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StartseiteTag für TagAls sich Juden und Christen fremd wurden19.07.2016

Erste Talmud-ÜbersetzungAls sich Juden und Christen fremd wurden

Im 13. Jahrhundert wurde zum ersten Mal der Talmud ins Lateinische übersetzt. Das Dokument brachte den Christen neue Erkenntnisse über die jüdische Religion. Eine europäisch-israelische Forschergruppe arbeitet nun an einer kritischen Ausgabe des lateinischen Talmud. Die Forscher untersuchen auch dessen Wirkung auf die jüdisch-christliche Beziehung bis heute.

Von Brigitte Kramer

Die erste ins italenische übersetzte Ausgabe des Talmuds (imago/Pacific Press Agency)
Die erste ins Italenische übersetzte Ausgabe des Talmud (imago/Pacific Press Agency)
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Ein Buch, ein Papst, ein Konvertit. Was vor mehr als 700 Jahren in Paris geschah – die große Verbrennung des Talmud, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums – interessiert heute wieder Wissenschaftler in Europa.

Der Talmud ist das Kernstück gelebter, jüdischer Religiosität. Er verankert den Glauben im Alltag, gibt Anweisungen und Erklärungen. Der Talmud ist nach der Tora das zweite, wichtige Buch im Judentum. Nach Europa gelangte er vermutlich erst spät, im 11. Jahrhundert.

Abwertende Passagen

Das Buch beeinflusste das religiöse Leben europäischer Juden und auch die Beziehung zu den Christen. Im 13. Jahrhundert war es Nikolaus Donin, der als erster 35 besonders polemische Textstellen aus dem Hebräischen und Aramäischen ins Lateinische übersetzte. Donin hatte sich vom Judentum abgewandt und taufen lassen. Die übersetzten Talmud-Passagen legte er Papst Gregor dem Neunten vor, in böser Absicht. Donin wollte  die Juden diskreditieren – als Dummköpfe, Ketzer, Verleumder Christi. Das schaffte er zunächst auch. 1240 kam es in Paris zu einem Inquisitionsprozess, kurze Zeit später zum Verbot und zur großen Talmudverbrennung. Die Christen waren schockiert von den Diffamierungen ihres Messias im Talmud:

"Es gibt Stellen, wo dann eben steht, Jesus Christus schmort in der Hölle in seinen eigenen Exkrementen oder die Jungfrau Maria war gar keine Jungfrau sondern ein leichtes Mädchen ... Das sind so Stellen, die in der ganzen Polemik immer wieder hochkommen."

Alexander Fidora, deutsch-spanischer Philosoph an der Universität von Barcelona, leitet eine Forscher-Gruppe, die seit zwei Jahren die Ereignisse in den 1240er Jahren in Paris und deren Folgen untersucht. Beteiligt sind Philologen, Philosophen, Historiker und Theologen aus europäischen Ländern und Israel. Das Projekt wird vom Europäischen Wissenschaftsrat gefördert. Die Forscher wollen ein Kapitel europäischer Kulturgeschichte neu beleuchten: Wie beeinflusste das Wissen der Christen über den Talmud die jüdisch-christlichen Beziehungen in Europa?

Zwischenlösung mit Zensur

Nach der Talmudverbrennung kam es zur Wende. Der neue Papst, Innozenz der Vierte, hörte auf die Juden, die sagten: Ohne Talmud können wir unsere Religion nicht ausüben. Allerdings wollte auch er nicht, dass sie ungestraft Christus verunglimpfen. Innozenz suchte eine Zwischenlösung und ließ die polemischen Stellen zensieren. Zu diesem Zweck gab er vermutlich bei Dominikanern 1244/45 eine neue, umfangreichere Übersetzung in Auftrag ­ – so entstand der Latin Talmud.

"Die Christen hatten eine Schutzaufgabe gegenüber den Juden. Die Kirche hatte ein augustinisches Judenbild, des Juden, der zu tolerieren ist, der auch nicht abgeschafft werden kann oder soll, das ist nicht Aufgabe der Christenheit, das ist Aufgabe Gottes in der langen Perspektive der Geschichte, in der das Judentum irgendwann verschwindet, weil es sich zum Christentum bekehrt."

Epoche der Veränderung

Der Latin Talmud erschien damals in einer Epoche großer Veränderungen im Juden- und auch im Christentum. Die Menschen in Europa nahmen immer stärker religiöse und kulturelle Vielfalt wahr, sagt Forschungsleiter Alexander Fidora.

"Das 12., das 13. Jahrhundert ist so ein Moment des Umbruchs und dem man zunächst mit polemischer Absicht aber in der längeren Sicht mit anderen Folgen den anderen kennen lernen will. Es ist ja nicht nur der Talmud mit seinen Übersetzung ins Lateinische. Wir haben im 12. Jahrhundert bereits Übersetzungen des Korans ins Lateinische und wenn man das zusammen sieht, dann merkt man doch, dass es ein Interesse gibt, nicht nur an den wissenschaftlichen Leistungen, das ist ja relativ gut erforscht, Astronomie und Medizin, sondern auch an den Religionen."

Trotz allen Interesses diente auch der Latin Talmud vor allem antijüdischer Polemik, als Bestätigung christlicher Vorurteile. Ist er der Anfang der spannungsgeladenen christlich-jüdischen Beziehung? Die Wurzel allen Übels? Der Religionshistoriker und evangelische Theologe Görge Hasselhoff gehört auch zur internationalen Forschergruppe:

"Bis ins 11. Jahrhundert hinein war das Miteinander der Christen und Juden zwar durch ein Konkurrenzverhältnis geprägt aber man hat miteinander gelebt. Aber in dem Augenblick, wo das Judentum sich transformiert hat, verändern sich die Grundkonstanten und das Christentum hat plötzlich einen neuen, andersartigen Gesprächspartner gehabt. Und dann ist die Neuheit nicht als Bereicherung sondern als Bedrohung empfunden worden. Der Trennungsprozess, der im ersten Jahrhundert begonnen hat, kommt im 12. Jahrhundert spätestens zu einem Abschluss. Nun sind Christentum und Judentum wirklich unterschiedliche Religionen."

Historische Parallelen

Auch der Israeli Harvey Hames ist an dem Forschungsprojekt beteiligt. Der Historiker sieht eine Linie vom 13. zum 20. Jahrhundert:

"Viel von dem, was wir hier diskutieren, ist sehr wichtig, wenn wir den Wandel des christlichen Judenbildes über die Jahrhunderte verstehen wollen. Das ist der Beginn eines langen Umbruchs, wie die Christen die Juden und den Platz des Judentums in der christlichen Welt sehen. Wenn wir also verstehen wollen, wie es zum Beispiel zum Holocaust kam, da ist natürlich eine große Lücke, aber wir müssen verstehen, wo die christliche Wahrnehmung der Juden herkommt.

Es gibt nur noch etwa zehn schlecht erhaltene Manuskripte dieses Latin Talmud. Bis 2018 soll er digitalisiert und, mit Kommentaren und Anmerkungen versehen werden. Die Wissenschaftler hoffen, dass dieses Grundlagendokument neue Diskussionen anregen wird. Ursula Ragacs von der Universität Wien genießt das Arbeiten in der internationalen Forschungsgruppe:

"Ein Problem, das ich sehe, ich bin selber Judaistin, aber ich bin christlich sozialisiert. Das heißt wenn ich einen Text lese, in dem davon die Rede ist, dass Jesus zur Strafe für seine Frevel in kochendem Kot gekocht worden ist, dann führt das bei mir zwangsläufig zu Emotionen. Die muss ich wissenschaftlich zurücknehmen, um mit dem Text zu gehen und den Text lesen zu können. Wenn eine Person, die jüdisch sozialisiert ist, das liest, hat sie ganz andere Emotionen. Und das finde ich so spannend. Ein mittelalterlicher, jüdisch-christlicher, nicht so freundlicher, aber doch Dialog, der überlagert wird durch einen modernen, freundlichen, jüdisch- christlichen Dialog in dem wir uns permanent befinden."

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