Sonntag, 19.08.2018
 
Seit 05:05 Uhr Auftakt
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Es war einmal in Palästina03.03.2008

Es war einmal in Palästina

Erinnerungen von Sari Nusseibeh

In diesen Tagen erscheinen die Erinnerungen von Sari Nusseibeh, dem Präsidenten der palästinensischen Al-Quds-Universität, auf Deutsch. Nusseibeh entstammt einer alteingesessenen Familie Jerusalems, wurde in Harvard und Oxford zum Politikwissenschaftler und Philosophen ausgebildet und setzt sich seit Jahren für eine friedliche Lösung im Konflikt mit Israel ein.

Sari Nusseibeh, der in Harvard über islamische Philosophie promovierte, gehörte in der ersten Intifada der geheimen palästinensischen Führung an.  (AP)
Sari Nusseibeh, der in Harvard über islamische Philosophie promovierte, gehörte in der ersten Intifada der geheimen palästinensischen Führung an. (AP)

Auszug Amos Oz "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis", gelesen von Ulrich Matthes: Geboren und aufgewachsen bin ich in einer kleinen niedrigen Erdgeschosswohnung von etwa 30 Quadratmeter. Meine Eltern schliefen auf einem Bettsofa, das abends, wenn es ausgezogen war, das Zimmer fast von Wand zu Wand ausfüllte. Frühmorgens schoben sie dieses Sofa wieder völlig in sich zusammen, verbargen das Bettzeug im Unterkasten, klappten die Matratze zurück, zurrten alles fest, breiteten einen hellgrauen Überwurf über das Ganze, und streuten ein paar bestickte orientalische Kissen darüber, so das jedes Indiz ihres nächtlichen Schlafes beseitigt war. So diente ihr Schlafzimmer auch als Arbeitszimmer, Bibliothek, Esszimmer und Wohnzimmer.

Mit diesen Worten beginnt "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" von Amos Oz, dem hierzulande wohl bekanntesten israelischen Schriftsteller. Ein Roman und ein monumentales Erinnerungswerk zugleich: Die Geschichte Israels vor und nach der Staatsgründung 1948, die Geschichte seiner osteuropäischen Einwanderer, der Überlebenden von Pogromen und Verfolgung. Wie eine Antwort auf Amos Oz lesen sich die Erinnerungen von Sari Nusseibeh, dem Präsidenten der palästinensischen Al-Quds-Universität, die in diesen Tagen auf Deutsch erscheinen. Nusseibeh entstammt einer alteingesessenen Familie Jerusalems, wurde in Harvard und Oxford zum Politikwissenschaftler und Philosophen ausgebildet und setzt sich seit Jahren für eine friedliche Lösung im Konflikt mit Israel ein. "Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina" hat er seine Erinnerungen genannt. Bettina Marx hat sie gelesen.


Für den israelischen Geheimdienst Shin Bet war er jahrelang der gefährlichste aller Palästinenser. Und vielleicht ist er es auch heute noch. Sari Nusseibeh, Präsident der Al-Quds-Universität in Jerusalem, Intellektueller, Philosoph, Friedensaktivist.

Dabei geht von ihm so gar nichts Bedrohliches aus. Mit seinem dichten weißen Haar, seiner nachlässigen Kleidung und seinem freundlichen Gesicht wirkt er nicht gerade wie ein Terrorist. Doch es ist gerade sein harmloses Äußeres, sein mildes professorales Erscheinungsbild, hinter dem die israelischen Sicherheitsbehörden die Gefahr lauern sehen. Er sei ein Wolf im Schafspelz, warf ihm ein Geheimdienstagent einmal wütend vor. Gerade vor Leuten wie ihm müsse Israel sich in Acht nehmen.
Sari Nusseibeh, ein erklärter Pazifist, der ausschließlich mit gewaltlosen Mitteln seine Ziele erreichen will, amüsiert sich darüber. Im arabischen Fernsehsender Al Jazeera sagte er:

" Ich glaube, es war einer der israelischen Sicherheitsminister, Uzi Landau, der mich gefährlich nannte, eine extrem rechts-gerichtete Person. Er denkt, jeder Palästinenser ist gefährlich. Aber er zählt zu den gefährlichen Personen auch diejenigen, die wie ich, ihre Meinung nur durch Worte ausdrücken. "h

Sari Nusseibeh ist ein Meister der Worte. In seinem Buch "Es war einmal ein Land" legt er davon Zeugnis ab. Über 500 Seiten breitet er die Geschichte des palästinensisch-israelischen Konflikts aus, die Geschichte, die auch zugleich seine eigene Biographie ist.

Im Jahr 1949 in Damaskus geboren, wohin sich seine Mutter vor den Wirren des Krieges geflüchtet hatte, wuchs er in Jerusalem auf, der Juden und Muslimen gleichermaßen heiligen Stadt. Seine Kindheit verbrachte Nusseibeh in einem alten arabischen Steinhaus im Ostjerusalemer Stadtviertel Wadi Joz, nur wenige Meter neben der Grenze, die seit 1948 Jerusalem in zwei Hälften spaltete, eine westliche jüdische und eine östliche, unter jordanischer Herrschaft stehende arabische. Jenseits der Grenze, keine fünfzig Meter vom Elternhaus Nusseibehs entfernt, wuchs der rund zehn Jahre ältere Amos Oz auf, der später einer der bedeutendsten israelischen Schriftsteller werden sollte.

" Als kleiner Junge saß Amos Oz auf dem Fußboden der kleinen dunklen Wohnung seiner Eltern und ersann komplizierte Militärstrategien zur Verteidigung des jüdischen Volkes. Seine kindliche Fantasie war erfüllt vom Dröhnen der Kampfjets und kühnen Vorstößen über feindliche Linien, doch er wusste nichts von den uralten, mit Kopfstein gepflasterten Gassen der Altstadt oder vom Haram el Sharif, dem Edlen Heiligtum, wo Mohammed mit Al-Burak gelandet war. Auch hatte er keine Ahnung, wie sehr meine Mutter unter dem Unrecht litt, dass ihr eben jene zionistische Bewegung angetan hatte, der Amos Oz sein Leben verdankte. "

Amos Oz, der international vielleicht renommierteste israelische Romancier und Essayist, hat seine Lebenserinnerungen in seinem Buch "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" zu Papier gebracht. Es ist ein ergreifendes, melancholisches Werk, das für Sari Nusseibeh zu einer Offenbarung wurde und zum Anstoß, seine eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben.

" Dass die Araber in den Kindheitserfahrungen von Amos Oz praktisch nicht vorkamen, veranlasste mich, darüber nachzudenken, wie ich selbst groß geworden war. Was hatten meine Eltern von seiner Welt gewusst? Hatten sie von den Vernichtungslagern gehört? Waren nicht beide Konfliktparteien so auf ihre je eigene Tragödie fixiert, dass sie einfach vergaßen oder nicht hören wollten, was die andere Seite zu erzählen hatte? Ist diese Unfähigkeit, sich das Leben der "anderen" vorzustellen, nicht der Kern des israelisch-palästinensischen Konflikts? "

Der Konflikt trat im Jahr 1967 in Nusseibehs bis dahin behütetes Leben. Israel eroberte im Sechs-Tage-Krieg das Westjordanland und den Gazastreifen. Mit einer israelischen Linienmaschine flog Nusseibeh von England, wo er gerade sein Studium beginnen wollte, nach Tel Aviv, um von dort in seine besetzte Heimatstadt Jerusalem zurückzukehren. Es war ein Ereignis, das ihn für alle Zeit prägen sollte.

" Die [...] Israelis waren nicht annähernd von so kräftiger und wagnerianischer Statur, wie man mir weisgemacht hatte. Am meisten erschütterten mich ihre einfache Kleidung und ihre rüpelhafte Gestik, die an Standbetreiber auf dem Altstadtbasar erinnerten. Ihr proletarisches Erscheinungsbild hob meine Stimmung durchaus. Wie ich bereits vermutete, seit ich über feindliche Radiosender die Beatles gehört hatte, waren die Israelis genauso normale Menschen wie wir. "

Sie sind Menschen wie wir. Das ist das Credo von Sari Nusseibeh. Diese Erkenntnis, die sich ihm am Flughafen von Tel Aviv im Jahr 1967 offenbarte, begleitet ihn seither. Sie prägt sein gesamtes erwachsenes Leben und ist die Triebfeder seines Engagements für eine friedliche Lösung des Konflikts. Im Interview mit dem arabischen Fernsehsender Al Jazeera sagte er vor wenigen Wochen:

" Im objektiven Sinne sind wir einfach Nachbarn und wenn man sich das objektiv anschaut, dann müssen wir einfach zusammen leben, wir müssen herausbekommen, was uns langfristig am besten nutzt. Amerikaner, die Briten und die Europäer sind unsere Freunde, aber sie leben weit weg. "

Sari Nusseibeh, der in Harvard über islamische Philosophie promovierte, gehörte in der ersten Intifada der geheimen palästinensischen Führung an. Im Jahr 1995 wurde er Präsident der Al-Quds-Universität in Ostjerusalem. Doch er verschwand nicht im wissenschaftlichen Elfenbeinturm. Auch als Präsident der Al-Quds-Universität setzte er seinen gewaltlosen Kampf gegen die Besatzung und für einen eigenen palästinensischen Staat fort. Zusammen mit dem früheren israelischen Admiral und Geheimdienstchef Ami Ayalon startete Nusseibeh im Jahr 2003 eine Friedensinitiative, die als Blaupause für künftige Verhandlungen dienen könnte. Kernpunkt des Papiers ist ein weitgehender Verzicht der Palästinenser auf ein Rückkehrrecht der Flüchtlinge in den israelischen Staat. Es sei sinnlos, auf einem Recht zu bestehen, dass niemals umgesetzt werden könne, weil es die israelische Existenz bedrohen würde, so Nusseibeh.

" Die Frage nach dem Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge ist die schwierigste und schmerzlichste Frage überhaupt. Und natürlich haben die Israelis sehr offen erklärt, dass sie ein palästinensisches Rückkehrrecht in den israelischen Staat nicht zulassen werden. Daher ist mein Vorschlag, dass man sich mit dem Rückkehrrecht im Zusammenhang mit der Frage nach Entschädigung, nach Rückkehr der Palästinenser in ihren zukünftigen Staat auseinandersetzt. Die Israelis sollten vielleicht ihr Verständnis zum Ausdruck bringen für den Schmerz und das Leid der Palästinenser, Entschädigung ist wichtig, die Nachbarstaaten sollten sich dafür auch in die Verhandlungen einbringen, was mit den palästinensischen Flüchtlingen geschehen soll. Es ist eine wirklich tragische Situation und wir müssen dafür eine Lösung finden. "

Sari Nusseibeh glaubt daran, dass sich der Nahostkonflikt mit friedlichen Mitteln lösen lässt. Es ist einfach, sagt er. Es ist einfach, Frieden zu schließen.

" Es gibt keinen Grund, warum man glauben sollte, dass das nicht passieren wird. Es ist in unserer Macht, das geschehen zu lassen. Es liegt auch in unserer Macht, es nicht geschehen zu lassen. Es liegt wirklich an uns. Es ist einfach, einen palästinensischen Staat zu schaffen. "

"Es war einmal ein Land" ist ein faszinierendes Buch, ein kritischer Blick zurück auf einen fast hundertjährigen blutigen Konflikt. Es ergänzt ideal eine kleine Reihe von Büchern palästinensischer Intellektueller, die in den letzten Jahren auf den internationalen Büchermarkt gekommen sind und die den Nahostkonflikt aus der palästinensischen Warte schildern. Zu ihnen gehören die autobiographischen Werke von Edward Said, Ghada Karmi, Karl Sabbagh und Rashid Khalidi. Die meisten dieser Bücher liegen jedoch noch nicht in deutscher Sprache vor. Umso wichtiger ist diese nun in vorzüglicher deutscher Übersetzung erhältliche Ausgabe von Sari Nusseibehs "Es war einmal ein Land."

Bettina Marx über: "Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina" von Sari Nusseibeh. Das Buch erscheint im Verlag Antje Kunstmann, 520 Seiten kosten EUR 24,90.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk