Sonntag, 09.05.2021
 
Seit 09:30 Uhr Essay und Diskurs
StartseiteInterview"Es ist eine jämmerliche Veranstaltung"16.10.2008

"Es ist eine jämmerliche Veranstaltung"

Literaturjournalist Shelliem zum türkischen Buchmesse-Auftritt

Johannan Shelliem, Literaturjournalist, bemängelt die aus seiner Sicht politisch gewollte, eingeschränkte Bandbreite der Eigenpräsentation der Türkei auf der Buchmesse. So fehlte jeder Hinweis auf Kurden und Armenier. Literarisch sei die Türkei aber "aus der Nische" gekommen.

Johannan Shelliem im Gespräch mit Christoph Schmitz

Unter dem Motto "Türkei - Faszinierend farbig“ steht die Türkei als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Mittelpunkt. Im Bild: Hanife Icten, Mitarbeiterin der Frankfurter Buchmesse. (Frankfurter Buchmesse / Fernando Baptista)
Unter dem Motto "Türkei - Faszinierend farbig“ steht die Türkei als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Mittelpunkt. Im Bild: Hanife Icten, Mitarbeiterin der Frankfurter Buchmesse. (Frankfurter Buchmesse / Fernando Baptista)

Christoph Schmitz: Die Türkei ist der diesjährige Ehrengast der Buchmesse. Unter dem Motto "Faszinierend farbig" präsentiert sie sich als modernes Land mit Tradition, wie es hier in Presseerklärungen heißt. "Wiedergewonnenes Palimpsest" lautet der spröde Titel der Ausstellung hier auf Messe über die Schriftkultur des Landes. Zahlreiche Übersetzungen aus dem Türkischen ins Deutsche liegen in diesem Jahr vor. 350 Neuerscheinungen sind es insgesamt, davon 80 belletristische Titel. Dutzende türkische Autoren sind hier unterwegs in Frankfurt, in ganz Deutschland. Neben Orhan Pamuk, Schriftsteller wie Mario Levi, Zülfü Livaneli oder Perihan Magden. Johannan Shelliem, als Literaturjournalist kennen Sie das Land, die Türkei. Sie haben heute Morgen auch die Ausstellung gesehen, "Wiedergewonnenes Palimpsest", um damit zu beginnen. Was wird gezeigt und was will man damit sagen, mit dem, was man zeigt?

Jochannan Shelliem: Diese Ausstellung straft den Präsidenten Lügen. In der Ausstellung wird genau das Bild gezeigt, was in der Eröffnung negiert worden ist. In der Eröffnung sagt man, wir sind ein Vielvölkerstaat. In der Ausstellung wird eine kemalistische Nation auf dem Weg zur Identitätsfindung gezeigt. Und auf diesem Weg, es ist eine Paradestraße, eine Prachtstraße, eine Marschstraße, mich erinnert sie an die Straße 17. Juni in Berlin, geht es links ab in die Vergangenheit, geht es rechts ab in die Zukunft. Es werden die Schriftsteller präsentiert, Orhan Pamuk ist der Erste auf der rechten Seite zur Moderne mit ein paar Romanen, die er geschrieben hat. Jeder kriegt sie in Zeilen. Zur linken in die Vergangenheit, gibt es den Poeten, der die Nationalhymne gedichtet hat. Es gibt einen, der wieder berühmt ist heute für Soap Opera, weil die türkischen Fernsehgesellschaft sich auf ihn beziehen. Aber es gibt nicht einen einzigen Kurden, es gibt nicht einen einzigen Armenier. Es gibt das Türkische im Armenischen, im Griechischen, aber es gibt keine einzigen Verweis auf die andersgerichteten Wurzeln und es gibt dann noch ein blankes Dutzend. Und das ist ein Jammertal für eine Türkei. Wenn ich böse wäre, würde ich sagen, die Lehman Brothers haben diese Ausstellung nach dem Crash gemacht, der kann wirklich nicht viel gekostet haben, was sie da präsentiert haben. Aber es gibt gerade ein Dutzend Bücherchen, die aus dem Topkapi und andere Museen gebracht werden, die hinter Glas präsentiert werden. Es ist eine jämmerliche Veranstaltung, die da zu sehen ist.

Schmitz: Gehen wir dann eben vom Jammertal lieber auf den Berg, auf die Höhen der Literatur, die Sie kennen. Sie haben zahlreiche Titel gelesen, vielleicht alle, die ins Deutsche übersetzt worden sind, haben in den letzten Jahren mit vielen Autoren in der Türkei gesprochen. Helfen Sie uns doch, eine Bresche ins literarische Gestrüpp jenseits des bekannten Waldes von Orhan Pamuk zu schlagen. Um welche Themen kreisen die belletristischen Arbeiten junger, neuer türkischer Literatur?

Shelliem: Das Ganze hat ja ein System. In der Türkei findet augenblicklich mit leisen Tönen, mit diplomatischen Tönen, die wir bei der Eröffnung gesehen haben, aber auch mit einer ganz klaren kemalistischen Präsentation im Pavillon, im türkischen Pavillon, ein Kulturkampf statt. Dieser Kulturkampf besteht darin, dass man in der Türkei schreiben kann, was man möchte. Aber es kann auch zufällig sein, dass man verklagt wird. Elif Shafak wurde verklagt, weil eine ihrer Protagonistinnen Bezug genommen hat, eine armenische Protagonistin Bezug genommen hat auf die Morde. Eingeladen worden sein soll zum Beispiel Migidic Margosyan. Ich habe ihn bisher nicht ausfindig machen können. Es gibt sehr viele Romane, die hier als politisch verstanden werden können. Sebnem Isigüzel zum Beispiel, am Rand heißt das vornehm auf Deutsch. Auf Türkisch heißt das einfach Müll. Da wird das ganze Unterfutter dieser Stadt Istanbul gezeigt. Da wird auch ganz klar die politische Aussage gesagt, die Türkei sollte sich ihrer Vergangenheit stellen und diesem Maß an Gewalt und an verdrängter Gewalt stellen. Es gibt Romane, die auch die Guerilla, die den Militärputsch thematisieren. An literarischen Themen, an Botschaften, auch an osmanischen Botschaften, und da ist der Rückschritt wieder ein Fortschritt. Weil wenn Mario Levi die jüdische Geschichte Istanbuls, "Istanbul war ein Märchen" heißt das Buch, wenn er die thematisiert, dann ist das ja wieder eine Absage an die kemalistische Einheitsnation, die die Militärs gern wollen. Das Ganze ist ein Patt. Das heißt, es gibt dann auch noch "Die Barrikadenstürme" von Perihan Magden, die Sie erwähnt hatten.

Schmitz: Aber wird denn dieser Kulturkampf thematisiert?

Shelliem: Nein.

Schmitz: Das nicht?

Shelliem: Nein, wir sprechen ja von der Türkei. Und da ist doch der Trick an der Geschichte. In der Türkei kann man wunderbar aneinander vorbeireden. Und zwar geht das ganz genau so lange, bis ein fundamentalistischer Staatsanwalt so stark ist, dass er Anklage erheben kann. Und mit diesen Prozessen haben frühere Generationen von Schriftstellern gelebt und leben die heutigen auch, mit der Schere im Kopf.

Schmitz: Weg von der Politik mal hin zur Ästhetik. Welche besonderen ästhetischen Handschriften haben Sie entdeckt?

Shelliem: Die ästhetischen Handschriften werden bei der Übersetzung sehr gefiltert. Bei uns kommen die amerikanischen linear erzählten Geschichten an. Die meisten Romane, Elif Shafak, sind sehr flüssig geschrieben, sind sehr mitreißend. Das Palimpsest ergibt sich im Roman. Aber sie holen uns da ab, wo wir stehen. Wir werden nicht konfrontiert, weder mit religiösen Schriften noch mit mystischen Elementen. Die meisten Verlage, die meisten türkischen Verlage auf der Buchmesse sind religiöse Verlage. Das widerspiegelt auch das Land. Aber die Inhalte, die zu uns kommen, gerade auch durch die großen Verlage, die gehen dann auch über die Übersetzungs- und Verkaufsmöglichkeiten auf unsere Bedürfnisse ein.

Schmitz: Ein letztes Wort vielleicht zu dieser Literaturlandschaft. Gibt es eine Literatur, die hier nicht ankommt, haben Sie davon erfahren und was erzählt diese Literatur?

Shelliem: Ich denke, seit Orhan Pamuk den Nobelpreis bekommen hat, hat sich einiges getan und die Türkei ist erfolgreich aus den Nischen da ein bisschen in die Mitte gerückt. Für emanzipierte Frauen, für junge Frauen "Zwei Mädchen" von Perihan Magden, ist ein spannender, wilder Roman über zwei Mädchen, die ihre pubertäre Liebe ausleben wollen. Mario Levi ist für die jüdische Gemeinde auf der ganzen Welt interessant. Das heißt, der Stolz, den Orhan Pamuk artikuliert hat auf der Eröffnungsrede, ist berechtigt. Die Türkei ist aus der Nische draußen. Aber ob sie das in Wirklichkeit dann am Bosporus und in Ankara umsetzen kann, das ist eine ganz andere Geschichte.

Schmitz: Johannan Shelliem, vielen Dank für das Gespräch und für den Überblick zur türkischen Literatur!

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk