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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Neuanfang, mit dem lange niemand gerechnet hätte21.06.2021

Erster Militärrabbiner seit 100 JahrenEin Neuanfang, mit dem lange niemand gerechnet hätte

Ein Dreivierteljahrhundert nach der Shoah und nach gut 100 Jahren Pause gibt es in Deutschland wieder jüdische Militärseelsorge. Nun besteht die Chance einer Begegnung, kommentiert Andreas Main. Zsolt Balla könne sich um die Seele der Bundeswehr sorgen und den demokratischen Geist stärken.

Ein Kommentar von Andreas Main

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Josef Schuster (l.), Präsident des Zentralrates der Juden, überreicht in der Synagoge Zsolt Balla, Landesrabbiner von Sachsen, zu dessen Einführung in das Amt des Militärbundesrabbiners eine Urkunde (dpa/Hendrik Schmidt)
Josef Schuster (l.), Präsident des Zentralrates der Juden, überreicht Zsolt Balla zu dessen Einführung in das Amt des Militärbundesrabbiners eine Urkunde (dpa/Hendrik Schmidt)

Es ist noch nicht mal klar, wie viele jüdische Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr dienen. Der neue Militärbundesrabbiner wird sich also nicht auf diese relativ kleine Gruppe konzentrieren können. Will er auch nicht. Zsolt Balla will Militärrabbiner für alle sein. Darin besteht eine immense Chance.

Weg raus dem Teufelskreis des Judenhasses

Denn die allermeisten jungen Menschen in Deutschland sind noch nie lebenden jüdischen Frauen oder Männern begegnet. Im besten Fall wissen sie, welche Menschheitsverbrechen deutsche Soldaten etwa in SS-Uniformen zu verantworten haben. Nun besteht die Chance einer Begegnung. Und die ist der einzige Weg raus dem Teufelskreis des Judenhasses.

Zsolt Balla (ZB/Sebastian Kahnert) (ZB/Sebastian Kahnert)Militärrabbiner Zsolt Balla - "Auf Augenhöhe mit jedem Soldaten" 
Erstmals seit über 100 Jahren gibt es in Deutschland wieder einen Militärrabbiner. Zsolt Balla will Ansprechpartner für jüdische Soldatinnen und Soldaten sein. Er versteht es aber auch als seine Aufgabe, in der Bundeswehr zum Kampf gegen Antisemitismus beizutragen.

Selbstverständlich erhöht ein Militärrabbiner nicht die Schlagkraft der Truppe und er kann auch nicht defektes Material reparieren. Er kann sich nicht um alles kümmern, was die Soldaten bedrückt. Aber er kann sich um die Seele der Bundeswehr sorgen. Er wird unter anderem im lebenskundlichen Unterricht an den Bundeswehrhochschulen mit jüdischer Religion und Geschichte vertraut machen.

Er kann daran erinnern, dass sich im Ersten Weltkrieg rund 30 Feldrabbiner um jüdische Soldaten kümmerten. Rund 100.000 Juden dienten im deutschen Heer, 1.500 von ihnen wurden mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet, 12.000 starben. Der Dank für diese Loyalität zum Deutschen Reich war nicht allzu ausgeprägt. Wer hätte nicht Verständnis für jene Juden und Jüdinnen heute, die angesichts des millionenfachen Mordens in der Shoah sagen, dass sie mit der Bundeswehr nichts zu tun haben wollen.

Von einem Militärrabbiner profitieren alle – und die Demokratie

Dass jüdische Menschen in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder die Kraft aufgebracht haben, sich für die Bundeswehr einzusetzen, ist ein Geschenk, das die Mehrheitsgesellschaft nie ausreichend gewürdigt hat. Da waren Menschen bereit, dicke Bretter zu bohren. Auch wenn Deutschland Deutschland ist und Israel Israel und es hier nichts zu vermengen gilt: Jüdische Deutsche oder jüdische Argentinierinnen oder jüdische Israelis wissen, dass es ohne Wehrhaftigkeit nicht geht.

  (imago stock&people / Uwe Steinert) (imago stock&people / Uwe Steinert)Bundeswehr bekommt Militärrabbiner - "Ethische Unterstützung für Soldaten"
"Die Bundeswehr ist eine Kampfarmee", sagte der Historiker Michael Wolffsohn im Dlf. In schwierigen Situationen und ethischen Fragen könnten die Rabbiner Unterstützung geben.

Ohne die IDF, die israelischen Verteidigungskräfte, gäbe es die Heimstatt der Juden nicht mehr. Juden wissen weltweit, dass sie sich verteidigen müssen – in demokratischen Streitkräften. Wenn jüdische Militärrabbiner daran mitwirken, dass der demokratische Geist in der Bundeswehr gestärkt wird, dann haben alle was davon – Juden, Christinnen, Muslime, Konfessionsfreie. Mit Zsolt Balla besteht eine gute Chance, dass das zarte Pflänzchen Demokratie, das von vielen gehegt und gepflegt wird, weiterwächst.

Ein Dreivierteljahrhundert nach der Shoah und nach gut 100 Jahren Pause gibt es wieder einen Rabbiner für deutsche Soldaten. Es ist ein Anfang gemacht. Ein Neuanfang, mit dem lange wohl niemand gerechnet hätte. Ein guter Tag für Deutschland.

Andreas Main (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Andreas Main (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Andreas Main ist Redakteur der Redaktion Religion und Gesellschaft des Deutschlandfunks. Er studierte Katholische Theologie und Geschichte in Münster. Nach dem Volontariat bei der Katholischen Nachrichten-Agentur arbeitete er als Redakteur beim Lokalfunk, danach als freier Journalist für den Deutschlandfunk und die Deutsche Welle.  

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