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StartseiteKultur heute"Es musste einen Schießbefehl geben"12.08.2007

"Es musste einen Schießbefehl geben"

Historiker Stürmer: Am Ende der Befehlskette wird nicht improvisiert

Im Zusammenhang mit dem bei der Birthler-Behörde gefundenen Schießbefehl an der Berliner Mauer hat der Historiker und Publizist Michael Stürmer betont, dass beim Militär grundsätzlich "von oben nach unten befohlen und nicht von unten nach oben improvisiert" werde. Daher sei der Fund auch keineswegs überraschend.

Moderation: Burkhard Müller-Ullrich

Das Archivbild von 1962 zeigt einen Soldaten der Nationalen Volksarmee, rechts, der einen Bauarbeiter bei der Reparatur der Berliner Mauer an der Bernauer Straße beaufsichtigt. (AP)
Das Archivbild von 1962 zeigt einen Soldaten der Nationalen Volksarmee, rechts, der einen Bauarbeiter bei der Reparatur der Berliner Mauer an der Bernauer Straße beaufsichtigt. (AP)

Burkhard Müller-Ullrich: Unser erstes Thema aber ist durch einen Zufallsfund vorgegeben, eine Archivalie, aufgetaucht bei der sogenannten Birthler-Behörde, Außenstelle Magdeburg. Sie haben es wahrscheinlich schon in den Nachrichten gehört. Gefunden wurde ein Schriftstück, in dem es wörtlich heißt: "Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben." Dieser furchtbare Text ist ein Dienstbefehl, gerichtet an eine bislang unbekannte Stasi-Spezialeinheit, die die Grenzsoldaten der DDR zu überwachen hatte. Am Telefon ist jetzt der Historiker und Publizist Michael Stürmer. Herr Stürmer, hat Sie die Existenz dieses Schießbefehls überrascht?

Michael Stürmer: Überrascht hat mich die ganze Entdeckung überhaupt nicht, denn erst mal wird beim Militär grundsätzlich von oben nach unten befohlen und nicht von unten nach oben improvisiert, wenn dort geschossen wurde, dann war es klar, es musste einen Schießbefehl geben. In der Regel erfolgt so etwas schriftlich, aber je heikler es wird, je gefährlicher es wird, desto weniger wird es schriftlich gegeben. Im Dritten Reich hat es entscheidende Befehle gegeben, die überhaupt nur mündlich waren. Darunter kam dann "geheime Kommandosache" und in der DDR war das nicht anders. Aber es gibt nun diesen Befehl, wir wissen das, und er ist genau so brutal, grausam, unerbittlich, wie wir es uns gedacht haben.

Müller-Ullrich: Sie haben gerade selbst die Verbindung zum Dritten Reich gezogen, der sogenannte Vernichtungsbefehl - es gibt ihn immer noch nicht oder er wurde nicht gefunden, dass Hitler die sogenannte Endlösung befohlen hätte. Die Frage ist natürlich dann: Ist es überhaupt wichtig? Gerade auch im Lichte dessen, was Sie eben sagten, es ist eine Selbstverständlichkeit. Haben wir Deutschen so einen Aktenwahn, dass wir irgendwie jetzt nur noch nach Aktenlage entscheiden können?

Stürmer: Ich glaube, Sie stellen schon die richtige Frage. Entscheidend ist das Ergebnis, und da man davon ausgehen muss, dass weder im Dritten Reich noch in der DDR noch in der Sowjetunion mit solchen letzten, ernstesten Dingen improvisiert wurde oder das dem kleinen Mann da am unteren Ende der Befehlskette überlassen wurde, ist es völlig klar: Es muss so etwas gegeben haben und nicht nur Billigung von oben oder gar Ignoranz von oben. Das sind Spitzfindigkeiten aus Seminaren, aber das ist nicht im praktischen Leben denkbar.

Müller-Ullrich: Ändert sich denn irgendetwas durch das Auffinden?

Stürmer: Na ja. Es wird schon etwas schwieriger für die Erben der SED, an denen es ja nicht fehlt leider, das alles so wegzuwischen und es wird auch sehr viel schwieriger, die DDR nachträglich zu verklären, so wie es ja merkwürdigerweise dem Stasi- und SED-Staat geschehen ist. Ich glaube, dass es schon gut ist, dass dieser Befehl gefunden worden ist, um Klarheit und Wahrheit herzustellen.

Müller-Ullrich: Aber noch ist er ja relativ weich und schwammig, das heißt, er ist nicht genau zuzuordnen. Wer hat ihn geschrieben, wann und in welchem Zusammenhang?

Stürmer: Ach, wissen Sie, es gibt in allen Systemen, in allen politischen Systemen, den Versuch, möglichst wenig wirklich Verfängliches auf Papier zu hinterlassen und dann gar noch mit Briefkopf, also ordnungsgemäß abzuzeichnen. Auf unterer Behördenebene findet so was statt, aber je höher rauf, desto weniger ist das so. Historiker lieben es natürlich immer sauber und ordentlich, im realen Leben ist das eben nicht so. Und deshalb bleibt hier der Blick auf das bittere Ende, und das bittere Ende ist, dass Tausende von Leuten erschossen worden sind. Und die sind nicht improvisiert erschossen worden von irgendwelchen Privatmördern, sondern von Staatsmördern.

Müller-Ullrich: Was wir natürlich alles schon wussten, insofern stellt sich die Frage: Die große öffentliche Aufregung, die heute durch Deutschland geht - worauf gründet sie sich wirklich?

Stürmer: Ja, auf einer gewissen Naivität. Wie hatte man sich das denn sonst gedacht? Die DDR wird ja inzwischen wirklich verklärt, viele frühere aus dem Osten - nicht alle, beileibe nicht, aber viele - erklären, dort sei alles viel menschlicher und gemütlicher gewesen. Nun, ein Regime, was seine Bürger durch Schießbefehle zwingen muss, zu Hause zu bleiben und die Republik nicht zu verlassen, ein solches System schafft natürlich ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl bei privaten, unschuldigen Menschen, aber es ist natürlich in sich grausam und widermenschlich.

Müller-Ullrich: Reicht das Gefundene schon aus, um Prozesse in Gang zu bringen?

Stürmer: Nein, dazu muss es viel spezifischer sein. Das ist klar. Und die Prozesse sind ja auch geführt worden, sie sind immer unter der Annahme geführt worden, dass Mielke und andere dafür verantwortlich sind. Es muss ja wohl bei Mielke oben angekommen sein, erst bei Ulbricht und dann bei Honecker - der Befehl stammt ja meines Wissens aus dem Jahre 1973, also, das ist die Übergangsphase -, ohne das geht es nicht. Das muss ganz oben gewesen sein. Aber der hat dann natürlich gesagt, wissen Sie, da gibt es klassische Stellen in der Literatur, Elisabeth I. lässt Maria Stuart umbringen, aber sie sagt das doch nicht deutlich. Sie deutet es an, aber lässt alles offen, eingeschlossen der Tatsache, dass sie anschließend den juristischen Mörder der Maria Stuart wegen Hochverrat belangen würde. Das machen nun mal die Mächtigen so. Jetzt noch da neue Prozesse. Ich fürchte, das wird nicht gehen, weil es zu unbestimmt ist und man so etwas ja sehr zielgerichtet ad personem haben muss. Wir haben ja nicht Institutionen vor Gericht gestellt wie etwa die Staatssicherheit oder die SED, die ja der Staatssicherheit befahl.

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