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StartseiteKommentare und Themen der WocheBarrierefreie Teilhabe für alle bleibt Aufgabe07.05.2019

Erwachsene Analphabeten in DeutschlandBarrierefreie Teilhabe für alle bleibt Aufgabe

Dass die Zahl der erwachsenen Analphabeten in Deutschland in nur acht Jahren um 1,3 Millionen gesunken ist, verdient großes Lob, meint Thekla Jahn. Erschreckend ist, dass weiter mehr als sechs Millionen Menschen kaum schreiben und lesen können. Analphabetismus bleibt eine gesellschaftliche Herausforderung.

Von Thekla Jahn

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Blick auf ein Blatt Papier, auf den eine Frau das Wort "Analphabet" schreibt. (picture alliance / Jens Wolf)
Analphabeten in Deutschland (picture alliance / Jens Wolf)

Chapeau! Das Ergebnis ist bemerkenswert. In nur acht Jahren ist die Zahl der Erwachsenen, die nicht richtig lesen und schreiben können, um 1,3 Millionen weniger geworden. Das ist eine beachtliche Leistung. Und allen, die sich dafür gestreckt haben, Pädagogen und Dozenten, Politikern, Ehrenamtlern und nicht zuletzt den Betroffenen, muss ein großes Lob ausgesprochen werden.

Kostenlose Kurse für Menschen mit Lese-und Schreibschwierigkeiten, wohnortnahe Lesetreffs und Lesepaten, Workshops und andere Grundbildungsangebote, für die mit Piktogrammen statt mit wortreichen Informationen geworben wird  - all diese Initiativen haben Früchte getragen. Der Schock der ersten LEO-Studie von 2011 saß tief. Und er hat viele dieser Projekte in Gang gesetzt, die Schulen noch einmal stärker in die Pflicht genommen und auch uns Medien sensibilisiert – wir haben viel berichtet. Arbeitgeber haben das Thema auf dem Schirm.

Jeder 13. tut sich schwer, Texte zu verstehen

Doch bei aller Bewunderung für das Geleistete. Es bleiben immer noch rund 6,2 Millionen Menschen, die große Schwierigkeiten haben. Das ist mehr als man in einem Land wie Deutschland, einem Land mit Schulpflicht, einem Land mit Bildungstradition vermuten würde. Auf die Bevölkerung hochgerechnet bedeutet das nämlich: Jeder 13. in unserem Land tut sich schwer, Texte zu verstehen oder selber zu formulieren. 

Wie viele Mitmenschen betroffen sind, wird erst klar, wenn man sich das einmal im Alltag vorstellt: Jeder 13. Mensch, dem ich auf der Straße begegne oder im Supermarkt, auf einem Festival oder der mit mir beim Arzt oder auf dem Amt im Warteraum sitzt, kann gar nicht alles lesen, keine Informationsbroschüren, keine Beipackzettel, keine Produktbeschreibungen verstehen - geschweige denn Formulare ausfüllen oder Mails verschicken. 

Ich finde das erschreckend. Wir leben schließlich nicht in einem Entwicklungsland. Wir leben in Deutschland – dem Land der Dichter und Denker. Ja, die Phrase muss in diesem Fall hervorgekramt werden. Wir bilden uns ja schließlich auch etwas ein auf unsere Bildungsgeschichte.

Rücksicht, Geduld und Hilfsbereitschaft sind gefragt

Deshalb sollte Lesen und Schreiben für alle längst eine Selbstverständlichkeit sein. Und doch bleiben so viele Menschen zurück. Und – dies sei ein weiterer Wehrmutstropfen - die Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind, und die schon in ihrer Muttersprache nicht richtig alphabetisiert sind, sie wurden in der LEO-Studie noch gar nicht berücksichtigt.

Was also sagen uns die aktuellen Ergebnisse? Ich meine: Wir, die wir uns leicht und schnell durch Texte bewegen, die wir ohne Probleme formulieren können, was wir denken, was wir anderen mitteilen und was wir einfordern wollen – wir müssen weiter Rampen bauen, über die der Weg für die immer noch 6,2 Millionen Menschen barrierefrei zu meistern ist. Rücksicht, Geduld und Hilfsbereitschaft sind gefragt; in der Schule, im Beruf, im Alltag. Nur so können letztlich alle in Deutschland teilhaben am gesellschaftlichen Leben - mit Begabungen und Talenten, die über das Lesen und Schreiben hinausgehen.

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