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StartseiteKommentare und Themen der WochePrivilegien und Machtpositionen als solche erkennen25.02.2021

Erwiderung auf Wolfgang ThiersePrivilegien und Machtpositionen als solche erkennen

Der frühere Bundestagspräsident Wolfang Thierse warnt vor einer Radikalisierung des Diskurses, auch durch identitätspolitische Debatten. Dabei erkenne er das strukturelle Problem nicht an, dass derzeit weiße, heterosexuelle und patriarchal geprägte Menschen den Ton angeben, kommentiert Anna Seibt.

Ein Kommentar von Anna Seibt

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Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sitzt als Gast auf der Besuchertribüne bei der 181. Sitzung des Deutschen Bundestag in Berlin (picture alliance/ Flashpic/  Jens Krick)
Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) kritisiert Identitätspolitik von links wie von rechts - und hat dafür einen Shitstorm geerntet (picture alliance/ Flashpic/ Jens Krick)
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Wolfgang Thierse hat Recht, wenn er sagt: Wir müssen uns Mühe geben, an einem gesamtgesellschaftlichen "Wir" zu arbeiten, wenn wir nicht riskieren wollen, dass unsere Gesellschaft in viele Splittergruppen zerbricht, die sich nicht verstehen oder gar gegenseitig bekämpfen. Was Thierse nicht sagt: Momentan gibt es in Deutschland vor allem eine dominierende Gruppe, die das "Wir" gepachtet hat: Das sind vor allem weiß, heterosexuell und patriarchal geprägte Menschen, eine Gruppe, der Wolfgang Thierse und auch ich angehören.

Wolfgang Thierse, ehem. Praesident des Deutschen Bundestages, in Berlin.

Qua Geburt Teil des "Traditions-Wir"

Die deutsche Gesellschaft ist aber viel pluraler und vielfältiger als dieses "Traditions-Wir" es sich vorstellen kann. Unsere Aufgabe ist es nun, die Mauern aus Privilegien, die nur diese eine Gruppe hat, aufzubrechen und neue Perspektiven, neue Gedanken zuzulassen. Eine Aufgabe, die vor allem diejenigen angehen müssen, die qua Geburt Teil dieses "Traditions-Wir" sind – denn wer sonst hätte die Macht, das Geld und sonstige Privilegien, um etwas in dieser Gesellschaft zu verändern?

Wolfgang Thierse aber will und kann das strukturelle Problem nicht an-erkennen, dass im Moment nicht alle gleichberechtigt in unserer Gesellschaft teilhaben können. Das führt zu dem Paradox, dass er die Dominanz der Mehrheitsperspektive ignoriert und sie dennoch gleichzeitig mit all seinen Argumenten manifestiert: Was wäre so falsch daran, die Berliner M-Straße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umzubenennen? In Gedenken an den ersten bekannten schwarzen Philosophen und Rechtswissenschaftler Deutschlands, womit tatsächlich ein unsichtbarer Teil deutscher Geschichte sichtbar gemacht werden würde? Das wäre doch wohl ganz im Sinne von Herrn Thierse, wenn er sagt: "Wir brauchen Stolpersteine der Geschichte."

Geschichtsvergessene Argumentation zu "Blackfacing"

Worüber ich wirklich wütend bin, ist Thierses geschichtsvergessene Argumentation zum "Blackfacing", das er mit den Worten rechtfertigt, kulturelle Aneignung sei ein Wesenselement unserer Kulturgeschichte - die bittere Ironie seiner Worte noch nicht einmal bemerkend. Blackfacing ist eine durch und durch rassistische Tradition von Weißen, die sich schwarz anmalen um schwarze Menschen zu verhöhnen. Und wenn Herr Thierse dann noch behauptet, jeder Schauspieler und jede Schauspielerin könnte jede Rolle auf dem Theater bekommen ist das schlicht an der Realität vorbei, wie nicht nur die von ihm selbst angesprochenen 185 Schauspieler und Schauspielerinnen vor Kurzem in der "Süddeutschen Zeitung" betont haben.

Minstrel-Darsteller im Film "Sierra Passage" aus dem Jahr 1951 mit Blackface. Blackfacing am Theater wurde in den letzten Jahren zunehmend als rassistisch empfunden. (Zuma Press / imago stock&people) (Zuma Press / imago stock&people)Was ist "Blackfacing"? 
Orson Welles schwärzte sich das Gesicht und spielte Othello, Michael Thalheimer ließ seine Darsteller mit dicken roten Lippen auf die Bühne treten. Das sogenannte Blackfacing hat Tradition und galt lange als salonfähig. Dabei war es immer schon rassistisch.

Wenn Wolfgang Thierse und ihm gleichgesinnten Menschen wirklich etwas daran liegt, gesellschaftliche Gräben einzuebnen und ein gesamtgesellschaftliches Wir-Gefühl zu etablieren, dann müssen sie erst einmal in den sauren Apfel beißen und ihre Privilegien und Machtpositionen als solche erkennen, sich geschichtlichen Fakten stellen und sich nicht reflexartig mit längst widerlegten Argumenten zu Opfern der Debatte stilisieren.

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