleicht 1,5 Promille im Blut haben. Das ist also ganz wichtig, dass man eine ganz einfache Bildformel findet, die in Sekundenschnelle verstanden wird, aber dabei nicht zu vulgär, nicht zu einfach, nicht zu unterkomplex ist, sondern auch der politischen Situation angemessen ist. Und das ist wirklich eine Schwierigkeit, also die Ideenfindung ist schwieriger noch als das Bauen.

Kreativprozess kein Selbstgänger

Reil:Genau die Ideenfindung.  In der Ausstellung sieht man ja auch Skizzen, Vorzeichnungen, die den Bau der Wagen vorangehen. Wie entwickeln sie zum Beispiel eine Theresa May, die sich mit einem Revolver, auf dem Brexit steht, selbst erschießt? Was passiert, wenn sie so vor einem weißen Blatt Papier sitzen?

Tilly: Ja, das ist die Schwierigkeit, glaube ich, eines jeden Künstlers, das weiße Blatt Papier, das einen anschreit: "Fülle mich!" Aber es kommt erst mal gar nichts. Es kommt erst mal nur Durchschnittliches, Langweiliges. Es ist wirklich ein tiefes Tal der Tränen, das man dann immer durchwandern muss. Die Ideen kommen, nicht so einfach beim Fahrradfahren oder beim Duschen.

Wie sich das so manche vorstellen, sondern man muss wirklich hart daran arbeiten. Man muss erst mal ganz viele durchschnittliche, langweilige Ideen passieren lassen, um dann irgendwann aus der Qual heraus zu einer Art Geistesblitz zu kommen. Darauf kann man sich aber nicht verlassen. Das ist immer ein ganz schwieriger Prozess. Und das unter großem Zeitdruck. Natürlich, weil wir aktuell sein müssen. Also vor Neujahr fange ich gar nicht an, mir Gedanken zu machen, damit die Wagen Rosenmontag aktuell sind. Es ist ein harter Prozess, gleichzeitig muss ich noch Bauzeichnungen machen, muss Gerüst bauen, Porträts machen. Also, das ist schon ganz schön viel im Moment. Aber diesen Rhythmus hab ich ja seit 30 Jahren.  Im Januar ist bei mir wirklich Land unter.

Wir haben noch länger mit Jacques Tilly gesprochen – hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Reil: Und dann werden die Wagen leider zerstört nach dem Umzug, was Tradition hat.

Tilly: Ja, Veilchendienstag wird dann der Hammer rausgeholt, und dann werden Kanzler gestürzt, und Päpste sinken in den Staub. Es gehört dazu wie nach einer Party. Danach muss man auch aufräumen. Aber schön ist natürlich, dass einige Wagen nach Rosenmontag weiterhin in Aktion treten, und zwar in den jeweiligen Ländern, in denen sie gebraucht werden. Also, ich habe vier Wagen durch England schon fahren lassen. Nach Rosenmontag und Moment fahren vier Wagen sogar durch Polen, um gegen die rechtskonservative Regierung und deren Demokratieabbau zu protestieren. Und da ist eine neue Entwicklung, die mich natürlich ungemein freut.

Reil: Genau ihre Wagen ziehen sozusagen als Bilder um die Welt. Die Times lichtet ihre Wagen auch durchaus ab. Die Washington Post. Haben Sie sowas eigentlich im Hinterkopf ?

Tilly: Also, dass es mal diese Ausmaße annimmt, dass wirklich die Wagen aus dem Jahr 2019 1500 Mal in der internationalen Presse landen, in hundert Ländern, das hätte ich früher nicht gedacht.  Dass die international verständlich sind, dass sie in Kambodscha und in Sri Lanka und in Korea verstanden werden. Inzwischen ist es tatsächlich so, dass ich an die internationale Wirkung auch mit denke beim Entwerfen, dass wir da nicht allzu große Sprachbarrieren haben. Aber in erster Linie baue ich natürlich für die Nachbarn am Straßenrand. Und das wird auch so bleiben.

Reil: 2015 gab es einen Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo. Unter dem Schock der grausame Morde damals in Paris verließen bestimmte Karnevalswagen die Hallen damals nicht. Wagen nämlich die zu religiös motiviertem Terror und Islamkritik durch deutsche Innenstädte rollen sollten. In Düsseldorf dagegen fuhr einer ihrer Wagen trotzdem: darauf ein enthaupteter Charlie Hebdo, der seinen maskierten Häscher, einen Haken schlug mit der Aufschrift "Satire kann man nicht töten". Wieviel Mut, wieviel Haltung braucht es für eine solche Aktion?

Plädoyer für die Streitkultur

Tilly: Ja, das war in der Tat ein schwieriges Jahr. Es sind ja auch Rosenmontagszüge wegen Terrorwarnungen abgesagt worden in Braunschweig. Das war eine sehr zugespitzte Situation. Aber der Charlie Hebdo Terroranschlag war ja ein direkter Anschlag auf den Humor an sich, auf den subversiven Humor, für den Charlie Hebdo steht. Wenn wir dazu nichts gemacht hätten in Düsseldorf, dann hätten wir unser Gesicht verloren. Wir haben uns so weit aus dem Fenster gelehnt, die Jahre vorher und immer getönt: " Wir haben keine Angst, wir respektieren keine Tabus". Und bei uns kommt jeder mal dran. Deswegen mußten mehrerer Wagen sogar fahren. Wir haben vier Wagen zu dem Thema fahren lassen Rosenmontag,  für die anderen Städte gleich mit, die sich in der Tat leider vornehm zurückgehalten haben.

Reil: Stichwort "Mut und Haltung" - die New York Times stellte Karikaturen in der internationalen Ausgabe letzten Sommer komplett ein. Ist die Karikatur in Gefahr?

Satire muss Tabus brechen

Tilly: Ja, das kann man schon sagen, und zwar von zwei Seiten. Auf der einen Seite gibt es natürlich den rechten und fundamentalistischen Populismus, der sehr harte Shitstorm Reaktionen hervorruft, auch gegenüber meiner Arbeit. Und dann gibt es halt auf der anderen Seite diese merkwürdige Form von puritanischer Political Correctness, die alles in Frage stellt und alles durchleuchtet. Selbst Ralf König als Karikaturist oder Franziska Becker haben mir Ärger bekommen mit ihrer eigenen Klientel. Und ich kann nur sagen, die Satire muss frei sein, die Satire muss ärgern dürfen, die Satire muss Tabus brechen, muss Grenzen überschreiten. Wenn Sie das nicht darf, dann kann man sie gleich bleiben lassen. Und es ist natürlich eine sehr tragische Entwicklung, dass die New York Times voranschreitet und die Satire insgesamt verbannt hat. Wir brauchen die Satire als kritisches Korrektiv. Wir brauchen die Satire als polemisch und subversiv vorgetragene Form von Kritik. Streitkultur ist einfach wichtig und Satire ist ein Teil davon. Und wenn unsere Gesellschaft auf Streitkultur verzichtet, dann verzichtet sie eigentlich auf ihr innerstes Demokratieverständnis, weil damit die Streitkultur einfach vor die Hunde geht, und das geht nicht.

Reil:Ihr Metier sind ja die Bilder, und das Netz arbeitet sehr stark mit Bildern. Das Spektakulärste gewinnt. Eigentlich müsste doch das Netz das Medium der Karikatur sein.

Ein Facebook-Kritiker

Tilly: Das ist schon richtig. Natürlich die sozialen Medien. Die sind natürlich geeicht auf starke, polarisierende Bilder. Und meine Wagen sind natürlich da besonders geeignet, weil die auf einen Punkt bringen, eine ganze politische Entwicklung mit zusätzlich dazu zeigen, nicht nur einfach eine Situationsdarstellung sind, sondern auch eine Wertäußerung sind,  eine Einschätzung des Künstlers, das kann man alles sehen. Natürlich hab ich dort auch Erfolge. Aber ich sehe die sozialen Medien halt sehr, sehr kritisch. Ich bin ein starker Facebook Kritiker, weil ich halt weiß, dass die sozialen Medien zu einer zu einer Trivialisierung der Gesellschaft führen, zu einer Spaltung der Gesellschaft in verschiedene Milieus und Stämme, die miteinander gar nicht mehr reden, die sich nur noch selbst reproduzieren, die sich nur noch selbst widerspiegeln. Es ist eine gefährliche Entwicklung, weil die Gesellschaft ihren Konsens verliert.

Reil:Sagt Jacques Tilly, bis zum 14. Juni kann man seine Arbeiten und einige Partyreste in der Ausstellung "Provokation und Politik Karikaturen XXL" in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen sehen. Danke Ihnen für dieses Gespräch.

Tilly: Dankeschön.

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