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StartseiteKultur heute"Es muss solche Kanäle geben"12.04.2010

"Es muss solche Kanäle geben"

Journalist über die Internetseite WikiLeaks

Die Internet-Seite WikiLeaks veröffentlicht brisante Daten und Dokumente zu meist politischen Themen. Das Material wird anonym eingestellt und dient Journalisten weltweit als Anregung für tiefgehende Recherchen. Der Journalist Albrecht Ude vom Netzwerk Recherche unterstützt diese Form der anonymen Preisgabe.

Albrecht Ude im Gespräch mit Beatrix Novy

Screenshot der Internetseite WikiLeaks.  (screenshot)
Screenshot der Internetseite WikiLeaks. (screenshot)

Beatrix Novy: Letzte Woche erfuhr die Welt von einer Untat, die mitten in Bagdad begangen wurde: US-Soldaten hatten im Jahr 2007 von einem Hubschrauber aus mehrere Menschen auf der Straße erschossen. Sie hielten sie für bewaffnete Terroristen, obwohl weder Aussehen noch Verhalten der Passanten darauf hinweisen, so jedenfalls zeigt es sich auf dem Video, das jetzt der Weltöffentlichkeit bekannt wurde. Diese Aufnahmen, von Bord des Hubschraubers aus gemacht, waren der Organisation WikiLeaks zugespielt worden. Leak heißt Leck, WikiLeaks sucht die Lecks in den Barrieren, die um unliebsame Wahrheiten herum aufgerichtet werden, zum Beispiel vom Pentagon. Der Journalist Albrecht Ude gehört dem Netzwerk Recherche an, das den vernachlässigten investigativen Journalismus beleben will. Frage an ihn: Wie arbeitet eigentlich WikiLeaks?

Albrecht Ude: WikiLeaks hat ganz einfach eine Website mit einem sogenannten Uploadbereich, wo man Dateien zu WikiLeaks überspielen kann, und dann sind die Dateien bei WikiLeaks und werden von denen veröffentlicht, vorausgesetzt, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt und vorausgesetzt, dass nichts dem entgegensteht wie beispielsweise Bruch der Privatsphäre oder diplomatische Verwicklungen oder so etwas. Das Neue an WikiLeaks ist, dass dieses Herausgeben der Datei mit sehr, sehr hoher, man kann eigentlich auch sagen hundertprozentiger Anonymität geschehen kann für denjenigen, der die Datei herausgibt. Das ist in der Tat was Neues.

Novy: Sind die WikiLeaks-Mitglieder selber auch anonym?

Ude: Zum großen Teil ja. Natürlich gibt es einige Figuren, einige Personen, die bekannt sind, zum Beispiel Julian Assange, das ist sozusagen der führende Kopf der WikiLeaks, ein Australier.

Novy: Dieses Video erinnert ja frappant, das hat viele beschäftigt, an die Simulation in Kriegsspielen und da es auch ein ungeheuerliches Geschehen ist, was man da verfolgt, erweckt das in einem fast den Wunsch, es könnte so etwas sein. Was spricht überhaupt dafür, dass das Video echt ist?

Ude: Also ob dieses Video, was einen Vorfall vom 12. Juli 2007 zeigt, tatsächlich echt ist, das muss jeder Journalist, der es verwenden will, eigentlich selbst prüfen. Das heißt, er muss sich zunächst einmal von WikiLeaks die Datei herunterladen, muss gucken, ob zum Beispiel irgendwelche Metadaten drin sind, irgendwelche Spuren drin sind. Er muss dann ganz einfach Faktenkontrolle machen: Wie wahrscheinlich oder wie wahr ist das? Ich meine, da sind zwei Reporter, zwei Mitarbeiter von Reuters ermordet worden, natürlich müsste man bei Reuters erst einmal nachfragen, stimmt das, was ist denn da überhaupt passiert, was habt ihr unternommen? Denn Reuters hat ja angeblich nach dem Freedom of Information Act selbst schon versucht, dieses Video zu bekommen und wollte Auskünfte haben, was hat die US-Armee damals gemacht? Die aber hat auf stur geschaltet und hat gar nichts gesagt.

Novy: Und wer hat jetzt mutmaßlich oder womöglich das Video herausgegeben oder an WikiLeaks überspielt?

Ude: Darüber kann man nur spekulieren. Es ist Teil des Konzepts von WikiLeaks, dass sie grundsätzlich nichts zu ihren Quellen sagen, das heißt hundertprozentiger Informantenschutz, was im Journalismus ja auch eine sehr übliche und wichtige Sache ist. Ich persönlich vermute mal, dass es sich nicht um eine Fälschung handelt, aber ich sage gleich dazu, das habe ich nicht gecheckt.

Novy: Es gibt auch Kritik an der Organisation WikiLeaks, nämlich dass sie Gefahr liefe, selber zu einer Art Geheimorganisation zu werden, weil eben die Mitglieder klandestin arbeiten, sich bedeckt halten, weil WikiLeaks mit jeder Geheimniskrämerei aufräumen will; an oberster Stelle stehen natürlich Diktaturen als Angriffsziele, aber nicht nur sie. Und da gibt es Befürchtungen, dass WikiLeaks auch die Privatsphäre verletzen könnte im Eifer alles aufzudecken. Ist so was schon passiert?

Ude: Also einen konkreten Fall, dass WikiLeaks schon einmal durch eine Veröffentlichung die Privatsphäre verletzt hätte, ist nicht bekannt. Was WikiLeaks permanent macht, ist eben, das sogenannte Whistleblowing zu unterstützen, das heißt die Herausgabe von Informationen, die eigentlich intern sind. Aber das halte ich als Journalist für eine gute Sache. Als Beispiel – obwohl das nun nichts mit WikiLeaks zu tun hat – einfach die Gammelfleischskandale, die wir in Deutschland hatten: Eigentlich alle Skandale, wo verdorbenes Fleisch verkauft worden ist, um dann wirklich verzehrt zu werden sind ja nicht herausgekommen durch die normale Lebensmittelkontrolle, sondern durch Personen in den Firmen, die davon wussten und die irgendwann, nach Möglichkeit anonym eben, an die Medien und an die Öffentlichkeit gegangen sind. Das ist eigentlich ein Verrat von Geschäftsgeheimnissen, aber dem steht natürlich gegenüber ein sehr hohes öffentliches Interesse, dass eben kein verdorbenes Fleisch in Umlauf kommt. Es muss solche Kanäle geben und WikiLeaks ist in gewisser Weise nichts anderes als die moderne Umsetzung dieses Kanals.

Novy: Besteht nicht trotzdem die Gefahr, dass das öffentliche Interesse manchmal missverstanden wird und Dinge, die durchaus geheim bleiben sollten, dann trotzdem an das Licht der Öffentlichkeit kommen, auch wenn niemandem geschadet wird, wenn es nicht so wäre?

Ude: Die Gefahr besteht sicherlich auf jeden Fall und immer, das muss man im Einzelfall entscheiden, aber es gibt einen sehr schönen Spruch, ich weiß nicht mehr von welchem Journalisten: Information ist nur das, dessen Herausgabe irgendjemand verhindern will, alles andere ist Werbung. Das ist gerade für Journalisten eigentlich ein ganz gutes Motto. Es ist völlig klar, wenn man Informationen herausgibt, die sensibel sind, dass irgendjemand sich auf die Füße getreten fühlt. Die Frage ist halt, gibt es ein öffentliches Interesse oder nicht.

Novy: Das war Albrecht Ude zum Thema WikiLeaks und die Bilder des Krieges.

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