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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Es gibt Defizite gerade im Kühlsystem"14.03.2011

"Es gibt Defizite gerade im Kühlsystem"

Greenpeace-Experte hält ältere deutsche Kernkraftwerke für "störanfälliger"

Mathias Edler, Kernkraft-Experte bei der Umweltorganisation Greenpeace, sagt, dass in Deutschland kein Reaktor gegen den Absturz eines großen Verkehrsflugzeuges gesichert sei. Ferner hätten ältere Reaktoren Defizite bei Notstrom-Diesel.

Mathias Edler im Gespräch mit Georg Ehring

Das Kernkraftwerk Neckarwestheim in Baden-Württemberg (picture alliance / dpa)
Das Kernkraftwerk Neckarwestheim in Baden-Württemberg (picture alliance / dpa)
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Georg Ehring: Auch in Deutschland sind Erdbeben möglich, auch wenn die Gefahr hierfür bei uns geringer ist. Telefonisch verbunden bin ich jetzt mit Mathias Edler von der Umweltschutzorganisation Greenpeace, und ich möchte mit ihm besprechen, welche Risiken den deutschen Atomkraftwerken drohen. Guten Tag, Herr Edler.

Mathias Edler: Guten Tag.

Ehring: Ja, Herr Edler, welche Risiken sähen Sie denn als Ursache für einen großen Atomunfall, der ja auch in Deutschland möglich wäre?

Edler: Grundsätzlich besteht das Risiko eines Flugzeugabsturzes, oder das Terrorrisiko für alle bundesdeutschen AKW in allen Hochtechnologieländern für alle AKW. Da ist kein Atomkraftwerk gegen ausgelegt. Es würde zu einem sogenannten auslegungsüberschreitenden Störfall dann kommen mit einem offenen Containment, und man sieht jetzt in Japan sehr "schön", dass es dafür keine Szenarien gibt. Da wird mit Meerwasser schlicht versucht, die Reaktoren herunterzukühlen. Die Ingenieure, die uns immer gesagt haben, alles sei sicher, sagen, wir können nicht mehr in den Reaktor hineingucken. Das wäre in Deutschland nicht anders.

Ehring: Das heißt, in Deutschland würde ein Flugzeugabsturz, ein Terroranschlag dazu führen, dass der Reaktor genauso offen wäre wie möglicherweise jetzt in Fukushima oder auch damals in Tschernobyl?

Edler: Kein Reaktor in Deutschland ist gegen den Absturz eines großen Verkehrsflugzeuges gesichert. Dann gibt es da verschiedene Klassen, sogenannte Sportflugzeug-Klasse, sogenannte Phantom-Klasse. Man sieht, wie diese Begriffe überhaupt gar nicht dazu passen. Das hätte verschiedene Auswirkungen, aber kein AKW würde den Absturz einer großen Verkehrsmaschine aushalten. Darüber hinaus: die acht ältesten Reaktoren stammen aus den 60er- oder 70er-Jahren. Es gibt Defizite gerade im Kühlsystem, das was wir jetzt in Fukushima sehen. Es gibt Defizite bei Notstrom-Dieseln. In Baden-Württemberg hat der Betreiber selber jahrelang auf diese Defizite hingewiesen in Neckarwestheim 1, eines dieser AKW, wo die Bundesregierung die Laufzeit verlängert hat, was längst abgeschaltet gehört, und die baden-württembergische Umweltministerin Gönner hat das bis heute verschleppt. - Beispiel Reaktor-Druckbehälter beziehungsweise Sicherheitsbehälter. In Fukushima hat dieser Sicherheitsbehälter bisher diese Wasserstoffexplosion ausgehalten. Der ist birnenförmig und sehr klein, dadurch sehr stabil und hat am Boden sowohl Stahl als auch Beton. Alle deutschen Reaktoren der Siedewasser-Reaktoren der Baulinie 69 haben nur einen Stahlboden. Das heißt, wenn es zur Kernschmelze kommt, würde hier noch schneller der Sicherheitsbehälter durchschmelzen und man hätte noch weniger Zeit zwischen Kernschmelze und Evakuierung.

Ehring: Sind denn die deutschen Atomkraftwerke - die stammen ja aus sehr verschiedenen Zeiten - unterschiedlich gut gegen solche extremen Ereignisse ausgerichtet, oder kann man da keinen Unterschied machen?

Edler: Wie gesagt, was den Flugzeugabsturz angeht, ein offenes Containment, da sind alle Atomkraftwerke, was ein großes Verkehrsflugzeug angeht, nicht gegen gefeit. Natürlich sind die älteren Reaktoren störanfälliger, aber dieses Restrisiko wird berechnet nach dieser Formel Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadensausmaß, und die Eintrittswahrscheinlichkeit, so klein sie auch ist, die ist immer gegeben. Niemand kann ihnen absolute Sicherheit garantieren. Und das Schadensausmaß ist gleichzeitig so groß, dass keine Regierung das gegenüber ihrer Bevölkerung verantworten kann. Es ist mehr als traurig, dass es dieser Störfälle jetzt in Fukushima in Japan bedarf, dass diese Diskussion überhaupt wieder rauskommt. Das war längst vorher klar, dass das so ist, und die Bundesregierung ist schlichtweg von der Realität eingeholt worden.

Ehring: Herzlichen Dank. - Das war Mathias Edler von der Umweltschutzorganisation Greenpeace.

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