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StartseiteAls stünde die Zeit still …"Es ist eine ausgleichende Gerechtigkeit für mich"30.04.2005

"Es ist eine ausgleichende Gerechtigkeit für mich"

Leonie Ossowski sieht heute das Positive in der Flucht aus dem Osten

Nach der Teilung Deutschlands durch die Siegermächte 1945 flüchteten etwa zwölf Millionen Menschen gen Westen. Unter ihnen war auch die damals hochschwangere Schriftstellerin Leonie Ossowski. Die Flucht hat sie zu einem politischen Menschen gemacht, sagt sie heute und fügt hinzu, dass sie es "nicht missen möchte, dass ich von zu Hause weg musste."

Von Käthe Jowanowitsch und Stephanie Rapp

"Für mich war der Krieg im Januar zu Ende. Da war alles aus und vorbei. Und wenn man aus einem großbürgerlichen Haus innerhalb von 24 Stunden nur noch mit einem Köfferchen unterwegs ist und nichts hat, nicht einmal Geld, und wenn man mal aufs Klo musste und irgendwie bei fremden Leuten geklingelt hat, und die haben gesagt: Flüchtlinge lassen wir nicht ins Haus - da gehen bei Ihnen im Kopf ganz andere Sachen ab. Und dann denken Sie nicht an Befreiung, sondern dann denken Sie: Wo krieg ich was zu essen, und wo kann ich schlafen?"

Leonie Ossowski wurde am 15. August 1925 in Niederschlesien geboren. Als Tochter des Gutsbesitzers Lothar von Brandenstein verlebte sie eine behütete Kindheit in großbürgerlicher Umgebung. Die Eltern standen in Verbindung zum Widerstandskreis um Carl Friedrich Goerdeler.

"Mein Vater war ein Deutsch-Nationaler, so würde ich das wohl heute bezeichnen. Und auch meine Großmutter hatte immer eine ganz merkwürdige Art, die machte immer nur so "Heitler", so ganz merkwürdig, um ihren Protest auszudrücken. Es war eigentlich klar: die Eltern waren gegen Hitler, was mich zum Beispiel provozierte, das Gegenteil zu tun: Ich war ein begeistertes Jungmädchen für eine Jungmädchenführerin."

Im Januar 1945 begann der letzte Akt des Krieges. Fast zweihundertfünfzig sowjetische Divisionen traten zum Sturm auf das Deutsche Reich an. Am 20. Januar überschritt die erste Ukrainische Front unter Marschall Iwan Konew die Reichsgrenze. Millionen Deutsche aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern flohen vor den Rotarmisten bei Schnee und Kälte nach Westen.

"Jeder durfte nur einen Koffer mit 20 Kilo mitnehmen, und meine Mutter hat den Treck angeführt vom Dorf. Dadurch, dass das Gut über 700 Jahre in der Familie war und immer weiblich vererbt wurde, gab es Unmengen von Schmuck. Und meine Großmutter sagte, das ist ihr Schmuck, und sie wollte den haben, und da hat meine Mutter ihr so eine Hebammentasche gepackt und den Schmuck in Seidenpapier. Und die war bis oben hin voll mit dem irrsten Schmuck. Sie können sich’s nicht vorstellen. So, und da saß die Großmutter mit der Tasche auf dem Leiterwagen und fuhr in die Welt. So, und in Dresden stieg sie aus, weil sie ihre Schwester besuchen wollte. Und dann kam der große Angriff, und von dem Schmuck ist nichts mehr da. Und die Großmama war dann verschwunden, wir haben sie erst nach einem halben Jahr wieder gefunden. Wir waren alle sehr gespannt und sagten: Großmama, und was ist mit dem Schmuck? Und dann erzählte sie die Geschichte, und dann guckte sie hoch und sagte: was guckt Ihr denn so? Den kann man doch heutzutage nicht mehr tragen. Dass man den verkaufen könnte, auf die Idee wäre sie nie gekommen."

Leonie Ossowski war im Frühjahr 1945 neunzehn Jahre alt. Jung verheiratet, erwartete sie ihr erstes Kind. Auf der Flucht war sie mit ihrem Mann nach Thüringen gelangt.

"Unsere erste Station war dann Bad Salzungen. Und von dort kamen wir auf einen ganz kleinen Bauernhof, der auch gleichzeitig eine Gaststätte war. Und wenn wir auf den Feldern gearbeitet hatten - ich war damals schon hochschwanger - dann kamen die Amerikaner mit Tieffliegern und beschossen uns. Und das war sehr unangenehm, weil ich musste mich immer auf meinen dicken Bauch auf die Erde schmeißen, damit die uns nicht direkt sahen. Hatten wir schon ein bisschen Angst? Ja. Und deswegen war der 8. Mai wundervoll."

"Auf der Autostraße zogen die amerikanischen Soldaten in großer Hitze vorbei, und wir sind dann losgestürmt mit vollen Biergläsern, reichten ihnen Bier und bekamen dafür Zigaretten und Kaffee. Das war ein tolles Geschäft, ging ungefähr 48 Stunden, dann hatten die Amerikaner auch das Gasthaus gefunden, und damit war der Deal gelaufen. So sah für mich der 8. Mai aus. Es war nur Erleichterung und keine Angst mehr."

Auf der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 beschlossen die Siegermächte, vertreten durch den amerikanischen Präsidenten Harry Truman, den britischen Premier Winston Churchill und den sowjetischen Staatschef Josef Stalin, die Teilung Deutschlands. Auf Betreiben Stalins wurde die Oder-Neiße-Linie zur Ostgrenze. Eine Völkerwanderung quer durch Europa begann. Nicht allein Flüchtlinge und Vertriebene, auch entlassene Soldaten, Verwundete, Evakuierte, ehemalige Zwangsarbeiter, die Überlebenden der Konzentrationslager und zurückkehrende Emigranten waren unterwegs - etwa zwölf Millionen Menschen auf der Suche nach ihren Familien, ihren Heimatorten oder einem neuen Zuhause.

"Wenn man die Vertreibung sieht von den Ostgebieten. Es ist eine ausgleichende Gerechtigkeit für mich. Aber: Ich bezeichne mich unter anderem auch als Opfer des Krieges. Nur eines Krieges, den die Deutschen angezettelt haben. Und dafür habe ich bezahlen müssen. Und dadurch halte ich es auch für eine Art Ausgleich, dass Polen das Land bekommen haben. Das ist eine Verschiebung. Wenn ich das sage, dass die Flucht mich zu einem politischen Menschen gemacht hat, dann muss ich dazu sagen, dass ich heute es nicht missen möchte, dass ich von zu Hause weg musste. Dadurch habe ich sehr viel gelernt, weil ich mich gefragt habe: Ich will wissen, wie so etwas passiert. Die Trauer der Deutschen über ihre Geschichte war für mich sehr selten erkennbar. Ich wüsste nicht, in welcher Zeit Deutsche wirklich getrauert hätten. Sicherlich in Familien und in einzelnen Personen, aber als Volk? "

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