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StartseiteForschung aktuellPersonalstreitereien um Generaldirektor Jan Wörner 05.02.2020

ESAPersonalstreitereien um Generaldirektor Jan Wörner

Führungspositionen in Europäischen Institutionen und Firmen werden oft nicht nur nach fachlichen, sondern auch nach politischen Kriterien besetzt. Bei der ESA steht eine Vertragsverlängerung des Generaldirektor-Postens an. Seit letzter Woche ist unklar, ob ESA-Chef Jan Wörner weitermachen wird.

Dirk Lorenzen im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Das Foto zeigt den ESA-Chef Johann-Dietrich Wörner bei einer Pressekonferenz im Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt im Dezember 2018. (dpa / picture alliance / Geisler-Fotopress / Jens Krick)
ESA-Chef Johann-Dietrich Wörner (dpa / picture alliance / Geisler-Fotopress / Jens Krick)
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Seit fast fünf Jahren ist Jan Wörner Chef der ESA, zuvor stand er sieben Jahre an der Spitze des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Doch während er beim DLR unangefochten an der Spitze stand, schwelt bei der ESA ein ständiger Machtkampf hinter den Kulissen. Bereits während der ersten Vertragsverlängerung 2018 gab es viel Kritik an ihm, nun steht eine neue Amtsperiode an. Nach einer E-Mail an seine Mitarbeiter ist nicht klar, ob er noch einmal antreten wird.

Uli Blumenthal: Dirk Lorenzen: Wie steht die ESA da, nachdem der Ministerrat in Sevilla Ende November fast 15 Milliarden Euro bewilligt hat?

Dirk Lorenzen: Herausragend gut. So erfolgreich ist die ESA noch nie gewesen. Sie hat genau das bekommen, was sie beantragt hat. Die Ministertreffen finden alle drei Jahre statt – bisher hat man meist bestenfalls 80 Prozent der erhofften Gelder bekommen. Dies war die erste Ministerratstagung, für die Jan Wörner als Generaldirektor ganz allein die Verantwortung trug. Der Triumph von Sevilla ist also sein Triumph. Die Kritiker müssten eigentlich verstummen, jedenfalls wenn es um die Sache ginge – und nicht um die Person.

Blumenthal: Warum gibt es immer wieder Querelen? Was wird ihm vorgeworfen?

Lorenzen: So ganz klar ist das nicht, es geschieht auch nicht auf offener Bühne. Die ESA ist eine sehr politische Organisation mit 22 Mitgliedsstaaten, darunter drei sehr große, was die finanzielle Beteiligung angeht – Deutschland, Frankreich und Italien. Da wollen alle mitreden. Jedes Land versucht natürlich auch, seine Leute in der ESA unterzubringen. Und mit Jan Wörner sind manche nicht richtig warm geworden. Er ist eben doch in vielem sehr unkonventionell, folgt wenig den sehr hierarchischen Strukturen der ESA, sprich auch mal mit Leuten vier Hierarchie-Ebenen tiefer. Das ist für mache da fast ein Schock und sorgt für gewisse Unruhe. Vor allem aus Frankreich kommen immer wieder Attacken. Die ESA-Zentrale liegt in Paris, die Raumfahrt ist in Frankreich über die Ariane-Rakete ja auch fast schon ein Teil des staatlichen Selbstverständnisses, vielleicht sieht man da die ein bisschen auch als Erbhof.

Trotz großer Unterstützung Zukunft unklar

Blumenthal: Also muss sich Jan Wörner eigentlich nicht wundern, wenn ihm aus den anderen Ländern die Unterstützung fehlt oder verloren gegangen ist?

Lorenzen: Nein, er halt sogar sehr viel Unterstützung bekommen! Das war sehr eindrucksvoll beim ESA-Ministerrat. Frankreich hat sich da vielleicht ein bisschen zurückgehalten, ansonsten haben fast alle Delegationen in ihren Eingangsstatements sehr demonstrativ seine Arbeit gelobt und ihm den Rücken gestärkt. Das war ein klares Zeichen. Wörners Vertrag läuft ja noch bis Mitte 2021. Üblicherweise wird etwa ein Jahr vorher festgelegt, ob man verlängert oder einen neuen Generaldirektor beruft. Also im Juni oder Juli müssen da Entscheidungen fallen. Die Politik muss sich ein bisschen sputen.

Blumenthal: Aber nun hat Wörner seinen Mitarbeitern geschrieben, er mache nicht weiter als bis Mitte 2021. Ende 2022 trifft sich dann der nächste Ministerrat – wie ist dieses Problem zu lösen?

Lorenzen: Diese E Mail halten viele für ein bisschen unglücklich formuliert. Er hat eben nur gesagt, er verlangt keine Verlängerung, also er hat diesen Schwung aus Sevilla nicht genutzt, um wirklich offen zu sagen, er will diese Verlängerung haben. Diese Verletzungen, von denen wir da am Anfang gehört haben, die scheinen dann eben doch sehr tief zu sitzen. Also er will diesen offenen Wahlkampf nicht machen, das wissen wohl die Mitgliedstaaten auch schon seit kurz vor Weihnachten. Naja, und dann gab es eben diese E Mail, die ein bisschen unglücklich ist, so sagen jedenfalls alle, mit denen ich gesprochen habe, wo er eben sich auch vielleicht ein bisschen weinerlich beklagt über schmutzige Spielchen, Gerüchte und eine Kampagne, die manche da eben wieder über die Medien führen, wie es damals 2018 war und das dies jetzt wieder anfängt.

Deutschland unterstützt Vertragsverlängerung

Blumenthal: Vor der ESA hat er sieben Jahre das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt geleitet. Wie sieht es mit der Unterstützung aus der deutschen Politik jetzt aus?

Lorenzen: Diese E Mail vom Samstag an alle Mitarbeiter, die hat sicherlich auch in der deutschen Politik erst mal für etwas Verwunderung gesorgt. Thomas Jarzombek, der Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, der äußerte sich auf meine Anfrage überrascht.  Dort hat man eben diese E Mail als Ankündigung vom Rückzug des Amts des Generaldirektors verstanden. Am Montag hat dann Jan Wörner in seinem Blog bei der ESA klargestellt, dass er so lange zur Verfügung stehe, wie die Mitgliedstaaten ihm vertrauen und solange, wie sie ihn als Generaldirektor wünschen. Das ist dann ja wohl doch eine erneute Bewerbung. Allerdings etwas durch die Hintertür.

Blumenthal: Aber diese Formulierung "genießt mein vollstes Vertrauen", die ist ja sozusagen nicht unbedingt empfehlenswert für solche Ämter, wie sie Jan Wörner jetzt bekleidet. Also wie sieht es konkret aus?

Lorenzen: Das muss ich jetzt weisen. Also Thomas Jarzombek hat in seinem Statement gestern auch betont, die Bundesregierung habe Herrn Wörner immer voll unterstützt. Es muss eben jetzt im Juni zum Schwur kommen. Dann muss man sehen, ob diese Unterstützung weitergeht. Dass andere ESA-Länder wie Frankreich oder Italien einen Generaldirektor aus dem eigenen Land fallen ließen, das ist kaum vorstellbar, hört man auf internationaler Bühne. Wirklich sachliche Gründe können ja auch kaum gegen eine Verlängerung sprechen, vielleicht gibt es ja im Hintergrund noch irgendeinen großen politischen Personalpoker in Europa. Aber auch für Thomas Jarzombek, der ja bei dieser ESA Ministerratssitzung zum ersten Mal die deutsche Delegation geleitet hat, war das hoch erfolgreich. Deutschland ist jetzt der größte Beitragszahler. Also Deutschland und die ESA sind fünf Jahre gut gefahren. Mal sehen, wie das weiter geht.

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