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StartseiteInterview"Es gibt nicht nur ein bisschen Stuttgart 21"05.10.2010

"Es gibt nicht nur ein bisschen Stuttgart 21"

Kommunikationswissenschaftler über Öffentlichkeitsarbeit von Gegnern und Befürwortern

Frank Brettschneider bemängelt Defizite bei der Kommunikation im Vorfeld des Bauprojekts. "Die Vorstellung, mit dem Beschluss eines Projektes sei es getan", sei ein typischer Fehler. Gleichwohl bezweifelt Brettschneider, dass es eine Verständigung über Stuttgart 21 gebe werde.

Frank Brettschneider im Gespräch mit Friedbert Meurer

Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 stehen hinter einem Absperrgitter vor dem bereits abgeholzten Teil des Schlossgartens. (AP)
Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 stehen hinter einem Absperrgitter vor dem bereits abgeholzten Teil des Schlossgartens. (AP)

Friedbert Meurer: In Stuttgart hat heute Vormittag die Polizei ihre Sicht der Dinge darstellen wollen, was sich am letzten Donnerstag abgespielt hat. Es hatte ja viel Kritik am Einsatz von Polizei und am Verhalten des Innenministeriums gegeben. In Stuttgart begrüße ich Frank Brettschneider, er ist Professor für Kommunikationswissenschaften an der Stuttgarter Universität Hohenheim. Guten Tag, Herr Brettschneider.

Frank Brettschneider: Hallo, Herr Meurer.

Meurer: Heute überschlagen sich alle mit ihrer Pressekonferenz. Wer hat die Nase vorne in Sachen Kommunikation?

Brettschneider: Das ist natürlich ganz schwer zu sagen, das wechselt auch fast stündlich. Am meisten haben die Nase diejenigen vorne, die über starke Bilder verfügen, und das sind derzeit auch vor dem Hintergrund der Geschehnisse am letzten Donnerstag die Gegner von "Stuttgart 21". Bilder sind sehr wirkmächtig und die zeigen zunächst mal die Gegner im Vorteil.

Meurer: Nun ist es auch so, dass die Gegner von "Stuttgart 21" mobilisieren und dirigieren per Laptop von der Parkbank aus, um das einmal zugespitzt zu sagen. Sind da die Behörden den flinken Twitterern der Gegner von "Stuttgart 21" hoffnungslos unterlegen?

Brettschneider: Ja. Das hat auch was damit zu tun, dass natürlich immer diejenigen, die gegen ein Projekt vorgehen, es einfacher haben als die, die es verteidigen. Das gilt generell. Und jetzt kommen die neuen technischen Möglichkeiten hinzu. Sie haben die Social Medias, Social Networks angesprochen, Facebook, Twitter, Blogs und Foren, und da sind die Gegner von "Stuttgart 21" sehr gut aufgestellt. Sie haben sehr frühzeitig dort sich untereinander vernetzt, um Einsätze koordinieren zu können, es gibt auch Live-Übertragungen vom Ort des Geschehens, sodass man eben nicht mehr eine zentrale Organisation benötigt, sondern das dezentral machen kann.

Meurer: Sind die Demonstranten zentral organisiert, oder ist das eine ziemlich, ich sage mal, anarchistisch aufgestellte Bewegung?

Brettschneider: Sowohl als auch. Es gibt viele gut organisierte Gruppen, aber nicht die eine dominante Gruppe, von der man sagen kann, die ist nun das Zentrum der Gegner von "Stuttgart 21", sondern da gibt es eine Gruppe, die sich in erster Linie um den Park kümmert, eine andere Gruppe, die sich um die verkehrspolitischen Konzepte kümmert, also sehr dezentral, aber gleichwohl immer mit einem Ziel verbunden, nämlich Baustopp für dieses Projekt.

Meurer: Nun ist es so, wenn ich richtig liege, Herr Brettschneider: Sie selbst sind für den Bau von "Stuttgart 21", sagen aber, mit der Kommunikation ist da doch einiges schief gelaufen. Was hätte besser laufen müssen?

Brettschneider: Da hätte sehr viel viel besser laufen müssen. Bereits vor 15 Jahren, als das Projekt beschlossen wurde, hätte man kommunikativ daran arbeiten müssen, was sind die Gründe für dieses Projekt, und auch vor allem eine Fantasie wecken, was sind denn die Vorzüge, wie werden die 100 Hektar hinter dem Bahnhof, die frei werden durch dieses Projekt, in der Innenstadt aussehen, was baut man da, werden dort Wohnungen für Familien gebaut, oder gibt es da experimentelles Bauen, Weißenhofsiedlung II in Stuttgart. Das hat man nicht gemacht, sondern den typischen Fehler: Die Vorstellung, mit dem Beschluss eines Projektes sei es getan. Damit ist es eben nicht mehr getan, heute müssen Projekte erläutert, erklärt werden, und das hat man unterlassen.

Meurer: Steht es bis heute nicht fest, was auf dem Gelände entstehen soll?

Brettschneider: Nein. Das ist ja einer der Punkte, zu denen Ministerpräsident Mappus zum Gespräch eingeladen hat. Es gibt keinen wirklich großen Verwertungsdruck, weil die Stadt dieses Gelände gekauft hat, und nun geht es um die Frage, was machen wir als Stuttgarterinnen und Stuttgarter mit dieser Fläche in der Innenstadt. Das ist genau ein Punkt, der an einem Runden Tisch besprochen werden sollte; da gibt es keinen Entscheidungsdruck derzeit.

Meurer: Nach dem letzten Donnerstag ist es jetzt überhaupt noch möglich, gemeinsam miteinander zu kommunizieren, gemeinsam sich an einen Tisch zu setzen?

Brettschneider: Ja, das muss möglich sein und das ist dringlicher, als es noch vor dem Donnerstag war, und diese Stadt wird ja nicht nur von "Stuttgart 21" geprägt, sondern hier geht es um Nachbarn, um Freunde, die teilweise zerstritten sind über dieses Thema. Man muss wieder auf eine sachliche Basis zurückkommen. Alles was dazu beiträgt, etwas an Emotionen rauszunehmen, zu deeskalieren, ist da genau der richtige Schritt. Was sicher nicht stattfinden wird, ist eine Verständigung darüber, ob "Stuttgart 21" gebaut wird oder nicht. Es gibt nicht nur ein bisschen "Stuttgart 21". Aber über die Fragen, welche Fakten spielen da eine Rolle, welche Möglichkeiten der Stadtgestaltung hat man, darüber muss man sich natürlich verständigen. Ich glaube, man kann das auch.

Meurer: Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Danke schön und auf Wiederhören, Herr Brettschneider.

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