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StartseiteInterview"Es gibt unendlich viele ähnliche Fälle"12.05.2011

"Es gibt unendlich viele ähnliche Fälle"

Medienwissenschaftler Bolz: Plagiate bei Promotionen weit verbreitet

Guttenberg und Koch-Mehrin haben abgeschrieben, doch: "Das ist sicher nur die Spitze des Eisberges", meint der Medienwissenschaftler Norbert Bolz und ist sich sicher, dass sehr viele Doktoranden, die schon im Berufsleben stehen, aber keine Zeit haben, wissenschaftlich zu arbeiten, "Zuflucht nehmen zu derartigen Hilfen des Abschreibens".

Norbert Bolz im Gespräch mit Friedbert Meurer

Die Dissertation von Silvana Koch-Mehrin (FDP), aufgenommen in der Bibliothek der Humboldt-Universität Berlin. (AP)
Die Dissertation von Silvana Koch-Mehrin (FDP), aufgenommen in der Bibliothek der Humboldt-Universität Berlin. (AP)
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Guttenberg hat vorsätzlich getäuscht

Friedbert Meurer: Das wühlt die Politik und auch den universitären Betrieb natürlich auf: drei Plagiatsfälle an einem Tag, zu Guttenberg, gestern der Bericht der Uni Bayreuth, dann die Tochter von Edmund Stoiber muss ihren Doktorhut zurückgeben, und jetzt hat es auch Silvana Koch-Mehrin erwischt, die stellvertretende Präsidentin des Europaparlaments, prominente FDP-Politikerin.

Also, Silvana Koch-Mehrin tritt zurück als Vorsitzende der FDP-Abgeordneten im Europaparlament und Vizepräsidentin des Europaparlaments, sie bleibt aber Europaabgeordnete, das alles die Konsequenzen aus der Plagiatsaffäre.
Professor Norbert Bolz ist Medienwissenschaftler an der TU Berlin, wir erreichen ihn heute Morgen dort in Berlin. Guten Morgen, Herr Bolz!

Norbert Bolz: Guten Morgen!

Meurer: Wieder ist eine Doktorarbeit aufgeflogen. Hat man sich im universitären Betrieb langsam schon daran gewöhnt?

Bolz: Ich hoffe, es klingt nicht rechthaberisch, aber mich überrascht das, was da gestern offenbart worden ist, in keinster Weise und ich hatte bei Gelegenheit Guttenbergs schon gesagt, das ist sicher nur die Spitze des Eisberges. Leute, die im Betrieb sich auskennen, die seit vielen Jahren wie ich auch Dissertationen betreuen, gerade auch externe, können gar nicht besonders überrascht sein. Das hat auch nichts mit mangelnder Sorgfaltspflicht zu tun.

Ich glaube, es gibt unendlich viele ähnliche Fälle und die Vorstellungen der Laien darüber, inwieweit Professoren in der Lage wären, das wirklich en Detail zu kontrollieren, was ihnen vorgelegt wird, sind, glaube ich, ein bisschen illusorisch. Also die Aufregung ist eine, die eigentlich für Insider gar nicht so verständlich ist.

Meurer: Unendlich viele Fälle, wie viele meinen Sie damit?

Bolz: Ja nun, ich kann natürlich keine Zahlen nennen, aber es liegt auf der Hand, dass sie hier keine Zufallstreffer gelandet haben mit Guttenberg und Koch-Mehrin, sondern dass sehr, sehr viele, die getrieben sind von dem Wunsch, dieses Statussymbol Doktor sich an die Brust zu heften, aber gar keine Zeit haben, um tatsächlich selbstständig wissenschaftlich zu forschen, wie soll man sagen, Zuflucht nehmen zu derartigen Hilfen des Abschreibens. Meistens sind auch Ghostwriter beschäftigt, die dabei helfen …

Meurer: Wie viele Prozent aller Doktorarbeiten sind gefälscht?

Bolz: Ah, das zu sagen, ist sehr, sehr schwer. Aber ich meine, es sind jedenfalls sehr, sehr viel mehr, als man erwarten dürfte, wenn man davon ausgeht, wie soll man sagen, dass etwas des wissenschaftlichen Arbeitens überall verbreitet ist. Das ist eben nicht der Fall, vor allen Dingen dort nicht, wo man nur am Rande mit dem Wissenschaftsbetrieb zu tun hat. Die Zahl ist sicher sehr, sehr hoch und die Internet-Software, die jetzt in der Lage ist, Plagiate zu entlarven, wird da sicher erschreckende Zahlen an Plagiaten hervorzaubern.

Meurer: Das betrifft ja offenbar vor allen Dingen externe Doktorarbeiten, also die Doktoranden haben schon einen Beruf, arbeiten und promovieren nebenbei.

Bolz: Richtig!

Meurer: Geht es auch um die anderen Doktorarbeiten, oder stimmt der Eindruck?

Bolz: Nein! Ich glaube, das ist der primäre Fall. Natürlich wird es immer Betrüger geben und wird es auch bei Leuten, die rein aus dem Wissenschaftsbetrieb herauskommen, betrügerische Aktionen geben, Plagiate, Abschreiben, denken Sie nur an die Studenten und das Wikipedia-Problem. Das liegt in der Natur der Sache, dass gerade das Internet und der leichte Zugang zu allen möglichen Daten und Texten verführerisch ist und dass man leicht der Verführung des Betruges hier erliegt, leichter als früher noch. Aber ich vermute einfach mal, dass der Faktor Zeit die ausschlaggebende Rolle spielt und dass Menschen, die schon erfolgreich im Berufsleben stehen, aber eben doch noch gerne Doktor werden möchten, besonders verführt werden durch diese Möglichkeit des Plagiats.

Meurer: Das Internet hat diese Plagiate ermöglicht. Sie sprachen eben an, jetzt gibt es diese spezielle Software zum Aufspüren von Plagiaten. Wird man damit doch in beträchtlichem Maße dem ganzen einen Riegel vorschieben können?

Bolz: Das dauert natürlich seine Zeit, bis für alle möglichen Sach- und Fachgebiete derartige Plagiats-Software vorliegt. Das setzt ja auch eine vollständige Digitalisierung aller relevanten Texte voraus. Da ist man in einigen Bereichen schon sehr, sehr weit, in anderen muss man sich nach wie vor, wie soll man sagen, auch vertrauensvoll mit diesen Dissertationsprojekten beschäftigen. Ein Professor kann gar nicht anders, als darauf vertrauen, dass seine Studenten und erst recht seine Promotionskandidaten ehrlich sind …

Meurer: Aber man erwartet, dass er die Doktorarbeit liest, und offenbar tun sie das nicht, noch nicht mal das.

Bolz: Gut, okay, das will ich gerne einräumen. Ich will da nicht, wenn man so will, einen umgekehrten Generalverdacht aussprechen und sagen, alle Professoren, die da verantwortlich sind, wären, wie soll man sagen, entschuldigt durch den Zwang der Umstände. Es gibt da sicher auch Verfehlungen in der Sorgfaltspflicht. Aber es ist sicher falsch, wenn man alle diese Probleme zurückrechnet auf die Gutachter und auf die Professoren, die damit beschäftigt sind. Es ist illusorisch zu glauben, dass ein Professor jede Fußnote nachprüfen kann in einer Dissertation, die vielleicht 400, 500 Seiten hat.

Meurer: Ganz kurz, Herr Bolz. Darf Silvana Koch-Mehrin Ihrer Meinung nach Europaabgeordnete bleiben?

Bolz: Selbstverständlich nicht! Eine absurde Nichtkonsequenz, die da gezogen wird, wohl nur zu verstehen daraus, dass sie dort enorm viel Geld verdient.

Meurer: Professor Norbert Bolz, Medienwissenschaftler an der TU Berlin, zur Causa Silvana Koch-Mehrin. Danke schön, Herr Bolz, und auf Wiederhören!

Bolz: Sehr gerne! Auf Wiederhören.

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